IDEE: Liechtenstein träumt vom Hanf

Eine Vision soll Liechtenstein einen neuen Wirtschaftssektor eröffnen – mit 2650 Arbeitsplätzen und 400 Millionen Franken Umsatz. Erreicht werden soll das mit der Legalisierung von Cannabis.

Jeremias Büchel
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Nach dem Vorbild der Stadt Denver im US-Bundesstaat Colorado soll die Wirtschaft Liechtensteins dank Cannabis zu neuem Leben erwachen. (Bild: Sam Thomas)

Nach dem Vorbild der Stadt Denver im US-Bundesstaat Colorado soll die Wirtschaft Liechtensteins dank Cannabis zu neuem Leben erwachen. (Bild: Sam Thomas)

Jeremias Büchel

nachrichten@ostschweiz-am-sonntag.ch

Coffee-Shops in Vaduz, Hanf­felder im Schaaner Riet, ein Cannabis-Forschungszentrum in Eschen – so könnte sich das Hanfland Liechtenstein in der Zukunft präsentieren. Das Ganze ist erst eine Vision, dahinter steht aber ein Plan mit mehreren Phasen. Und dieser stammt nicht etwa von einem Hippie, sondern von einem Unternehmer.

Der Eschner Carl Batliner hat seine Idee unter dem Titel «Hanf – Legalisierung und Regulierung in Liechtenstein» bei der Stiftung Ideenkanal eingereicht. Liechtenstein soll zeitnah politische Rahmenbedingungen schaffen, damit die Herstellung und der Verkauf von Cannabisprodukten und der Anbau aller Hanfsorten erlaubt wird. In der Folge könnte im Land die Landwirtschaft statt auf Getreide und Gemüse auf die lukrativere Hanfpflanze fokus­sieren, und auch berauschende und heilende Cannabisprodukte könnten verkauft und konsumiert werden. Mit welchen Restriktionen Konsum und Verkauf geregelt würden, könnte die Politik festlegen. Doch Landwirtschaft und Handel sollen erst der Anfang sein. Initiant Batliner sieht Potenzial in vielen Bereichen, wie beispielsweise Forschung, Industrie, Bildung, Tourismus und Finanzsektor.

Darauf gestossen ist Initiator Carl Batliner per Zufall. Als er davon hörte, dass Liechtenstein mit sinkenden Studierendenzahlen zu kämpfen hat, begann er zu ­recherchieren. Er stiess auf Medienberichte, die aufzeigten, dass in Denver im US-Bundesstaat Colorado die Universität vom Cannabisboom profitieren konnte und in diesem Zusammenhang sogar eine neue Elite-Universität entsteht. In Colorado wurde Cannabis Anfang 2014 legalisiert. Seither herrscht im sogenannten Jahrhundertstaat wieder Goldgräberstimmung. Im ersten Monat nach der Legalisierung wurden bereits zwei Millionen Dollar Steuern aus Hanfgeschäften generiert. 2015 wurde bereits eine Milliarde Dollar mit dem grünen Gold umgesetzt.

Das Potenzial als Kleinstaat nutzen

Ähnliches erhofft sich Batliner für Liechtenstein. Er kommt nach seinen Recherchen zum Schluss, dass es sich für Liechtenstein durchaus lohnen könnte, auf die Karte Hanf zu setzen. Batliner spricht von einem Potenzial von 2650 Arbeitsplätzen und 400 Millionen Franken Jahresumsatz bis 2025, basierend auf den Zahlen von Colorado – und vorausgesetzt, dass das Projekt zahlreiche gesellschaftliche und politische Hürden nimmt. Derzeit ist das Projekt erst eine Idee. Sie wurde aber vom Ideenkanal nominiert. Denn Batliner ist es ernst: Er will, dass Liechtenstein sein Potenzial als souveränes Land mit kurzen Wegen und agiler Politik ausnützt, um sich als Hanfzentrum in Europa zu etablieren.

Das Projekt umfasst drei Phasen. Als Erstes müssen die Liechtensteiner Bevölkerung und die Politik von Projekt und Legalisierung überzeugt werden. Batliner ist zuversichtlich, obwohl das Liechtensteiner Volk als eher konservativ gilt. «Das sehe ich nicht so. Die Liechtensteiner haben etwa bei der EWR-Abstimmung bewiesen, dass sie nicht so konservativ sind, sondern unabhängig und mutig. Ausserdem sind wir ein pragmatisches und bauernschlaues Volk im positiven Sinne. Wenn wir eine Chance sehen, dann packen wir sie.» Eine Legalisierung müsse ja nicht heissen, dass Liechtenstein von Kiffern überrannt werde. «Wir können genau bestimmen und steuern, wer, wann und in welchen Mengen Hanf als Genussmittel bekommen wird», sagt Batliner. Er stellt sich vor, dass berauschendes Marihuana nur an Personen über 25 Jahren abgegeben wird. Oder dass es nur in bestimmten Lokalen konsumiert und verkauft werden darf und die Menge begrenzt wird.

Jedenfalls würde dadurch der nun blühende Schwarzmarkt zerschlagen, und es könnte eine effiziente Information und Überwachung stattfinden. Ausserdem sei, beobachte man die internationale Entwicklung, abzusehen, dass über kurz oder lang Cannabis legalisiert werde. «Warum nicht die Vorreiter sein und davon langfristig profitieren?», fragt der Initiant.

In einer zweiten Phase müssten umfangreiche rechtliche Abklärungen erfolgen und eine Vorlage ausgearbeitet werden, die sich mit dem Schweizer Zollvertrag, EWR-Richtlinien und weiteren internationalen Verträgen und nationalen Gesetzen und Verordnungen verträgt. Diese würde dem Liechtensteiner Volk dann zur Abstimmung vorgelegt werden. Sind die Rahmenbedingungen geschaffen, sind in einer dritten Phase die Unternehmer im Land gefragt. Landwirte könnten Hanf in grossem Stil anbauen, und die Pflanze kann in Genussmitteln, im industriellen und medizinischen Bereich verarbeitet und vertrieben werden. Industrie, Tourismus und die ­Gesundheitsbranche können im Rahmen der neuen Regelungen Angebote schaffen.

«Bei der Vermarktung und Lancierung von Produkten sollte sich der Staat zurückhalten. Er soll sich auf die Schaffung der Rahmenbedingungen, die Durchsetzung der Regulierung und das Kassieren der Steuern fokussieren», sagt der überzeugte Liberale. «Damit bei der Legalisierung und Regulierung alle Rädchen gut ineinandergreifen, soll der Staat eine Stabsstelle schaffen, welche die Rahmenbedingungen ausgestaltet.» Dies, damit es nicht zu einem rechtlichen Flickwerk kommt, sondern ein innovatives und durchdachtes Gesamtkonzept ausgearbeitet wird. Und damit es rasch vorwärtsgeht.

Weit mehr als Verkauf von Marihuana

Denn der «First Mover» zu sein, sei für das Projekt zentral. Schliesslich sieht die Projektidee weit mehr vor, als nur Marihuana zu verkaufen. «Ziel ist es, in Liechtenstein Forschung und Entwicklung für allerlei Produkte aus Hanf zu betreiben und so das Kompetenzzentrum für Hanfprodukte in Europa zu werden», sagt Batliner. «Was Basel für die Pharmabranche ist, soll Liechtenstein für die Hanfbranche werden.» Für Batliner stehen die Branchen Medizin, Industrie, Landwirtschaft und Tourismus als Profiteure im Zentrum. Aber auch der Finanzplatz könnte profitieren. «In den USA sind Investoren intensiv auf der Suche nach Hanfprojekten, die sie unterstützen können. Dazu könnten sogar Kryptowährungen oder Fintech-Lösungen ins Spiel kommen.» Denn derzeit seien in den USA etwa herkömmliche Banktransaktionen beim Hanfhandel verboten. «Alles muss mit Bargeld abgewickelt werden. Und auch hier gilt: Wer als Erster eine tragfähige Lösung präsentiert, kann auf dem Markt auftrumpfen.»

Fürst ist für Reform der Drogenpolitik

Für Batliner ist klar, dass das Projekt viele Hürden nehmen und eine Menge Überzeugungsarbeit geleistet werden muss. Er selbst hat schon zahlreiche Sondierungsgespräche geführt, bis hin zu Regierungsmitgliedern, und ist auf viel positives Echo gestossen. «Nur etwa zehn Prozent der Leute, mit denen ich über die Idee gesprochen habe, sagten, das kommt überhaupt nicht in Frage.» Der 37-Jährige ist überzeugt, dass es jetzt an der Zeit ist, den Grundstein für neue Wirtschaftszweige im Land zu legen. «Treuhand und Finanzsektor sind bereits unter Druck. Lange haben wir gut davon gelebt. Jetzt ist es an der Zeit, neue gestalterische Schritte zu wagen, um für künftige Generationen eine gesunde Basis zu schaffen.» Liechtenstein als agiler Kleinstaat ha­be die Möglichkeit, die Chance selbstbewusst zu packen. Wichtig sei, dass man rasch handle.

«Das Gelegenheitsfenster schliesst sich. In vielen Ländern wie etwa Deutschland, Portugal und Spanien ist die Legalisierung ein Thema, und in der Schweiz haben 2008 bereits 37 Prozent dafür abgestimmt. Wir sollten alles daran setzen, dass wir die Ersten sind», so Batliner. Er ist auch in Liechtenstein nicht allein mit solchen Überlegungen: «Auch der Fürst hat sich bereits für eine grundlegende Reform der Drogenpolitik ausgesprochen.»

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