IHK-Forum: Letzter Vorhang für Kurt Weigelt

Als Direktor der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell scheute sich Kurt Weigelt nie, provokante Ideen auf grosser Bühne zu lancieren. Sein Abschied am Montagabend am IHK-Forum war emotional.

Adrian Vögele
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Nach zwölf Jahren ist Schluss: Kurt Weigelt nimmt von IHK-Präsident Roland Ledergerber das Abschiedsgeschenk entgegen. (Bilder: Ralph Ribi)
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Regina Butenberg ist Finanzchefin der Montliner Firma CHT.
Anwesend am Abschied waren auch SVP-Nationalrat Thomas Müller, Olma-Direktor Nicolo Paganini und SP-Mann Paul Rechsteiner.
Ein Bierchen mit dem SVP-Mann Stefan Kölliker und dem neuen IHK-Präsidenten Markus Bänziger liess sich Kurt Weigelt an seiner Verabschiedung nicht nehmen.

Nach zwölf Jahren ist Schluss: Kurt Weigelt nimmt von IHK-Präsident Roland Ledergerber das Abschiedsgeschenk entgegen. (Bilder: Ralph Ribi)

Kurt Weigelt war die IHK – und umgekehrt: So nahm es zumindest das Publikum in den vergangenen Jahren wahr. Als Direktor der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell hat der Jurist und Papeterie-Unternehmer die grosse Bühne nie gescheut. Er nutzte sein Amt, um sich politisch lautstark einzubringen, Visionen zu präsentieren, Diskussionen zu entfachen. Als Plattform diente dafür nicht selten das jährliche IHK-Forum «Zukunft Ostschweiz» auf dem Olma-Gelände.
Entsprechend gewöhnungsbedürftig war diese Veranstaltung am Montagabend – das Zugpferd Weigelt fehlte auf dem Podium. Der 63-Jährige hat sein Amt per November an Markus Bänziger übergeben. Weigelt hinterlasse «sehr grosse Fussstapfen», sagte sein Nachfolger.

Visionen über Visionen

Die Ideen, die die IHK unter Weigelt in die Runde warf, gingen weit über Wirtschaftspolitik hinaus: Spital-Neubauten auf der grünen Wiese, ein ETH-Standort in Wil, Bahnbillett-Preise nach Geschwindigkeit statt nach Distanz. Oder die Informatik-Bildungsoffensive: Kanton und IHK scheinen sich nicht ganz einig zu sein, wer das Projekt denn nun erfunden hat. Sicher ist: Auch hier mischte Weigelt tatkräftig mit. Die IHK zahlte der HSG die Machbarkeitsstudie für ein Informatikstudium, nun wird der Lehrgang Realität. Weigelts letzte grössere Vision schliesslich war eine Neuordnung der Berufsfachschulen in der Ostschweiz nach fachlichen Kriterien. Die IHK liess dafür an der Fachhochschule St. Gallen eigens eine Studie anfertigen. Nicht wenige dieser Ideen tauchen in der neuen Zukunftsagenda, die die IHK am Montag präsentierte, wieder auf (siehe Kasten).

Auch das politische Tagesgeschehen prägte Weigelt mit: Aufsehen erregte die IHK mit ihrer Ja-Parole für die No-Billag-Initiative. Pointiert äusserte sich Weigelt zudem vor kurzem in der nationalen Debatte um die flankierenden Massnahmen zum Schutz der Löhne und forderte eine praktischere Lösung zu Gunsten der Wirtschaft.

«Ein bisschen verrückt»

Die IHK würdigte ihren ehemaligen Direktor zum Abschied mit einer Reihe von Videobotschaften bekannter Ostschweizer Persönlichkeiten. «Er hat quergedacht und Debatten ausgelöst», sagte die ehemalige Ausserrhoder Regierungsrätin Marianne Koller. «Ein bisschen verrückt» sei er, so HSG-Prorektorin Ulrike Landfester, und meinte das nicht negativ. Der St. Galler Bildungschef Stefan Kölliker räumte ein, es sei für die Regierung «nicht immer ganz einfach» gewesen mit Weigelt – und lobte dessen Mut, sich immer wieder mit seinen Ideen zu exponieren. Der Innerrhoder Landammann Daniel Fässler stellte fest, Weigelt habe sich stets für eine starke Ostschweiz eingesetzt. Auch stur könne er sein, ergänzte IHK-Präsident Roland Ledergerber. «Kompromisse sind nicht seine Sache.» Als kreativer Unternehmer habe Weigelt nach dem Motto «Machen – auch wenn es vielleicht schiefgeht» gearbeitet. Die IHK habe unter seiner Führung stark an Renommee und Gewicht zugelegt.

Kurt Weigelt selber war sichtlich gerührt über die Voten zu seinem Abschied. In seiner kurzen Dankesrede betonte er, es sei wichtig, dass die IHK sich nicht mit der kurzfristigen Zukunft beschäftige, sondern in längeren Zeiträumen denke. «Wir müssen auf die nächsten zehn Jahre blicken.» Damit er selber die Zeit nicht aus den Augen verliert, schenkte ihm Ledergerber – auf Weigelts eigenen Wunsch – eine Computeruhr, eine Apple Watch.

Zukunftsagenda mit Schlüsselprojekten

Die IHK St.Gallen-Appenzell präsentierte am Montag eine Zukunftsagenda unter dem Titel «Softurbane Ostschweiz». Die Region müsse sich als «bevorzugter Wohn-, Arbeits- und Unternehmensstandort» positionieren. Die Ostschweiz könne nicht nur mit Lebensqualität, sondern auch mit Weltoffenheit und Veränderungsbereitschaft punkten. Für die nächsten Jahre hat die IHK rund drei Dutzend Schlüsselprojekte formuliert, die sie weiter verfolgen will. Dazu gehören die Informatikoffensive, die Reorganisation der Fachhochschulen, die Stärkung von Innovationszentren, die Reduktion der Spitalstandorte und die Engpassbeseitigung auf der St. Galler Stadtautobahn. (av)