IHK skizziert die Welt von morgen

ST.GALLEN. Der umfassenden Vernetzung von Industrie, Produkten und Dienstleistungen mit Software gehört die Zukunft. Das prophezeit die Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell – und plant eine IT-Offensive.

Christoph Zweili
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Befürworter der IT-Offensive: Daniel Senn, Abacus, Stefan Kölliker, St. Galler Bildungschef, und Kurt Weigelt, IHK-Direktor (von links). (Bild: Urs Bucher)

Befürworter der IT-Offensive: Daniel Senn, Abacus, Stefan Kölliker, St. Galler Bildungschef, und Kurt Weigelt, IHK-Direktor (von links). (Bild: Urs Bucher)

Mit den richtigen Weichenstellungen lässt sich die wirtschaftliche Entwicklung der europaorientierten Ostschweiz nachhaltig verändern. Davon ist die Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell (IHK) überzeugt. Das Thema brennt auf den Nägeln: Laut der IHK entwickeln sich die Exporte aus der Ostschweiz weniger dynamisch als jene der gesamten Schweiz. Seit 2008 seien in der Ostschweiz 5000 Arbeitsplätze in der Industrie abgebaut und 5000 im öffentlichen Sektor neu geschaffen worden.

Als ein IT-Cluster auftreten

Um künftig auch in einer digitalen Welt bestehen zu können, in welcher alles mit allem vernetzt sein werde, forderte IHK-Direktor Kurt Weigelt gestern abend die Stärkung von Forschung und Entwicklung. Die Ostschweiz rangiere unter den Schweizer Wirtschaftsregionen derzeit an zweitletzter Stelle, was die Nettoausgaben pro Kopf für die Hochschulbildung angeht. Zwar würden bereits Informatikfachleute ausgebildet, es fehle aber der unbedingte Wille, «als IT-Cluster St. Gallen-Bodensee auch international eine wichtige Rolle zu spielen», sagte Weigelt.

Das will die IHK ändern. Die duale Berufsbildung soll auch im Bereich der Informatik mit Fachmittelschulen ergänzt werden. Davon verspricht sich die IHK einen Beitrag im Kampf gegen den Fachkräftemangel. Auch die Fachhochschule Ostschweiz sei als Ausbildungsstätte mit schweizweiter Ausstrahlung zu positionieren – «durch eine standortübergreifende Informatikstrategie der Schulen in St. Gallen, Buchs und Rapperswil».

Check für Machbarkeitsstudie

Mit ihrem Vorstoss erfindet die IHK das Rad nicht neu: Im Bildungsdepartement des Kantons St. Gallen wird bereits an einem Ausbau des Studiengangs Wirtschaftsinformatik an der FHS St. Gallen gearbeitet, wie der St. Galler Bildungschef Stefan Kölliker kürzlich im Interview mit unserer Zeitung ankündigte.

Auch der Universität St. Gallen traut Weigelt zu, eine europaweit führende Stellung im Bereich der Informatikausbildung sowie -forschung und -entwicklung aufzubauen. HSG-Rektor Thomas Bieger erhielt gestern abend vom IHK-Vorstand einen Check über 200 000 Franken überreicht. Er hat nun ein Jahr Zeit für eine Machbarkeitsstudie für einen neuen IT-Studiengang an der HSG.

Die Bildungsoffensive ist nicht kostenlos zu haben. Anschieben will sie der IHK-Direktor über das besondere Eigenkapital des Kantons St. Gallen. Das ist allerdings nicht so einfach. Aus diesem Topf, geäufnet mit den Goldverkäufen der Nationalbank, werden zweckgebunden Gemeindefusionen und Steuererleichterungen finanziert. Von den anfänglich 612 Millionen Franken sind Ende Jahr noch 316 übrig. Heute können jährlich höchstens Tranchen von 30,6 Millionen eingesetzt werden – eine Zweckänderung würde eine Änderung des Kantonsratsbeschlusses bedingen; eine entsprechende Motion wurde gestern angekündigt.

IHK lanciert Ideen

Es ist nicht erste Mal, dass die IHK eine breite Diskussion lanciert. 2014 hatte sie erfolglos einen ETH-Ableger in Wil-West vorgeschlagen. Im Jahr davor brachte sie die Spitaldebatte in Schwung, als sie drei neue Spitäler auf der grünen Wiese vorschlug – das Volk entschied anders. 2010 war es der «Tempotarif» – die Idee, die Preise für Zugbillette künftig von Streckenlänge und Durchschnittsgeschwindigkeit abhängig zu machen –, der in der Schublade verschwand.