«Im Herzen bin ich Appenzeller»

Eine Weltkarriere, die auf einem Zufall fusst. Der Ostschweizer Martin Schläpfer wurde als 15-Jähriger beim Schlittschuhlaufen von einer Ballettlehrerin entdeckt. Heute leitet der 54-Jährige eine der grössten Ballettcompagnien.

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Mit Anmut, Witz und perlender Leichtigkeit durchs Wasser und alle seine Untiefen: Cristian Assis und Katja Wünsche vom Ballett Zürich in Martin Schläpfers «Forellenquintett». (Bild: pd/Bettina Stöss)

Mit Anmut, Witz und perlender Leichtigkeit durchs Wasser und alle seine Untiefen: Cristian Assis und Katja Wünsche vom Ballett Zürich in Martin Schläpfers «Forellenquintett». (Bild: pd/Bettina Stöss)

Kurt Aeschbacher kündigt ihn Ende Januar als Appenzeller Bauernbub an, der Tänzer geworden sei, die NZZ schreibt vor vier Tagen, er sei ein Appenzeller, der das Ballett am Rhein zu einer der meistbeachteten Balletttruppen der Welt geführt habe. Egal, wie man ihn googelt – überall heisst es «Appenzeller Bauernbub», «aufgewachsen im Appenzell auf einem Bauernhof», «Bauernsohn», «Choreograph aus dem Appenzellerland».

Und dann das.

«Das ist ein Mythos, der sich merkwürdigerweise hält», sagt Martin Schläpfer. Der Leiter und Chefchoreograph des «Balletts am Rhein» in Düsseldorf und Duisburg lächelt leise. «Ich bin in St. Gallen-Winkeln aufgewachsen.» Sein Vater leitete ein Stahlhandelsunternehmen. Doch seine Geschichte ist auch ohne den Vom-Appenzeller-Bauernbub-zum-Starchoreographen-Mythos aussergewöhnlich.

Proben trotz Bronchitis

Martin Schläpfer sitzt im Foyer des Opernhauses Zürich, die Sonne scheint ihm an diesem frühlingshaften Februartag ins Gesicht. Er ist angeschlagen, die Bühnenprobe am Vortag musste er ausfallen lassen. Doch an diesem Donnerstagvormittag ist Bühnen-Orchester-Hauptprobe. In Kostüm und Maske, mit Licht und Orchester. Da muss er einfach dabei sein. Als er sich durch die zehnte Reihe hinters Regiepult schlängelt, fragt ihn jeder: «Hoi Martin, wie geht's dir?», «Alles gut?», «Hat dich die Grippe erwischt?» Martin Schläpfer lächelt und beruhigt. «Nein, Bronchitis, mir geht's wieder gut.» Doch sein Husten rasselt durch den prächtigen Zuschauerraum.

Jemand wie Martin Schläpfer lässt sich nicht wegen Bronchitis von einer Bühnen-Orchester-Hauptprobe abhalten. Der Dokumentarfilm, den Arte 2004 über ihn drehte, hiess «I'm a little bit of a maniac». Allein der Titel beschreibt ihn ziemlich gut. Während der Zürcher Bühnenprobe hält es Schläpfer nicht auf seinem Sitz, immer wieder springt er auf, fast scheint es, als tanze er mit. Er flüstert seiner Assistentin Anweisungen zu, bespricht mit dem Beleuchtungsmeister eine Einstellung, ruft Richtung Bühne «sing this, jaaabababaaa», unterbricht kurz die Musiker «it's wonderful what you're doing, but this ist too fast!». Als die Musiker wieder einsetzen, ist der Tempiunterschied für einen Laien kaum auszumachen.

«He is so involved, er ist mit Leib und Seele dabei», schwärmt die Zürcher Tänzerin Eva Dewaele. Sie hat mit Schläpfer die vergangenen zwei Wochen intensiv am «Forellenquintett» gearbeitet, das heute abend seine Zürcher Premiere und Schweizer Erstaufführung feiert.

Seit Schläpfers Weggang aus Bern, wo er von 1994 bis 1999 als Ballettdirektor wirkte, ist das Forellenquintett die erste Arbeit, die er in der Schweiz mit einer hiesigen Compagnie erarbeitet. «Ich bin sehr vorsichtig im Verkaufen meiner Stücke», sagt Schläpfer. Beim «Forellenquintett», 2010 in Duisburg uraufgeführt, 2012 vom ZDF und arte aufgezeichnet für eine Fernsehübertragung, macht er nun eine Ausnahme. Zum Glück, möchte man sagen. Es ist ein wirbelndes, quirliges Ballett, in dem Tänzerinnen und Tänzer wie perlende Fische durchs Wasser flirren, pure Lebenslust und Witz versprühen und zugleich bittere, todesdüstere Töne anklingen lassen.

Aber der Reihe nach.

Geboren ist er 1959 in Altstätten, als jüngster von drei Buben. Kindheit und Jugend erlebt er in Altstätten und St. Gallen-Winkeln. Am Wochenende geht es ins Appenzellerland, die Grosseltern bewirtschaften einen Hof in Rehetobel, Martin Schläpfer hilft oft sonntags beim Heuen. «In meinem Herzen bin ich ein Appenzeller», sagt der 54-Jährige. Er träumt davon, irgendwann in seinem Bürgerort Rehetobel zu wohnen.

Freizeit auf dem Eisfeld

Schläpfers Eltern gehen ins Theater, der Bub wird nicht mitgenommen. «Mein Elternhaus war sehr politisch interessiert, aber das Gegenteil von einem Haus der Kunst.» Die Welt zu den Künsten öffnet ihm sein St. Galler Primarlehrer. «Er hat mit uns gesungen, mir die Soli gegeben, uns aufs Eisfeld im Lerchenfeld genommen.» Nach der Primarschule geht diese Tür wieder zu.

Schläpfer verbringt als Jugendlicher seine Nachmittage auf dem Eis, während nebenan trainiert wird, schaut er sich die Bewegungsfolgen ab. Das wird bemerkt, er wird gefragt, ob er nicht mittrainieren möchte. Mühelos schafft er den Bronze-Test. Dann ist Schluss mit dem Eislauftraining, zu teuer wären die Privatstunden. Doch bei einem Schaulaufen auf dem Eis wird er entdeckt. Man kann sagen, dass seine Weltkarriere auf einem wahnsinnigen Zufall fusst. Die St. Galler Ballettlehrerin Marianne Fuchs sieht ihn, erkennt seine Begabung und lädt ihn in eine Ballettstunde ein.

Da hat es klick gemacht. «Ich wollte einfach nichts anderes mehr machen», sagt Schläpfer rückblickend. Täglich geht der 15-Jährige drei Stunden ins Balletttraining. Seine Leistungen in der Schule werden immer schlechter. Daheim gibt es Diskussionen, ob der Bub nicht einen vernünftigen Beruf lernen soll. «Ich habe mich durchgesetzt», sagt Schläpfer. Die appenzellische Eigenschaft des Dranbleibens, dieses bäuerische Wissen, was man will, das sei in ihm drin, sagt er verschmitzt.

Solotänzer und Biobauer

«Dann hat meine Ballettlehrerin einen unglaublichen Schachzug gewagt, sie hat mich nach nur anderthalb Jahren Unterricht viel zu früh beim Prix de Lausanne angemeldet.» Schläpfer gewinnt bei einem der renommiertesten Tanzwettbewerb der Welt den Preis für den besten Schweizer – ein Stipendium an der Royal Ballet School in London.

Er muss keinen «anständigen Beruf» lernen, sondern startet bald eine Solokarriere bei Heinz Spoerli im Basler Ballett, wechselt für eine Spielzeit zum Royal Winnipeg Ballet in Kanada, kehrt wieder nach Basel zurück. Dort gründet er 1990 eine Ballettschule – und wird 1994 als Direktor ans Berner Ballett berufen. Zwischendurch hadert er, will den Tanz hinschmeissen und Biobauer werden. Er bewirbt sich am landwirtschaftlichen Zentrum Sissach. «Da war mein Vater dagegen, er war ein mächtiger, stiller Mann, ich war nicht gefestigt genug», sagt Schläpfer. «Aber es ist gut so, wie es ist.»

1999 wechselt er nach Mainz, wo er das «ballettmainz» bis 2009 leitet und ihm zum Durchbruch verhilft. Seit 2010 ist er Leiter einer der grössten deutschen Compagnien, des Balletts am Rhein in Düsseldorf und Duisburg. Er gilt als einer der wichtigsten Choreographen. Der zudem eine unglaubliche Schaffenskraft an den Tag legt. Auf Wikipedia sind 58 Uraufführungen von ihm aufgelistet. «Das kann ich gar nicht sagen, wie viele das genau waren.»

Woher nimmt er die Ideen, die Inspiration? «Bei den <Appenzeller Tänzen>, einem meiner Lieblingsstücke, waren zuerst die Szenen und Ideen da», sagt Schläpfer, der für diese Choreographie Töne und Geräusche im Appenzellerland aufnehmen liess. Doch meist geht er von der Musik aus, liest viel über das Werk und seine Entstehungszeit. «Inspiration hole ich aus dem Leben.» Am Anfang einer Arbeit wisse er nicht, wohin sie führe, er hinterfrage sich und sein Tun ständig. «Ich habe die Zutaten, aber ich weiss nicht, was ich koche.» Das Stück entwickle sich in Zusammenarbeit mit seinen Tänzern.

Traum vom Appenzellerland

Schläpfers Tage sind mehr als ausgefüllt. Um 6 Uhr steht er in Düsseldorf morgens auf, versorgt seine fünf Katzen und das Aquarium, liest rasch durch die Rheinische Post, FAZ und NZZ und lässt sich ins Ballett bringen. Spätnachts kommt er wieder heim. Bleibt da noch Zeit für ein Privatleben? «Unter der Woche nehme ich keine Einladung an», sagt Schläpfer. «Ich bin es gewohnt, mich zurückzustellen, mein Beruf, meine Berufung stehen an erster Stelle.» Manchmal sei er einsam. Aber nach einem Tag voll intensiver Begegnungen sei es ehrlicher, die paar Stunden, die ihm bleiben, in Ruhe für sich zu verbringen.

«Ich sehne mich nach einem Leben ausserhalb des Theaters», sagt Martin Schläpfer, «aber ich habe noch keine Alternative.» Der Traum vom Leben im Appenzellerland, er wird wohl noch eine Weile Traum bleiben.

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