Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Wenn auf alten Ostschweizer Häusern keine Solaranlagen gebaut werden dürfen: Denkmalschutz als Verhinderer der Energiewende?

Nur ein Bruchteil der potenziellen Sonnenenergie wird in Strom umgewandelt. Der Denkmalschutz steht als Verhinderer da.
Noemi Heule
Eine Solaranlage im Dorf Weite in der Region Werdenberg: Was auf Industriedächern erwünscht ist, stösst im geschützten Dorfkern auf Ablehnung. Bild: Ralph Ribi

Eine Solaranlage im Dorf Weite in der Region Werdenberg: Was auf Industriedächern erwünscht ist, stösst im geschützten Dorfkern auf Ablehnung. Bild: Ralph Ribi

Die Gemeinde rühmt sich als die Sonnenstube des Rheintals. Die Sonnenstunden vergehen in Wartau denn auch nicht ungenutzt. Allen voran im Dorf Weite treibt die Sonnenenergie Heizungen, Waschmaschinen und Kühlschränke an. Fast 16 Prozent des Solarpotenzials schöpft das 1350-Seelendorf aus. So viel wie keine andere Ortschaft im Kanton. Da strahlt auch der Gemeindepräsident. Nur etwas überschattet den Spitzenplatz: «Die Quote könnte noch deutlich höher sein», ist Beat Tinner überzeugt.

Wäre da nicht der Denkmalschutz.

Vier Dorfbilder von nationaler Bedeutung befinden sich in Wartau, der Vieldörfergemeinde im Werdenberg. Wer sein Dach im Kern von Azmoos, Oberschan, Gretschins oder Fontnas mit einer Photovoltaikanlage bestücken will, muss bei der kantonalen Denkmalpflege anklopfen. Und diese zeige eine «rigide Bewilligungspraxis», schreibt der Gemeindepräsident und Präsident der FDP-Fraktion im Kantonsrat in einem Beitrag auf der Onlineplattform «Die Ostschweiz».

Auf Anfrage nennt er ein Beispiel: Kürzlich wollte der Eigentümer eines Einfamilienhauses aus den 1930er-Jahren im geschützten Dorfbild von Azmoos eine Photovoltaik-Anlage errichten. Die kantonale Denkmalpflege lehnte das Gesuch ab. Erst als die Gemeinde intervenierte, wurde das Vorhaben doch noch bewilligt. Ansonsten hätte der Bauherr gegen den Entscheid vorgehen müssen, führt Tinner aus.

«Das ist nicht nur nervenaufreibend, sondern mit Kosten verbunden und schreckt Eigentümer ab.»

Denkmalpflege will Energiewende nicht blockieren

Die Denkmalpflege widerspricht: «Wir wollen nicht als Verhinderer der Energiewende dastehen», sagt Michael Niedermann. Der kantonale Denkmalpfleger appelliert dazu , die Verhältnismässigkeit zu wahren. Nur knapp drei Prozent aller Bauten stehe unter Denkmalschutz oder innerhalb eines geschützten Ortsbildes von kantonaler oder nationaler Bedeutung. Lediglich ein Bruchteil aller Anträge landet deshalb überhaupt auf seinem Schreibtisch. Für alle anderen sind die Hürden im Zuge der Förderung erneuerbarer Energien möglichst klein gehalten; Solaranlagen müssen nicht mehr bewilligt, sondern nur gemeldet werden. Auf der Webseite des Kantons werden die Gewinnung erneuerbarer Energien und der Erhalt historischer Bauten und Ortsbilder als gleichwertige Interessen angegeben.

Ranking: Kleine Dörfer kommen gross weg

In der Schweiz liegt viel Potenzial für Solarenergie brach. Dies zeigt eine Studie, die der WWF vergangene Woche veröffentlicht hat. Untersucht wurde, wie viele geeignete Dachflächen tatsächlich mit Fotovoltaik­Anlagen bestückt sind. Der Schweizer Durchschnitt liegt bei rund 3 Prozent; Der Kanton St. Gallen schafft es mit ­ 4 Prozent knapp darüber. Die landesweiten Spitzenreiter nutzen gemäss WWF bis zu 23 Prozent der möglichen Flächen aus. In St. Gallen schwingt das Dorf ­Weite mit knapp 16 Prozent obenaus, ­gefolgt von Schwarzenbach in der Gemeinde Jonschwil, Marbach und Rossrüti bei Wil. Auch andere Rheintaler Gemeinden schneiden gut ab, insbesondere was die schiere Anzahl anbelangt. Sevelen zählt 210 Solaranlagen, Widnau 197 und Diepoldsau 162. Auch die Stadt Wil sticht mit insgesamt ­170 Anlagen heraus. Die Studie ist nicht nach Gemeinden, sondern nach Postleitzahlen ausgewertet, was insbesondere kleinen Dörfern zugute kommt. Dort fällt eine Grossanlage auf einem Industriegebäude im Verhältnis zur Anzahl verfüg­barer Flächen stärker ins Gewicht. Als weitere mögliche Gründe für die grossen lokalen Unterschiede führt der WWF einzelne Solarpioniere, eine aktive Kommunikation der Gemeinde oder gute Förderbedingungen auf. (nh)

Von allen Gesuchen, die bei der Denkmalpflege eingehen, werde laut Niedermann pro Jahr wiederum nur eine Handvoll abgelehnt. Alle anderen müssen Auflagen einhalten und dürfen die Kulturobjekte nicht wesentlich beeinträchtigen. Ein Eigentümer einer Scheune in einem historischen Weiler etwa wurde angehalten, auf ziegelrote Solarpanels auszuweichen. Dieses Novum kam in St.Gallen noch nie zum Einsatz, jedoch im freiburgischen Ecuvillens, wo die terrakottafarbenen Platten auf einem geschützten Bauernhaus erstmals eingesetzt wurden. Die Panels, mit Siebdruck eingefärbt, haben allerdings einen höheren Wirkungsgradverlust als herkömmliche Modelle. Sie ahmen dafür natürliche Materialien nach. Ansonsten spricht Niedermann von grossen, glatten, spiegelnden Oberflächen, die oft im Widerspruch stünden zu den erdigen, holzigen Tönen geschichtsträchtiger Bauten.

Auf Industrieanlagen statt auf Altstadtdächern

Ohnehin sagt Niedermann: «Das Potenzial für Solarstrom liegt nicht auf kleinen Dachflächen denkmalgeschützer Bauten, sondern auf grossen Industrieanlagen.» Gleicher Meinung ist Erol Doguoglu, Kantonsbaumeister im Kanton Thurgau. «Es macht keinen Sinn, die Altstädte mit einer Vielzahl kleinteiliger Photovoltaikanlagen zu belegen.» Auch er will Denkmalpflege und Energiewende nicht gegeneinander ausspielen. Es gebe genügend Flächen, wo sich beide Interessen nicht widersprächen und Solaranlagen hochwillkommen seien. Bei Solaranlagen gelte zudem der Grundsatz: Je kleiner, desto weniger wirtschaftlich, sagt Doguoglu, der im Thurgau diverse Dächer kantonaler Liegenschaften mit Photovoltaik bestückt, etwa auf dem Verwaltungsgebäude in Frauenfeld oder der Pädagogischen Hochschule in Kreuzlingen. Nicht jeder brauche eine Solaranlage auf dem eigenen Einfamilienhaus, fügt Denkmalpfleger Niedermann an. Wer Solarstrom wolle, könne sich alternativ an einer Grossanlage beteiligen.

Auch in Weite in der Gemeinde Wartau gab die Grossanlage eines Gemüsehändlers den Ausschlag für den Spitzenplatz auf der WWF-Rangliste: Die Müller Amoos AG rüstete ihre weitläufigen Lagerhallen mit Photovoltaikanlagen auf. Doch auch diverse Kleinanlagen finden sich im sonnenverwöhnten Dorf, insgesamt zählt es 40 Solaranlagen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.