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Kolumne

Im Paradies, wo auch Sünder willkommen sind

Im Thurgauischen Weiler Paradies wohnen etwa 20 Personen. Es gibt ein Restaurant, wo auch Sünder essen dürfen, und statt Flamingos und Löwen Eisvögel und Biber.
Janina Gehrig

Der Himmel über Dachsenhausen, Trüllikon und Truttikon wird immer dunkler. Nach dem Schild zur Kläranlage folgen niedergemähte Felder, auf denen Saatkrähen umherhüpfen. Dann Hunderte Sonnenblumen, die wie vergessene Gestalten ihre Köpfe hängen lassen. Laut Navi folgt jetzt ein Ort namens Galgebuck. Die Hoffnung, hier das Paradies zu finden, schwindet.

Hier heisst der Dunst Nieselregen, es spriessen Kürbisse und Kabis

Doch das Ortsschild des Weilers der Gemeinde Schlatt, am äussersten Rand des Kantons Thurgau, ist unmissverständlich. Hier ist Paradies. Auf das Neuparadies folgt am Südufer des Rheins das Altparadies. Der Fluss zieht gemächlich vorbei, Blätter rascheln im Wind, in der Ferne bimmelt ein Glöckchen. Man ruft sich das Bild in Erinnerung, das man nun vorzufinden gedenkt. Üppig ernährte Leiber, die keiner Kleider bedürfen. Die mit Löwen, Pfauen und Rehen im Einklang leben. An jedem Baum Früchte, auf jeder Wiese Blumen. Wasserfälle, die in türkis schimmernde Quellen plätschern, und über die ganze Herrlichkeit spannt sich im Dunst ein Regenbogen. Hier heisst der Dunst Nieselregen. Spriessen soll es zuweilen auch: Kürbis, Kabis und Blumen «zum selber schneiden» locken Autofahrer auf Abwege.

Vor dem Restaurant Paradies gedeiht ein Labyrinth aus Hecken. Hier waren bis vor wenigen Tagen noch «Sünder und Geniesser herzlich willkommen», wie ein Banner verspricht. Der Wirt hat die Lichter ausgemacht bis zum nächsten Frühling. Ob er in einem der Flieger sitzt, die vom Himmel dröhnen, noch einmal an die Sonne?

Wieder herrscht Stille. Einige Velofahrer in Regenmontur ziehen vorbei. Damit die Sommergäste gar nicht erst in Versuchung kommen, mahnen Schilder, Gummiboote und Kajaks nicht auf dem Rasen zu platzieren, Fahrräder nicht ausserhalb der Veloständer abzustellen.
Verboten ist «Unbefugten» auch der Zutritt zur Klosteranlage Paradies, die 1253 vom Klarissinnen-Orden gegründet und bis 1836 als solche betrieben wurde. Wer der Versuchung nicht widerstehen kann, betritt über eine Brücke einen verwunschenen Garten, wo die Bäume mit Efeu bewachsen sind, die Mauern voller Moos, ein Bächlein fliesst. Seit 1918 gehört die Anlage der Georg Fischer AG in Schaffhausen. Die Räume dienen als Tagungsort, der Park für Bankette. Es rumpelt, ein himmlischer Duft weht aus der Küche.

Bis zu 300 Mal täglich fährt die Fähre über den Rhein

Auf dem Weg zurück steht einer der etwa 20 Einwohner von Paradies. Er wedelt mit einem Couvert, steckt es wieder zurück in den Briefkasten. Irdische Pflichten rufen, «die provisorische Steuerrechnung. Man lebt gut hier, aber es kostet was», sagt der Rentner. «Ich könnte es nicht schöner haben. Ausser zwei Linksweichen für die Modellbahn fehlt es mir an nichts.» Er lacht und fährt weg – zum Zahnarzt nach Zürich.
Ein weiterer Bewohner ist Roland Walter. Weit geöffnet ist das Hemd unter der Jacke, ein goldiger Anker baumelt um seinen Hals. Seit 42 Jahren fährt er seine Fährbötchen über den Rhein. Sieben Tage in der Woche. Paradies-Büsingen, manchmal bis zu 300 Mal täglich. Drei Franken kostet die Fahrt, Velos und Kinder die Hälfte.

Wenn der Winter kommt, bleibt die Fähre an Land. Dann befreit Walter in der Scheune rund 200 Boote von den Algen, lässt sie reparieren. Er sei wohl der einzige, der im Paradies nicht nur wohne, sondern auch arbeite, sagt der 72-Jährige. «Hier ist für mich das Paradies. Nicht, weil der Ort so heisst, sondern weil ich den Beruf gern mache», sagt er, der nie in die Ferien fährt und nie im Ausland war, «höchstens mal im Tessin». Während er über den Rhein steuert, zur deutschen Exklave, erfährt man, dass hier zwar keine Flamingos und Löwen, dafür Eisvögel und Biber leben. Und sich die Badenden gerne auf der Petriwiese sonnen. Nicht weit davon entfernt gibt es Ortschaften, die Galgenacker und Mörderbuck heissen.

Wieder bimmelt das Glöckchen vom Kirchdach. Das Gotteshaus ist verschlossen. Vom Bauernhof nebenan rennen zwei Schweine her. Sie grunzen, es klingt wie ein Lachen. Der Himmel hat sich verdunkelt. Es giesst wie aus Kübeln. Auch das Paradies bleibt vor dem Ex-Hurrikan Lorenzo nicht verschont.

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