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Im Thurgau gibt es eine Schule der Zukunft

Die Sekundarschule Müllheim können auch Kinder mit Autismus besuchen. Dafür haben kaum zwei Schüler den gleichen Stundenplan. Auch dank dieser Individualität setzt die Schule schon viele Vorgaben des neuen Lehrplans um. Das System erregt Aufsehen.
Larissa Flammer
Schulleiter Walter Strasser in seinem Büro an der Sekundarschule Müllheim. (Bild: Andrea Stalder)

Schulleiter Walter Strasser in seinem Büro an der Sekundarschule Müllheim. (Bild: Andrea Stalder)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Die Anzahl Schüler, die nicht ohne Hilfe durch die Schule kommen, nimmt zu. «Leider», sagt Walter Strasser, Leiter der Sekundarschule Müllheim. Er hat deshalb an seiner Schule ein integratives Förderkonzept eingeführt. Denn die separativen Angebote – Kleinklassen zum Beispiel – wurden weggespart. Müsste jedoch jeder Schüler mit grösseren Schwierigkeiten an eine Sonderschule, würde das den Kanton viel kosten, so der Schulleiter.

«Deshalb sind diese integrativen Ansätze so wichtig.»
Walter Strasser, Schulleiter Sek Müllheim

Die Sek Müllheim besuchen unter anderem auch Schüler mit kognitiven Schwächen, sehr stark ausgeprägtem ADHS und Autismus. Sie erhalten zum Teil Ergänzungsunterricht, während die anderen Schüler Wahlfächer belegen, oder besuchen in einzelnen Fächern separaten Unterricht in kleinen Gruppen, in denen wenige Themen vertieft behandelt werden. Einige der Schüler sind von Lernzielen befreit und erhalten anstelle eines Zeugnisses einen Bericht. «Nicht nur zu ihrem Nachteil», betont Strasser. So würden vor allem die Fähigkeiten der Schüler ins Zentrum gerückt und nicht deren Schwächen.

Ständige Durchmischung fördert soziale Kompetenzen

Ausgangspunkt für die integrative Förderung sind Lernlandschaften. Auch diese Art von Unterricht ist nicht weit verbreitet – noch nicht zumindest. Die Kombination von Lernlandschaft und integrierter Förderung an der Sekundarschule Müllheim hat daher Aufsehen erregt. Das kantonale Amt für Volksschule hat Strasser und seinem Team dazu gratuliert. Vor kurzem hat der Schulleiter zudem sein Konzept an einer Konferenz in der Innerschweiz vorgestellt, wo die Reaktionen ebenfalls positiv ausgefallen seien. Doch was macht Müllheim so anders als alle anderen?

Das sind Lernlandschaften

Lernlandschaften sind eine Ergänzung zum Frontalunterricht – Inputlektionen genannt. In Müllheim erhält eine Klasse zum Beispiel nur bei vier der sechs Lektionen Französisch herkömmlichen Unterricht. Die übrigen zwei Lektionen werden der Lernlandschaft zur Verfügung gestellt. Dort lösen die Schüler Aufgaben, die ihnen gestellt wurden, oder lernen. Einen grossen Teil der Zeit können sie selber einteilen. Sie können sich zusammentun und einen Gruppenraum buchen, sie können einen Computer beantragen, oder sie können sich für einen Arbeitsplatz im Gang bewerben. Die ganze Zeit stehen mehrere Lehrpersonen für Hilfestellungen bereit. (lsf)

Um alle Schüler – auch diejenigen mit Schwierigkeiten – individuell betreuen zu können, hat Strasser die Schulorganisation umgestellt. Für jeden Jahrgang gibt es vier Klassenlehrpersonen – Lerncoaches genannt. Dazu kommen Fachlehrkräfte und eine Heilpädagogin, die für jeden Jahrgang ein fixes Pensum zur Verfügung hat. Kaum zwei Schüler haben den genau gleichen Stundenplan. Je nach Niveau-Einstufung haben sie in vielen Fächern jeweils mit anderen, gleich starken Gspänli des Jahrgangs Unterricht. In der Lernlandschaft beaufsichtigen mehrere Lehrer Schüler verschiedener Lerngruppen, und Sport macht zum Teil ein ganzer Jahrgang gemeinsam. Strasser ist überzeugt:

«Durch diese ständig wechselnde Durchmischung stärken die Schüler ihre sozialen Kompetenzen.»

Dafür braucht es aber eine «planerische Meisterleistung», um Stundenpläne jedes Schülers, Pensum jedes Lehrers und Belegungspläne jedes Zimmers unter einen Hut zu bringen. Neben dem Schulleiter wurde in Müllheim zudem eine Stabsstelle geschaffen, die nur für die Schüler mit integrativer Förderung zuständig ist. So ist auch ein koordinierter Kontakt zum Kanton sichergestellt. Bereits im Winter nimmt die Schule jeweils mit den Primarlehrern Kontakt auf, um die Schüler kennen zu lernen, die im Sommer kommen. «So können wir unsere Plangrösse je nach dem noch etwas anpassen.»

Jeder Schüler wird eng begleitet

Walter Strasser musste sich schon den Vorwurf anhören, Schüler seien in diesem System mit ständig neuer Klassendurchmischung und Lernlandschaften doch verloren. «Stimmt nicht», sagt er. Der Klassenlehrer – oder eben Lerncoach – betreut etwa 16 Schüler während der ganzen drei Jahre. Jede Woche hat er mit jedem seiner Schüler ein schriftliches Coaching und etwa alle drei Wochen ein Gespräch. Er begleitet seine Schützlinge durch die Berufswahl und hält den Kontakt zu den Eltern. Alle Lehrer des Jahrgangsteams und auch die Heilpädagogin haben zudem gemeinsame, fest vorgegebene und auch bezahlte Sitzungen, in denen sie organisieren und sich austauschen. Jeder weiss daher über jeden Schüler Bescheid.

«Dafür brauchen wir teamfähige Lehrer. Wer das nicht kann, muss sich eine andere Schule suchen.»

Jeder Schüler führt ein persönliches Lernjournal, in dem er die ihm erteilten Aufgaben einträgt und dann für die Lernlandschaft sein Tun selber plant. «Das können längst nicht alle gleich gut. Es gibt grosse Unterschiede», sagt Strasser. Doch sowohl der Lerncoach als auch die aufsichthabenden Lehrer helfen den Schülern dabei und überprüfen den Arbeitsfortschritt. «Natürlich schaut ein Jugendlicher dort mal für eine Weile aus dem Fenster, anstatt zu lernen. Doch das gibt es in den Unterrichtsstunden auch.» Etwa drei Monate würden die Schüler brauchen, bis sie sich an das selbstständige Planen und Lernen gewöhnt hätten.

Das Modell Müllheim erfüllt viele Vorgaben des Lehrplans

Vor drei Jahren, als Strasser als Schulleiter in Müllheim anfing, hatte die Schule schon auf Lernlandschaften umgestellt. Doch das Misstrauen war damals noch gross. «Die Bevölkerung im Dorf traute der Sache nicht und war sehr kritisch eingestellt», sagt der 59-Jährige. Und obwohl er mit der integrativen Förderung das Konzept der Lernlandschaften noch weiterentwickelt hat, steht die Bevölkerung heute mehrheitlich hinter der Schule.

«Ich habe mich bemüht, den Leuten zu zeigen und zu erklären, was wir hier machen.»

Bevor Strasser nach Müllheim kam, war er Sekundarlehrer in Bürglen. Dort hat er als Behördenmitglied die Umsetzung der ersten Lernlandschaft im Kanton miterlebt. In Müllheim ist er nun noch einen Schritt weiter in die Zukunft gegangen. Für die Sekundarschule hat er zusammen mit Lehrerschaft und Behörde eine «Vision 2030» ausformuliert. Dabei setzt die Sekundarschule bereits mit ihrem heutigen System viele Vorgaben des neuen Lehrplans 21 um. Die Individualität, die überfachlichen Kompetenzen, das Lernen ausserhalb des normalen Klassenzimmers – das und vieles andere ist in Müllheim möglich.

Schüler übernehmen Elterngespräch grösstenteils selber

Im persönlichen Coaching und den Gesprächen müssen die Schüler sich zudem immer wieder selber reflektieren und einschätzen. «Etwa 80 Prozent eines Elternabendgesprächs übernimmt der Schüler mit seiner Selbsteinschätzung», sagt Strasser. Der Lerncoach hilft bei der Vorbereitung, ergänzt und moderiert. Immer wieder müssen die Schüler zudem Gelerntes und Erarbeitetes vor anderen präsentieren.

«Dabei lernen die Jugendlichen nicht nur sicher aufzutreten, sondern auch konstruktive Kritik zu äussern und damit umzugehen.»

Anderen Schulen, die dem Beispiel der Sekundarschule Müllheim folgen wollen, rät Strasser: «Das Rad nicht neu erfinden. Es gibt mittlerweile genügend vorbildliche Schulen in diesem Bereich.» Viele Aspekte ihres Konzepts hätten auch er und sein Team zusammengesucht. Einige Anpassungen brauche es jedoch meist an der Infrastruktur der Schule. «Für die grossen Lernlandschaften haben wir einfach Wände herausgenommen.» Von der Idee bis zur Etablierung eines solchen System dauere es etwa acht Jahre.

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