Hinterzogene St.Galler Vermögen:
2,64 Milliarden Franken in zehn Jahren

150 Millionen Franken Nachsteuern: Der Kanton St.Gallen zieht Bilanz nach zehn Jahren «Steueramnestie». Nun läuft der Bankdaten-Austausch.

Marcel Elsener
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Die Zahl der straflosen Selbstanzeigen ist im Kanton St.Gallen deutlich zurückgegangen.

Die Zahl der straflosen Selbstanzeigen ist im Kanton St.Gallen deutlich zurückgegangen.

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Mit neuen Rekordzahlen dank reuigen Steuersündern kann das Steueramt des Kantons St.Gallen in diesem Januar nicht aufwarten. Im Gegenteil: Mit 135 Millionen Franken hinterzogenen Vermögen meldet es für 2019 das zweitschwächste Resultat seit Einführung der straflosen Selbstanzeige vor zehn Jahren – nur gerade 2011 wurde mit 123 Millionen Franken weniger Vermögen offengelegt. Gegenüber 2018 hat sich die Anzahl Selbstanzeigen von 904 Fällen auf 404 Fälle im 2019 mehr als halbiert. Im Vorjahr war der absolute Spitzenwert erreicht worden: 1288 Selbstanzeigen, die 523 Millionen Franken Schwarzgeld offen legten und Kanton und Gemeinden über 28 Millionen zusätzliche Steuereinnahmen bescherten.

«Der Trend nimmt klar ab und wird weiter abnehmen», sagt Felix Sager, Leiter kantonales Steueramt. Dass der «Hype» vorbei ist, liegt auf der Hand: Am 1. Januar 2017 trat der automatische Informationsaustausch (AIA) der Schweiz mit 37 Staaten, darunter alle EU-Mitgliedländer, in Kraft. Per 1. Januar 2018 kamen weitere 38 Staaten hinzu, darunter das speziell für die Ostschweiz bedeutende Fürstentum Liechtenstein.

Bankdaten-Austausch entfaltete Wirkung im voraus

Die Informationen über Bankdaten zwischen der Schweiz und Liechtenstein wurden erstmals im Herbst 2019 ausgetauscht – ein möglicher Grund für die nach wie vor nicht unbedeutende Zahl von über 400 Selbstanzeigen, die prompt zu einem Drittel Schwarzkonten im Fürstentum betreffen. Reinen Tisch machen, bevor nebst den Nachsteuern noch ein Steuerstrafverfahren mit Busse droht, das sagten sich im 2019 auch auffällig viele Personen mit nicht deklarierten inländischen Konten: Über 60 Prozent des offen gelegten Schwarzgelds – 82 Millionen Franken – stammen aus der Schweiz. Dies sei umso erstaunlicher, meint Sager, weil innerhalb der Schweiz nach wie vor das Bankgeheimnis gelte.

Die St.Galler Bilanz nach zehn Jahren strafloser Selbstanzeige ist tatsächlich beeindruckend: Kumuliert wurden 2,64 Milliarden Franken nicht versteuerte Vermögenswerte in Banken, Vermögensverwaltungen, Stiftungen oder Liegenschaften angezeigt. Dies überwiegend von natürlichen Personen; die Selbstanzeigen juristischer Personen blieben stets einstellig, letztes Jahr waren es acht. Die zusammengezählten Mehreinnahmen allein für Kanton und Gemeinden ergeben rund 150 Millionen Franken. Das einmalig im Leben gewährte Instrument für Steuerhinterzieher steht weiterhin zur Verfügung, dürfte aber in den nächsten Jahren immer weniger ergriffen werden. Die Entwicklung der Selbstanzeigen zeigt, dass bereits die Ankündigung des automatischen Informationsaustauschs über Finanzkonten ihre Wirkung entfaltet hat. «Die Wucht des AIA spürte man im voraus», erklärt Sager. Anders gesagt: Die massgebliche steuerliche Bereinigung – sprich der Abbau grenzüberschreitender Steuerhinterziehung – hat bereits vor der Umsetzung des Finanzdaten-Austauschs stattgefunden.

Hunderttausende Meldungen, bisher 48 Nachsteuerverfahren

Felix Sager, Leiter Kantonales Steueramt St.Gallen

Felix Sager, Leiter Kantonales Steueramt St.Gallen

Urs Bucher

Nun veröffentlicht das Steueramt erstmals Zahlen zu den ersten Jahren mit Informationsaustausch. Zuverlässige Aussagen können laut Amtsleiter Sager noch nicht gemacht werden, weil man die Daten von 2017 erst 2019 erhalten habe und die Bewältigung der «Informationsflut» erst in den Griff bekommen müsse. Von Automatismen noch keine Spur: Beispielsweise waren erst 20 Prozent der über den Bund eingespiesenen Kontodaten digitalisiert, inzwischen hat St.Galler Amt gut 90 Prozent digital aufbereitet.

Für das Jahr 2017 erhielt der Kanton St.Gallen rund 95000 Meldungen über Finanzkonten im Ausland, für 2018 waren es bereits 102000 Meldungen. Von den gut 4000 in das EDV-System des Steueramtes eingespiesenen Fällen von 2017 sind bislang 40 Prozent überprüft worden. Dabei wurden 48 Nachsteuerverfahren eingeleitet (wovon 2 erledigt) und kamen gesamthaft hinterzogene Vermögen von 11,7 Millionen Franken zum Vorschein. Ein vorläufiges Ergebnis, betont Sager: «Die Zahl wird noch massiv steigen.» Was ihn staunen lässt, denn mittlerweile gelte der Informationsaustausch mit allen für die Schweiz bedeutenden Ländern seit zwei Jahren: «Da fragt man sich schon, ob solche Leute dachten, sie blieben vielleicht auch in Zukunft verschont...»

Die überwiegende Mehrheit der eingegangenen Meldungen betrifft natürliche Personen, nicht einmal 5 Prozent betreffen juristische Personen. Mit Abstand am meisten Meldungen stammen aus Deutschland (2018: 45315). Darauf folgen Österreich, Italien (allerdings mit reichlich Nachholfbedarf), Portugal, Frankreich, Spanien und das Fürstentum Liechtenstein. Auch diese Zahlen sind nicht endgültig, denn noch im Herbst 2019 trafen von diversen Ländern Nachmeldungen für 2017 ein.

Eine Überprüfung aller Meldungen ist laut Steueramt aus Kapazitätsgründen nicht möglich und «zudem nicht sinnvoll, weil viele Finanzkonten nur sehr geringfügige Kontostände und Zahlungen aufweisen». Auch wenn man sich auf die bedeutenden Fälle konzentriere, bleibe der Aufwand mit viel Handarbeit gross. 2020 werde man bei den AIA-Fällen «Vollgas geben», verspricht Felix Sager. Das Team «Nachsteuern» wird denn auch mit zwei neu eingestellten Personen verstärkt. Eine taugliche Hochrechnung soll in einem Jahr präsentiert werden.

Hundert Jahre Steueramt mit «Mach’s eifach»

Nebst dem Zehnjährigen der Selbstanzeigen begeht das St.Galler Steueramt im 2020 ein zweites pikantes Jubiläum: Vor hundert Jahren, ausgerechnet am 1. April 1920, startete es seine Arbeit mit fünf Steuerkommissären. Mit heute über 200 Mitarbeitenden sowie 250 in den Gemeinden «feiert» das Amt nicht sich selber, sondern die Kunden. Mit einer interaktiven Website und Erklärvideos zielt es auf Junge mit erstmaliger Steuerpflicht. «Mach’s eifach» heisst die Losung, die mit Abstrichen weiterhin auch für Selbstanzeiger gilt.

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