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«Ihr seid so gut zu uns»

Zwischen Posen, Schweiss und ernstgemeinten Liebesbekundungen: Ein Festivaltag mit Lokalmatadoren, New Yorker Jungle-Pop und schwedischem Indierock.
Michael Gasser
Einer der grossen Namen am Festivalfreitag: Die Editors.

Einer der grossen Namen am Festivalfreitag: Die Editors.

Scheint die Sonne, kommt Stimmung auf. Diese Faustregel bewahrheitet sich sogar am Open Air St. Gallen. Umso schöner, dass die Musik am Freitag ebenfalls für gute Laune sorgt. Dies ist nicht zuletzt den Auftritten des Lokalmatadors Crimer und des schwedischen Duos Johnossi zu verdanken. «Ich habe das Gefühl, wir haben heute ein paar neue Freunde gewonnen», raunt Tucker Halpren den Zuhörenden vor der Sitterbühne zu. Gemeinsam mit Sophie Hawley-Weld ist der New Yorker dafür besorgt, dass der Open-Air-Einstieg am Freitagnachmittag leichtfällt: Ihr Duo-Sound, der Jungle-Pop mit House vermengt, lebt nicht zuletzt vom eingängigen Zusammenspiel aus Halprens pumpendem Bass und den griffigen Rockriffs, die Hawley-Weld auf ihrer V-Gitarre kreiert. Während die 25-Jährige einen weissen Schlaghosenanzug trägt, präsentiert sich ihr Bandkollege in schwarz-weiss karierten Leggins, über denen er Shorts mit Leopardenmuster trägt. Mit anderen Worten: Hier sind die Schöne und der Exzentriker zugange. Ihre Nummern wie «Batshit» oder «Best Friend» sind vor allem darauf angelegt, die Hüften in Gang zu bringen. Und das gelingt.

Einheimische Kost bietet anschliessend Alexander Frei alias Crimer. Auf der Sternenbühne lässt der nicht nur seine Wuschelhaare fliegen, sondern auch seinen Körper zu flockigem Synthie-Pop zucken. Bei seinem Auftritt ist unschwer zu erkennen, welches die musikalischen Vorbilder des Ostschweizers sind: Da klingen nicht nur Depeche Mode, sondern auch immer wieder Wham! und deren Kopf, der 2016 verstorbene George Michael, an.

Für Crimer war der Auftritt am Open Air ein Heimspiel. (Bild: Ralph Ribi)

Für Crimer war der Auftritt am Open Air ein Heimspiel. (Bild: Ralph Ribi)

Doch Crimer besitzt überdies ein Flair für Soul, wie er mit einem Cover von Justin Timberlakes «My Love» beweist. Grösste Stärke des 28-Jährigen ist zweifelsohne sein Gesang, der ebenso elegant wie mühelos vom Falsett zu den sonoren Stimmlagen hin- und herwechselt. Begonnen hat er seine Musikerlaufbahn in einem Kirchenchor. Nichts als folgerichtig, dass sein bislang grösster Hit «Brotherlove» heisst. Das Stück, das 80er-Jahre-Grooves mit quietschenden Synthesizer-Passagen und melancholischem Pathos anreichert, wird vom Publikum enthusiastisch gefeiert. Was Crimer zu schätzen weiss: «Ihr seid so gut zu uns – deshalb wollen wir euch etwas davon zurückgeben.» Natürlich in der Form weiterer süffiger Songs.

Überraschendes Stimmorgan

An selber Stelle, aber vor merklich weniger Publikum, beginnt – eine Stunde später – das Set von Lewis Capaldi. «Wenn ihr keine traurige Musik mögt, dann seid ihr hier falsch», erklärt der Singer-Songwriter. In der Tat: Seine von Schwermut gezeichneten Lieder kommen einem Soundtrack für Leidgeplagte gleich. Der Schotte, der bevorzugt die Einsamkeit und gescheiterte Beziehungen besingt, sieht nicht nur blass und bleich aus, sondern wirkt mitten im Rampenlicht auch etwas verloren. Umso überraschender, dass er ein Stimmorgan hat, das bei Bedarf enormen Druck aufzusetzen vermag. Wodurch der 21-Jährige ein wenig an den frühen Joe Cocker erinnert. Obschon der Newcomer, der bis dato erst ein paar EPs veröffentlicht hat, mit Kompositionen wie dem minimal Reggae-infizierten «Bruises» oder der Ballade «Maybe» prinzipiell zu gefallen weiss, ist seine intime Kunst nur bedingt festivaltauglich.

Als Hip-Hop-Hochburg gilt das Open Air St. Gallen nicht, gleichwohl macht sich das Genre im Programm immer wieder mal bemerkbar. Kurz nach 19 Uhr betreten der österreichische Rapper RAF Camora und sein aus Hamburg stammender Kollege Bonez MC die Sitterbühne und treffen auf eine Zuhörerschaft, die aufs Tanzen und Mitfiebern aus ist. «Habt ihr noch Energie?», will goldbeketteter RAF Camora wissen. Die Antwort ist eindeutig: Ja. Folgerichtig lässt man sich eine Stunde lang von einer Kombination aus Gangsta-Rap, Dancehall und Pop unterhalten. Eine, die sich mal als brachial, mal als melodiös erweist.

Als ihr Gig endet, ertönt auf der Sternenbühne ein sirenenhafter Ton. Es ist der Auftakt zum Konzert von Johnossi. Das aus John Engelbert und Oskar Bonde bestehende Duo aus Stockholm mag es live dreckig. Bereits der Opener, «Glory Days To Come», wartet mit einem dichten Klangteppich auf, der laufend an Explosivität gewinnt. Verborgen von einem konstanten Scheinwerfergewitter lässt die Indie-Rock-Formation bisweilen auch Punkiges aufblitzen. Besonders bemerkenswert: Frontmann Engelbert versteht es, seine Lyrics mit derart viel Nachdruck zum Besten zu geben, dass man das Gefühl bekommt, dass der 36-Jährige ausschliesslich Wichtiges zu berichten hat. Weil Johnossi zudem nicht nur wuchtige, sondern auch sinnliche Harmonien liefern, entpuppt sich ihre Show als Festival-Highlight.

Aus Schweden zu Gast: Johnossi. (Bild: Ralph Ribi)

Aus Schweden zu Gast: Johnossi. (Bild: Ralph Ribi)

Gesteigerte Festivallust

Deutlich näher am Mainstream agieren die Editors. Die britische Rocktruppe bevorzugt agilen Stadion-Rock der properen Sorte. Ihren betont muskulösen Sound vollführen sie routiniert, dafür mit Elan. Leadsänger Tom Smith, der seine Gitarre auf Brusthöhe trägt, reisst am Mikrofon die Augen öfters weit auf. Vielleicht vom Schweiss bedingt, der ihm früh über die Stirne tropft. Das zeugt von Einsatz. Das ändert nichts an der Tatsache, dass seine Texte meist im Instrumenten-Gewitter der Editors untergehen. Lieder wie «Smokers Outside the Hospital Doors» werden von der Formation in die Länge gezogen. Das Gebotene ist tendenziell frei von Kanten, vermag aber dennoch immer wieder mitzureissen. Was die Festivallust nochmals erheblich steigert. Gut so.

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