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Im Tal der kalten Betten: «Es braucht im Toggenburg drei, vier Top-Hotels»

Um die Hotels im Obertoggenburg steht es nicht zum Besten. Zu wenig Gäste wollen im Tal übernachten. Reichen erneuerte Häuser für den Aufschwung, oder braucht es ein neues Zugpferd? Die Meinungen gehen auseinander.
Regula Weik, Christoph Zweili
Wenig gefragt: Die Hotelschlüssel bleiben im Toggenburg oft an der Rezeption hängen. Bild: Getty

Wenig gefragt: Die Hotelschlüssel bleiben im Toggenburg oft an der Rezeption hängen. Bild: Getty

Der Schnee ist weg. Die Hotelträume sind es auch. Geschmolzen an der Sonne. Verworfen an der Urne. Die Wiese oberhalb der Talstation der Bergbahnen, wo das neue Hotel hätte gebaut werden sollen, bleibt leer. Das Dorf ist es nahezu auch. Es ist Zwischensaison. Für die einen die Zeit, dem abgelehnten Jufa-Hotel Krokodilstränen nachzuweinen und den Katzenjammer im Tal zu pflegen. Für die andern der Moment, durchzuatmen und sich auf die neue Saison vorzubereiten.

Hätten die Einwohnerinnen und Einwohner von Wildhaus-Alt St.Johann dem Gemeindebeitrag ans Bauprojekt ausländischer Investoren zugestimmt, gäbe es künftig 51 Hotels im ganzen Toggenburg. So sind es 50. Die Hälfte davon steht zuoberst im Tal – in Wildhaus, in Unterwasser, in Alt St.Johann. Die Gemeinde bietet 1208 Hotelbetten. Einwohner zählt sie 2639. Sie bleiben meist unter sich. Besonders, wenn es dunkel zu werden beginnt. Tagsüber drängen sich Ausflügler, Naturliebhaber und Sportler ins Tal; abends fahren sie wieder heim – um sich ins eigene Bett zu legen. 1208 Hotelbetten und die meisten bleiben kalt. Stimmt das Angebot nicht? Spürt das Toggenburg die allgemeine Hotelkrise stärker als andere Regionen?

Die Bedürfnisse der Gäste änderten sich immer wieder – «weil das Reisen und der Tourismus ein Spiegelbild der sich ändernden Gesellschaft sind und diese ändert sich immer rascher, immer rasanter», sagt Pietro Beritelli, Professor für Tourismus an der Universität St.Gallen. «Wenn man Veränderungen als Voraussetzung für Krisen betrachtet, ist die Hotellerie folglich immer in der Krise. Das gilt auch für die Stadthotellerie. Da gibt es laufend Gewinner und Verlierer.»

Auf die Frage, wie er das Angebot einschätze, antwortet Christian Gressbach, Geschäftsführer von Toggenburg Tourismus: «Die Hotellerie im Obertoggenburg ist offensichtlich in die Jahre gekommen.» Es sei nicht nichts getan worden. Einzelne Hotels und Pensionen seien erneuert worden – von Zeit zu Zeit. «Doch eine schrittweise Erneuerung ist nicht vergleichbar mit einer kompletten Renovation», sagt Gressbach. Der Grund, weshalb Hotelbetriebe nicht öfter renovieren, ist rasch gefunden: «Oft fehlt das nötige Kapital für eine grössere Investition.» Eine Adresse in der Region fällt laut Gressbach derzeit positiv auf: das Hotel Hirschen in Wildhaus. «Es nimmt 3,5 Millionen Franken in die Hand und erneuert die Gästezimmer komplett.»

«Wäre die Komplettrenovation nicht möglich
gewesen, hätten wir Ende Jahr aufgehört.»

Michael Müller, Hotel Hirschen Wildhaus, Gastgeber in sechster Generation

Unkonventionellen Weg für Finanzierung gewählt

Michael Müller, Chef des «Vorzeige-Hotels», schmunzelt: «Wir sind für die guten Nachrichten aus dem Toggenburg zuständig.» Doch auch er kennt die Mühen und Sorgen, einen Hotelumbau zu finanzieren. «Wir waren uns bewusst, dass wir von den Banken das benötigte Kapital nicht bekommen.» Und so schlug der «Hirschen»-Hotelier bei der Finanzierung einen völlig neuen Weg ein: Er stiess auf das Unternehmen «Furnirent» in Österreich. Dieses finanziert den Umbau zu 50 Prozent. Die restlichen 50 Prozent bringt die Hoteliersfamilie – privates Kapital sowie Geld der regional ansässigen Hausbank und der Schweizerischen Gesellschaft für Hotelkredit. Müller mietet dann die Zimmer über mehrere Jahre zurück – eine Art Hotelzimmer-Leasing. In der Ostschweiz ist er mit diesem Modell Pionier.

Vor drei Jahren haben Simone und Michael Müller in sechster Generation das Hotel Hirschen übernommen. Schon damals war klar: Sie wollen den Betrieb auf Vordermann bringen – und dies richtig. «Unsere Zimmer müssen unserem Qualitätsempfinden entsprechen», sagt Müller. Die Räume häppchenweise und nur leicht zu renovieren, kam für ihn nicht in Frage. Man löse das Problem nicht, indem man einige Zimmer erneuere und andere belasse; das älteste im «Hirschen» ist 60-jährig. Unumwunden sagt Müller: «Wäre die Komplettrenovation nicht möglich gewesen, hätten wir Ende Jahr aufgehört.» Davon ist die Familie heute weit entfernt; Anfang Juni lädt sie zum Eröffnungsevent ihrer 40 neuen Hotelzimmer und Junior Suiten.

Der unkonventionelle Weg Müllers hat Kritiker im Tal. Das Leasingmodell wird skeptisch beaugapfelt. Dass das österreichische Unternehmen seine eigenen Handwerker mitbringt, wird nicht überall goutiert. Müller weiss darum. Die einheimischen Betriebe seien bei Arbeiten «innerhalb der Wände» zum Zuge gekommen – bei Strom, Wasser und so weiter. Es seien Arbeiten von insgesamt 500'000 Franken im Tal geblieben.

Wer sich mit Müller unterhält, spürt rasch: Er liebt das Toggenburg – «eine unterschätzte Gegend» – und er glaubt an das grosse Plus des Tals: die Natur, die Landschaft. Auch Gressbach beobachtet: «Die Verbundenheit mit der Region ist bei allen Hoteliers zu spüren.» Doch leider sei nicht überall die Nachfolgeregelung geklärt. «Für einen jungen Hotelier kann es attraktiver sein, in einem neuen Stadthotel im zweiten Glied zu wirken, als die Geschäftsführung in einem Toggenburger Betrieb zu übernehmen.»

Paul Beutler kam vor 42 Jahren ins Tal und er sei «trotz verschiedenster Ups und Downs noch immer mit Leib und Seele in der Toggenburger Hotellerie tätig». Für eines der drei Beutler-Hotels – «Säntis» in Unterwasser, «Toggenburg» und «Sonne» in Wildhaus – hat er eine familieninterne Lösung gefunden. Die «Sonne» führt seit ein paar Jahren seine Tochter.

Beutler hat sich über die negativen Medienberichte «über unser schönes Hochalpental» geärgert, nachdem die Bevölkerung im April das Jufa-Hotel an der Urne bachab geschickt hatte. «Der Begriff ‹Ausverkauf der Heimat› ist offensichtlich nur für russische oder chinesische, jedoch nicht für gemeindeunterstützte, europäische Investoren gültig.» Die negativen Berichte seien «reine Angstmacherei und Verkennung der einheimischen Bevölkerung, die sich tagtäglich für das Tal einsetzt und mit ufegliztä Hemdsärmel die Zukunft gestalten wird – hoffentlich mit neuen Investoren, aber notfalls auch ohne diese.»

Junge, innovative Kräfte gesucht

Hätte das Jufa-Hotel den erhofften Schwung in die Toggenburger Hotellandschaft gebracht? Das sei schwierig zu beurteilen, sagt HSG-Professor Beritelli. «Es zeigt sich aber weltweit, dass die Erschliessung neuer touristischer Infrastrukturen durch externe Investoren ihre Vorteile, aber auch Nachteile hat. Am Ende geht es um eine Güterabwägung.»

Ein neues Hotel, so Tourismus-Geschäftsführer Gressbach, wäre für die Destination sicher «vorteilhaft und für neue Gäste anziehend» gewesen. «Es braucht drei, vier Top-Hotels, die überregional ausstrahlen.» Und: «Wünschenswert wären vermehrt junge innovative Kräfte, die über mehrere Jahre im Toggenburg wirken wollen.»

«Es braucht im Toggenburg drei, vier
Top-Hotels, die überregional ausstrahlen.»

Christian Gressbach, Geschäftsführer Toggenburg Tourismus

Einer, der noch jung und erst kürzlich ins Hotelgewerbe eingestiegen ist, ist Skispringer Simon Ammann. Er hat das Hotel Hirschen in Alt St.Johann ersteigert. Wann er es eröffnen und wer es führen werde, sei noch offen, sagte Ammann Anfang Monat gegenüber dem «Tagblatt». Er sei zuletzt oft in Alt St. Johann gewesen. Seine Frau und er hätten geräumt und inspiziert. Er würde gerne einen Ort schaffen, der seine Geschichte erzählt, hatte Ammann im Februar der «NZZ» gesagt. «Es ist nicht unbedingt eine Stärke des Toggenburgers, sich selber darzustellen. Dies auf eine sympathische Art zu machen, würde mich reizen.»

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