Interview



«Ich wüsste sehr gerne, wie es wäre, einen Tag laufen zu können»: Die Thurgauer Rollstuhlsportlerin Catherine Debrunner geht sogar mit dem Rollstuhl aufs Eis

Catherine Debrunner ist Weltmeisterin im Rollstuhlsport. Die Mettendorferin spricht im Interview über Thai-Curry, die Ehrlichkeit von Kindern und ihre Medaillenchancen bei den Paralympics im Sommer.

Svenja Rimle
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Training in Nottwil: Catherine Debrunner trainiert achtmal pro Woche je eineinhalb bis zwei Stunden.

Training in Nottwil: Catherine Debrunner trainiert achtmal pro Woche je eineinhalb bis zwei Stunden.

Bild: Roger Grütter

Die Paralympischen Spiele 2020 in Tokio stehen an. Wie schätzen Sie Ihre Chancen auf eine Medaille ein?

Catherine Debrunner: Das ist schwierig einzuschätzen. Ich kenne zwar meine Konkurrenz, weiss aber nicht, wie gut sie bis Sommer noch wird. Ich weiss aber, dass ich nicht nur eine Finalkandidatin bin, sondern eine potenzielle Anwärterin auf eine Medaille. Dafür müssen aber viele Faktoren stimmen.

Wie bereiten Sie sich auf die Spiele vor?

Ich werde mich auf Tokio genauso vorbereiten wie auf die Weltmeisterschaft in Dubai im letzten Jahr. Dafür trainiere ich acht Mal pro Woche für eineinhalb bis zwei Stunden. Die Intensität des Trainings wird jetzt vor den Paralympischen Spielen natürlich nochmals gesteigert. Ausserdem stehen verschiedene Trainingslager auf dem Plan.

Müssen Sie dabei auch auf die Ernährung achten?

Ja, ich habe vor kurzem an einer Studie des Schweizer Paraplegikerzentrums teilgenommen. Dabei habe ich eine Weile genau aufgeschrieben, was ich esse und wie ich trainiere. So konnte man feststellen, wie ich mich ernährungstechnisch noch verbessern kann. Wichtig ist eine ausgewogene und gesunde Ernährung.

Fällt Ihnen das manchmal schwer?

Das Schwierigste ist für mich, die Süssigkeiten zu reduzieren. Ich verzichte aber auf Nichts, sondern esse bewusst und massvoll. Grundsätzlich achte ich darauf, dass ich frische Lebensmittel esse und koche auch gerne selbst.

Welches Gericht kochen Sie am liebsten?

Thai-Curry. Da kann man bei den Zutaten nach Lust und Laune variieren. Ich esse kaum Fleisch, weshalb ich oft Gemüse esse. Kochen ist für mich Erholung. Dabei kann ich sehr gut abschalten.

Wobei können Sie sich sonst noch erholen?

In der Natur, am liebsten in den Bergen und beim Lesen.

Zur Person


Catherine Debrunner ist eine international erfolgreiche Rollstuhlsportlerin. Schon ihr ganzes Leben sitzt sie im Rollstuhl aufgrund eines Tumors an der Wirbelsäule. Im Jahr 2019 gewann die Mettendorferin an den Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Behinderten in Dubai eine Goldmedaille. Im Sommer nimmt sie an den Paralympischen Spielen in Tokio teil und trainiert dafür bereits fleissig. Neben dem Sport arbeitet die 24-Jährige als Primarlehrerin im Kanton Luzern, wo sie derzeit auch wohnt. Den Thurgau vermisst sie manchmal schon und kann sich gut vorstellen, irgendwann wieder in ihre Heimat zurückzukehren. (svr)

Sie sind im thurgauischen Mettendorf geboren, wohnen jetzt aber im Kanton Luzern. Warum?

Ich bin in die Innerschweiz gezogen, damit ich besser in Nottwil, dem Schweizer Angelpunkt des Rollstuhlsports, trainieren kann. Mir war klar: Wenn ich es nach ganz vorne schaffen will, muss ich umziehen. Nun trainiere ich oft in einer Gruppe anstatt immer nur alleine, das motiviert mich extrem.

Vermissen Sie den Thurgau?

Ja, klar. Ich gehe regelmässig nach Hause, um meine Familie und meine Freunde zu besuchen. Diese Kontakte sind mir extrem wichtig und ich fühle mich im Thurgau sehr wohl. Ich kann mir gut vorstellen, irgendwann wieder zurückzukommen.

Für die verschiedenen Wettkämpfe reisen Sie um die ganze Welt. Wo machen Sie privat gerne Urlaub?

Ich liebe den Süden und mag es, wenn es warm ist. In Frankreich und Spanien gefällt es mir sehr gut. Wegen des Sports hatte ich in letzter Zeit nicht viel Zeit für Urlaub. Dieses Jahr habe ich Ferien in Österreich eingeplant, aber natürlich erst nach den Paralympischen Spielen.

Neben dem Sport arbeiten Sie 30 Prozent als Primarschullehrerin. Wie gelingt es Ihnen, den Beruf mit dem Sport zu vereinbaren?

Eine gute Organisation ist das A und O. Wenn Elterngespräche anstehen oder nach einem erfolgreichen Wettkampf viele Medien etwas von einem wollen, ist es schon sehr fordernd. Ansonsten klappt das aber in der Regel ziemlich gut.

War Lehrerin schon immer Ihr Traumberuf?

Ich entschied mich erst der Ende Oberstufe dazu. Während verschiedenen Praktika merkte ich, wie viel Spass mir dieser Beruf macht und entschied, dass ich das unbedingt machen möchte. 2018 war ich dann fertig mit der Ausbildung und übernahm dann zuerst Stellvertretungen. Seit August 2019 habe ich jetzt eine Festanstellung und sogar eine eigene Klasse.

Was lieben Sie an Ihrem Beruf?

Kein Tag gleicht dem anderen. Am besten gefällt mir die Neugierde der Kinder. Man kann sie sehr leicht begeistern. Ausserdem ist es faszinierend, wie schnell man bei den Primarschülern die Fortschritte sehen kann. Ich freue mich sehr, dass ich ihnen etwas mitgeben kann.

Wie gehen die Kinder, die Sie unterrichten, damit um, dass Sie im Rollstuhl sitzen?

Die Kinder machen das prima. Sie fragen immer direkt, wenn sie etwas interessiert. Man weiss bei Kindern immer, woran man ist. Als ich mit ihnen auf der Eisbahn war, kamen zum Beispiel viele Fragen.

Sie gehen mit dem Rollstuhl auf die Eisbahn?

Ja, das funktioniert erstaunlich gut. Nur das Bremsen ist manchmal ein bisschen schwierig. Mit dem Rollstuhl ist man viel flexibler als viele Leute glauben. Ich fahre beispielsweise sehr gerne Ski. Dafür habe ich einen sogenannten Monoskibob, mit dem ich dann sitzend den Berg hinunterfahren kann. Wie gesagt, mit einer guten Organisation hat auch ein Rollstuhlfahrer viele Möglichkeiten.

Wie kamen Sie zum Sport?

Als ich sieben Jahre alt war, nahm ich an einem polysportiven Lager für Kinder im Rollstuhl teil. Dort lernte ich meinen heutigen Trainer Paul Odermatt kennen. Er lud mich zu einem Training ein und konnte mich schnell für diese Sportart begeistern. 2008 gelang mir an der Junioren-Weltmeisterschaft in New York der Durchbruch. Ich gewann fünf Mal Gold und wurde als Sportlerin mit dem grössten Potenzial ausgezeichnet. Seither nehme ich regelmässig an Wettkämpfen teil.

Haben Sie ein Vorbild?

Ja, Chantal Petitclerc. Das ist eine ehemalige Rennrollstuhlfahrerin aus Kanada, und ich finde sie wahnsinnig bewundernswert. Nicht nur ihre sportlichen Leistungen faszinieren mich, sondern auch ihr Auftreten und ihre Ausstrahlung.

Mit welcher Person würden Sie gerne einen Tag lang tauschen?

Ich wüsste sehr gerne, wie es wäre, einen Tag lang laufen zu können.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?

An den Olympischen Spielen 2024 in Paris möchte ich unbedingt noch teilnehmen. Viel weiter plane ich nicht, ich bin offen für alles.

Was finden Sie gut an sich selbst?

Ich bin ein sehr offener Mensch und kann mit jedem umgehen, egal ob ich eine Person mag oder nicht.