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Im Tiefflug über der Stadt St.Gallen: Bund misst Radioaktivität mit Super-Puma der Armee

Der Bund und die Armee messen die Strahlungswerte der Stadt St.Gallen mit einem fliegenden High-Tech-Labor. Dieses kann nebst wichtigen Daten auch abgestürzte Satelliten oder radioaktives Diebesgut ausfindig machen.

Raphael Rohner
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Kein typischer Lärm am Himmel über der Stadt St.Gallen. Kurz nach Mittag fliegt ein dunkler Helikopter im Tiefflug seinen Runden. Erstaunte Passanten blicken aus den Gassen gen Himmel, wo ein Militärhelikopter vorbeifliegt.

Der Super-Puma/Cougar der Luftwaffe fliegt im Tiefflug über St.Gallen.

Der Super-Puma/Cougar der Luftwaffe fliegt im Tiefflug über St.Gallen.

Bild:Raphael Rohner

Der Super-Puma der Armee, der sonst Material und Soldaten herumfliegt, dient bei diesem Einsatz über der Stadt als mobiler Strahlensensor: «Zwei Spezialisten bedienen im Helikopter ein rund 340 Kilogramm schweres hochsensibles Messgerät, mit dessen Hilfe radioaktive Strahlung am Boden innert kürzester Zeit aufgespürt werden können», sagt die Übungsleiterin für die Aeroradiometrie der Nationalen Alarmzentrale (NAZ) des Bundes, Cristina Poretti.

Spezialisten überprüfen Messdaten zur Radioaktivität im Super-Puma.

Spezialisten überprüfen Messdaten zur Radioaktivität im Super-Puma.

Bild: Luftwaffe

Seit mehreren Jahren verfolgte die NAZ ein Städtemessprogramm mit dem Ziel, Referenzmessungen von Schweizer Städten und grösseren Gemeinden zu erhalten, fügt Poretti an.

Abgestürzte Satelliten oder radioaktives Diebesgut können aus der Luft innert kürzester Zeit aufgespürt werden

Die Messdaten beim Flug über St.Gallen werden vorsorglich erhoben für den Fall, dass nach einem Ereignis Verdacht auf erhöhte Radioaktivität besteht und deswegen Messflüge durchgeführt werden müssten. Durch den Vergleich, der nach dem Ereignis erhobenen Messdaten mit der Referenzmessung, können Abweichungen einfacher erkannt werden. Die NAZ verfügt inzwischen über Messkarten zahlreicher Schweizer Städte.

Einsatzfälle, die solche Messkapazitäten und Daten erforderlich machen würden, sind Störfälle in Kernkraftwerken, Transport- und Industrieunfälle mit radioaktivem Material, Satellitenabstürze sowie Diebstähle radioaktiven Materials.

Übungsleiterin Cristina Poretti beim Briefing der Spezialisten.

Übungsleiterin Cristina Poretti beim Briefing der Spezialisten.

Bild: NAZ

Armeehelikopter fliegt ein Raster über der Stadt

Der Armeehelikopter fliegt bei seinem Messflug nicht ziellos umher. Poretti erklärt das Schema:

«Zur Erstellung einer lückenlosen Radioaktivitätskarte fliegt der Helikopter in der Regel in rund 90 Metern Höhe über dem Boden in vorprogrammierten parallelen Bahnen von 250 Metern Abstand. In nur drei Stunden können wir so etwa 100 Quadratkilometer ausmessen.»
Der Helikopter "scannt" das auszumessende Gebiet in parallelen Bahnen aus einer Höhe von rund neunzig Metern mit einer Geschwindigkeit von 150 km/h.

Der Helikopter "scannt" das auszumessende Gebiet in parallelen Bahnen aus einer Höhe von rund neunzig Metern mit einer Geschwindigkeit von 150 km/h.

Bild: NAZ

Die Daten der Radioaktivitätsmessung werden noch im Flug erfasst und grafisch dargestellt. Nach der Landung können die Messdaten detaillierter analysiert werden. Die ermittelten Daten der Übungswoche will die Nationale Alarmzentrale am Freitag auf ihrer Homepage publizieren.

Der Helikopter flog Bahnen über die Stadt.

Der Helikopter flog Bahnen über die Stadt.

Bild: Raphael Rohner

Bevölkerung per Alertswiss alarmiert

Dass ein solcher Flug über bewohntem Gebiet mit den Lärmemissionen auch die Akzeptanz der Bevölkerung herausfordert, versteht man beim Bund. «Aufgrund der tiefen Flughöhe des Helikopters kann es für die Bevölkerung zu einer gewissen Lärmbelastung kommen. Daher wird im Vorfeld via Medienmitteilung informiert, zudem wird jeweils am Morgen vor dem Flug eine Alertswiss-Meldung für das betroffene Messgebiet publiziert», sagt Poretti. Man verzichte beispielsweise auch auf Flüge während der Mittagszeit und beende pünktlich um 17 Uhr den Einsatz.

Im Helikopter sind hochsensible Messgeräte eingebaut um die Radioaktivität zu messen.

Im Helikopter sind hochsensible Messgeräte eingebaut um die Radioaktivität zu messen.

Bild: Raphael Rohner

Bei der Bevölkerung sorgt der Einsatz des Armeehelikopters teils für Verwunderung. Im Gegensatz zum Gros, wissen einige auch ziemlich detailliert darüber Bescheid, was da am Himmel fliegt: Ein Herr in der Marktgasse freute sich schon die ganze Woche auf die bevorstehende Übung am Himmel über der Stadt St.Gallen. Er trägt ein T-Shirt mit einem Super Puma der Schweizer Luftwaffe drauf:

«Ich bin ein Fan und sehe unsere Helikopter einfach gerne. Diese Technik fasziniert mich derart, dass ich mir daheim gerade ein Modellhelikopter des Typs baue, der da am Himmel fliegt.»

Während er versucht einen Blick auf die Maschine zu erhaschen, bemerken andere erst gar nicht, dass da etwas besonderes über ihre Köpfe fliegt.

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