Kolumne
Ilanz ist von Wölfen umzingelt

In Graubünden soll ein viertes Wolfsrudel aufgetaucht sein. Für die Surselva heisst das: Es gibt bald keine Gebiete mehr, die frei von Wölfen sind.

Andri Rostetter
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Das Stadttor von Ilanz. (Bild: Key)

Das Stadttor von Ilanz. (Bild: Key)

Der Piz Mundaun kann es nicht mit dem Piz Sez Ner aufnehmen. Mit seinen 2063 Metern Höhe ist der Ilanzer Hausberg deutlich kleiner als der Nachbar im Südwesten. Und in der Literatur spielte der Mundaun bis jetzt auch keine Rolle. Der Sez Ner dagegen ist so etwas wie der Zauberberg des Bündner Oberlandes. Seit der Schriftsteller Arno Camenisch einen Roman nach ihm benannt hat, wissen auch Lesezirkelbesucherinnen im Oberaargau, dass der Sez Ner ein Berg in Graubünden ist.

Nun könnte sich das Blatt wenden. Ein Jäger hat am vergangenen Wochenende am Piz Mundaun drei Jungwölfe gesichtet. Damit ist der Berg ab sofort auch jenen Flachländern ein Begriff, die zwar Obersaxen vom Hörensagen kennen (das Skigebiet, die Heimat von Carlo Janka!), aber noch nie vom Piz Mundaun gehört hatten.

Es ist nicht das erste Mal, dass in der Surselva ein Wolf auftaucht. Im Sommer 2018 riss eine Wölfin, inzwischen unter dem sinnlichen Kürzel F38 registriert, in Obersaxen mehrere Schafe. Und im Herbst stürzten am Piz Mirutta oberhalb von Trin drei Jungwölfe über eine Felswand. Die DNA-Analyse zeigte, dass die Todeskletterer mit dem Calanda-Rudel nicht familiär verbandelt waren.

Es gibt also ein neues, viertes Wolfsrudel in Graubünden – und der Mundaun ist seine Heimat. Damit sind in Graubünden derzeit mindestens 26 Wölfe unterwegs, wie die «Südostschweiz» diese Woche vorrechnete. Das ist auch für die 2500 Einwohner von Ilanz eine neue Ausgangs­lage. Die gemäss Eigenwerbung «erste Stadt am Rhein» ist nun von drei Wolfsrudeln umschlossen. Einzig in Richtung Süden gegen das Val Lumnezia und das Valsertal gibt es noch wolfslose Korridore.

F38 und Konsorten können allerdings tagelang herumstreifen, ohne das Gemeindegebiet zu verlassen. Seit der Fusion mit zwölf anderen Dörfern vor fünf Jahren ist Ilanz die sechstgrösste Gemeinde im Kanton. Bis 2014 erstreckte sich das Städtchen auf bescheidene 4,67 Quadratkilometer. Mit dem Zusammenschluss ist Ilanz zu einem 133,5 Quadratkilometer grossen, gemeindegrenzenfreien Wolfsrudelparadies geworden.

Im Städtchen selber wurde bis heute kein Wolf gesichtet. Dubiose Pelzträger wären in der Mini-Metropole aber nichts Neues. Unterhalb der Ruine Grüneck, etwa dort, wo heute der Aldi steht, fand man einst ein frühmittelalterliches Schatzdepot mit Schmuck und Münzen langobardischer, karolingischer und arabischer Herkunft. Die Fundstücke liegen heute im Rätischen Museum in Chur.

Ein ähnliches Schicksal könnte den Mundaun-Wölfen drohen, sollten sie sich nicht bald an die surselvischen Felswände gewöhnen. Für das Rätische Museum dürfte es Mama F38 und ihrer Sippe allerdings kaum reichen – höchstens für den Schaukasten vor dem Biologiezimmer der Ilanzer Sekundarschule.