Im Land der Libellen und Zikaden

Der St. Galler Thomas Karrer lebt seit 21 Jahren in Tokio und geht einem ungewöhnlichen Hobby nach. Er sammelt Insekten. In Japan sei die Vielfalt dieser kleinen Tiere um einiges grösser als in der Schweiz, sagt der Deutschlehrer.

Roger Walch/Kyoto
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Thomas Karrer zog vor 21 Jahren nach Japan. Eine Entscheidung, die er nicht bereut habe, wie er sagt. (Bild: Roger Walch)

Thomas Karrer zog vor 21 Jahren nach Japan. Eine Entscheidung, die er nicht bereut habe, wie er sagt. (Bild: Roger Walch)

Seit seiner frühen Kindheit kennt er eine grosse Leidenschaft: das Insektensammeln. Der im St. Galler Rotmonten-Quartier aufgewachsene Thomas Karrer machte schon als Bub die Parks, Gärten und umliegenden Wälder auf der Suche nach Käfern und Heuschrecken unsicher. «Wegen meines ungewöhnlichen Hobbys wurde ich als Kind in der Schweiz mehr als einmal schräg angesehen», sagt er, lacht und lässt seinen Blick über den frisch renovierten Hauptbahnhof von Tokio schweifen. «In Japan heisst es, der Gesang der Zikaden mache die schwül-heissen Sommertage erträglicher», fügt er an. Und tatsächlich gehört Entomologie in Japan zur Alltagskultur. An schönen Sommertagen sieht man überall mit Netz und Insektenkäfig ausgerüstete Kinder. Sie sammeln Hirschkäfer, Grillen und Zikaden und veranstalten Käfer-Kämpfe. Viele halten die Insekten als Haustiere.

Perfektes Japanisch

Seit 21 Jahren lebt der 1963 geborene St. Galler im quirligen Viertel Shinjuku in Tokio, wo er hauptsächlich Deutsch an der Meiji-, der Sophia- und der Dokkyo-Universität unterrichtet. Man merkt sofort, dass Thomas Karrer breit gebildet ist. Im Hauptfach studierte er Ur- und Frühgeschichte, in den Nebenfächern Japanologie und klassische Archäologie. Er hat eine Affinität zu japanischer Literatur und spricht perfekt Japanisch. «Die Entscheidung, nach Japan zu ziehen, war die beste meines Lebens. Ich habe sie kein einziges Mal bereut», spricht er aus Überzeugung.

Insektenkunde als Leidenschaft

Als leidenschaftlicher Hobby-Entomologe gibt er seit über drei Jahren am Open College der Universität entsprechende Kurse: Ein Einführungskurs in die Entomologie gehört ebenso dazu wie die Taxonomie, die Morphologie und das Präparieren von Insekten. Selber sammelt Thomas Karrer mit Vorliebe Käfer. Japan ist für ihn in dieser Hinsicht interessanter als die Schweiz, weil das asiatische Land diesbezüglich eine viel grössere Vielfalt aufweist. Im Land der aufgehenden Sonne gebe es nicht weniger als 160 Libellenarten, während es in der Schweiz nur gerade 20 seien, sagt Thomas Karrer. Auch die japanischen Gottesanbeterinnen haben es ihm angetan. Diese faszinierten ihn in ihrer majestätischen Grösse und Eleganz.

Er geniesst es aber auch, in Japan Deutsch zu unterrichten und gleichzeitig als Kulturvermittler tätig zu sein. «Die 18- bis 22jährigen Studierenden sind noch offen, nicht rigid und angepasst», meint er. Der Kontakt zu den jungen Japanerinnen und Japanern macht ihm Spass. «Im Unterricht versuche ich auch eine andere Lebenseinstellung zu vermitteln. Die andere Kultur vorzuleben ist mir wichtiger als bloss trockene Grammatik zu pauken.» Es freut ihn, wenn er Anstösse geben und andere Lebenswege aufzeigen kann. «Nicht alle Japaner müssen automatisch zu Salarymen, typischen Büroangestellten werden.»

Ein Garant für Stabilität

Der Bezug zur Heimat ist nach wie vor gross. Jeden zweiten oder dritten Sommer besucht er seinen Vater in Rotmonten und die Verwandten in den übrigen Teilen der Stadt. Für ihn ist St. Gallen ein Garant für Stabilität, Kontinuität und Sicherheit, weil sich dort vergleichsweise wenig verändert hat. «In Japan, wo nicht für die Ewigkeit gebaut wird, verändern sich innerhalb von kurzer Zeit ganze Stadtviertel. Tokio ist im Gegensatz zu St. Gallen enorm schnelllebig.»

Wichtig ist ihm, dass auch seine dreijährige Tochter Yu mit nach St. Gallen kommt, damit sie ihre Schweizer Wurzeln pflegen kann. Obwohl es nicht einfach ist, versucht er sein Kind zweisprachig zu erziehen und spricht mit ihr Hochdeutsch. Im Hinblick auf die zukünftige Schullaufbahn mache dies für ihn mehr Sinn als Schweizerdeutsch. Mit seiner Frau Akiko, die als Englisch-Dozentin an der Universität arbeitet, ist er seit vier Jahren verheiratet.

Herbe Enttäuschung

Unmittelbar nach der Fukushima-Katastrophe flog das Paar wegen des Kindes zunächst fünf Monate in die Schweiz, um die Situation abzuwarten. «Wenn die Informationspolitik der japanischen Regierung offener gewesen wäre, hätten wir wahrscheinlich mehr Vertrauen gehabt», sagt Thomas Karrer. «So viele Lügen wurden verbreitet. Es hat mich erschüttert, wie sich die Japaner untereinander anlogen. Das war die grösste Enttäuschung in meinen 21 Jahren in Japan». Ansonsten findet er das Leben als «Gaijin» – Ausländer – in Nippon ganz angenehm: «Man kann selber bestimmen, wie weit man sich integrieren will. Es gibt in der Tat einen Ausländerbonus.» Solange er arbeitet, möchte er mit seiner Familie in Tokio bleiben. Ziel ist es, wenigstens den August und die erste Septemberhälfte jeweils in Europa zu verbringen. «Ich möchte aus beiden Welten das Beste machen», sagt er noch, bevor er sich auf sein Velo schwingt und vom Grossstadtverkehr Tokios verschluckt wird.

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