Im Land der Expo-Skeptiker

APPENZELL. Die erste Landesausstellung in der Ostschweiz erscheint am Horizont. Doch in Innerrhoden kümmert das kaum jemanden. Wir wollten in einer Umfrage herausfinden, warum der Kanton auf der Landkarte der Expo 2027 bis jetzt ein weisser Fleck ist – und ob er das bleiben soll.

Marcel Elsener/Andri Rostetter
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«Nicht mit dem Finger auf jene zeigen, die nicht wollen»: Strassenszene am Fronleichnamstag im Dorf Appenzell. (Bild: ky/Ennio Leanza)

«Nicht mit dem Finger auf jene zeigen, die nicht wollen»: Strassenszene am Fronleichnamstag im Dorf Appenzell. (Bild: ky/Ennio Leanza)

Nachdem der Bundesrat die Ostschweizer Expo-Pläne grundsätzlich begrüsst, tritt das Projekt in eine entscheidende Phase. Diesen Freitag informieren die Kantone St. Gallen, Thurgau und Appenzell Ausserrhoden über den Stand der Planung. Es sind jene drei Kantone, die das Projekt seit 2011 vorangetrieben haben, obwohl sich Graubünden, Glarus, Schaffhausen sowie Innerrhoden damals dagegen aussprachen.

Zumindest von Innerrhoden erhoffen sich die Expo-Planer noch eine Zusage. «Ich denke, dass der Kanton einfach noch Zeit braucht», sagte der St. Galler Expo-Vereinspräsident Paul Schlegel kürzlich. Die Innerrhoder Regierung hält bis heute an ihrer skeptischen Haltung fest.

Zwei explizite Befürworter

Und doch gibt es Befürworter – immerhin zwei Innerrhoder Politiker sind es, die explizit eine Expo-Teilnahme fordern. Schon seit längerem begeistert ist CVP-Ständerat Ivo Bischofberger, der Ende 2013 sagte: «Für mich ist klar, dass Innerrhoden ein fester Bestandteil des Bodenseeraums ist und daher konzeptionell zu einer Expo 2027 Bodensee-Ostschweiz dazugehören soll.»

Der andere ist Grossratspräsident Thomas Mainberger, der prompt dem Expo-Förderverein beigetreten ist. Nach der letzten Session hat er im Parlament Expo-Flyer aufgelegt – ohne Feedback. «Es hat mir niemand auf die Schultern geklopft. Ich wurde aber auch nicht kritisiert.» Für Mainberger ist eine Ostschweizer Expo ohne Innerrhoden undenkbar – und er zeigt sich überzeugt, dass es auch den anderen Ostschweizer Kantonen so geht. «Man würde uns vermissen.» Doch was es mit dem Innerrhoder Abseitsstehen auf sich hat, darüber kann auch Mainberger nur spekulieren. «Wir konzentrieren uns mehr auf das Machbare – auf das, was wir selber machen können, ohne Hilfe von aussen.» Bei der Expo geht das nicht. Eine Landesausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt, eine grenzüberschreitende Vision. Und ein kostspieliges Abenteuer. Es geht um mehrstellige Millionenbeträge für die Kantone, es müssen Zusatzaufgaben verteilt, Stellen geschaffen, Projektverantwortliche ernannt werden. Eine schlanke Verwaltung stösst da schnell an ihre Grenzen. «Sogar unsere Kantonsregierung arbeitet Teilzeit», sagt Mainberger. «Da begegnet man einem Grossprojekt wie einer Expo schon mit einer gewissen Vorsicht.»

Konservative Zufriedenheit

Ist denn Innerrhoden zu klein für grosse Ideen? «Wir fühlen uns nicht klein», sagt Rolf Rechsteiner dezidiert. Der Chefredaktor des «Appenzeller Volksfreunds» beobachtet die Innerrhoder Seele sozusagen hauptberuflich. Und als Oberegger hat er das Privileg des Exklavenbewohners: die gleichzeitige Sicht von innen und von aussen. Kommt man mit Rechsteiner auf die Innerrhoder Gemütslage zu sprechen, sagt er: «Es ist eine Art konservative Zufriedenheit. Innerrhoden ruht in sich selbst.» Überheblichkeit? Rosinenpickerei? «Die Gefahr besteht, dass wir so wahrgenommen werden», sagt Rechsteiner. «Das ist es aber nicht. Es braucht vor allem Selbstbewusstsein, einfach mal abzuwarten und zu sagen: Wir kommen vielleicht später.»

«Da wurde etwas erreicht»

Dieses Selbstbewusstsein spürt man beim obersten Innerrhoder Touristiker, Guido Buob, wenn er sagt: «Allein für den Zweck, dass die Ostschweiz eine Identität erhält, braucht es keine Expo. Man muss nichts auf Teufel komm raus erzwingen und mit dem Finger auf jene zeigen, die nicht wollen.» Selber sei er «hin und her gerissen» und wolle «den politischen Prozess abwarten». Einerseits fragt sich der Geschäftsführer von Appenzellerland Tourismus, ob «eine Expo noch zeitgemäss ist und das Geld nicht besser nachhaltig einzusetzen wäre», andererseits sind ihm die Expo-Besuche im Dreiseenland in guter Erinnerung. «Da wurde etwas erreicht, auch wenn leider fast alles wieder abgebaut wurde.» Buob begrüsst eine Volksbefragung an der Landsgemeinde, ähnlich wie bei der Olympiade in Graubünden. «Ich wüsste heute nicht, wie ich abstimmen würde.» Bei «Superkonstrukten» wie der Inner- oder der Ostschweiz ist der Innerrhoder skeptisch. «Grundsätzlich wird viel zu viel in Kommunikation statt in konkrete, coole Projekte investiert.»

«Müssten keine Angst haben»

Vom «offiziellen und individuellen Innerrhoden» spricht die Appenzeller Kulturvermittlerin Agathe Nisple. Wenn das eine einmal Ja gesagt habe, werde das andere «mit seiner Kreativität voll dabei sein», ist sie überzeugt. Einen «Solidarakt» brauche es jetzt. «Die Politiker sollten sich einen Schubs geben, sie müssten keine Angst haben, dass die Einwohner nicht mitziehen.» Sie wundert sich über die «politische Mentalität»: «Was Innerrhoden international und zukunftsgerichtet in der Boden- und Steuerpolitik betreibt, geht nicht zusammen mit der Zurückhaltung und Engstirnigkeit.» Agathe Nisple weiss aus eigener Erfahrung, dass es «nirgends einfacher ist als in Appenzell, eine festliche Grossveranstaltung aufzuziehen». Jedoch sei das Thema noch nicht in den Köpfen: «Wir reden hier ja über alles, aber über die Expo spricht noch niemand.»

Auf Gabriela Manser, Chefin der Mineralquelle Gontenbad, trifft das nicht zu. Für sie ist «gut und klar», dass Innerrhoden «mitmachen muss», wenn die Mehrheit der Ostschweizer das Projekt begrüsse. «Und auch wenn sie jetzt noch vorsichtig sind, habe ich keine Angst, dass sie schon noch mitmachen.»

Ein anderer, der sonst viel über Innerrhoden zu sagen hat, will sich hingegen gar nicht äussern. Er habe sich eine «hundertprozentige Öffentlichkeitsabstinenz» auferlegt, sagt der Kabarettist Simon Enzler. Und er werde sich daran halten, solange er an seinem neuen Programm arbeite. Mit einer Abstinenz gegen die andere Abstinenz sozusagen.