«Ich will einfach nicht allein alt werden» – weshalb immer mehr ältere Menschen neue Wohnformen suchen

Die Nachfrage nach gemeinschaftlichem Wohnen steigt. Auch in der Ostschweiz. Der Immobilienmarkt reagiert nur langsam.

Adrian Lemmenmeier
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Wohnen mit Generationenvertrag: Ruth Bärlocher (links im Vordergrund) passt auf die Kinder auf – und erhält im Gegenzug von den Nachbarn Unterstützung im Alter.

Wohnen mit Generationenvertrag: Ruth Bärlocher (links im Vordergrund) passt auf die Kinder auf – und erhält im Gegenzug von den Nachbarn Unterstützung im Alter.

Bild: Urs Bucher

Das Garagentor steht noch, doch der Raum dahinter ist umgebaut. In der Ecke steht ein Gästebett, unter dem Lavabo liegen Yogamatten, es riecht nach Sauna. Ruth Bärlocher und Angelika Thürlemann sitzen am Tisch bei einem Glas Most. Neben ihnen Phillip, Sophia und Leo, die Kinder von Ruths Nichte, die mit ihrer Familie im ersten Stock wohnt. Bärlocher ist 69, Thürlemann 53, die Kinder zwischen sieben und elf Jahre alt. Sie alle – und eine weitere Mitbewohnerin – leben unter einem Dach, in einem grossen Haus im St.Galler Quartier Notkersegg, einem sogenannten Mehrgenerationenhaus. Doch was heisst das überhaupt?

Wohnforscher verstehen unter Mehrgenerationenwohnen Projekte, in denen die Bewohner die klare Absicht haben, einander gegenseitig zu unterstützen – und in denen auch Menschen leben, die älter sind als 60. Im Gegensatz zu einer WG leben die Wohnparteien in der Regel in eigenen Wohnungen, daneben gibt es Gemeinschaftsräume wie die umgebaute Garage im Haus in der Notkersegg.

Ich schaue auf die Kinder, du gehst einkaufen

Ruth Bärlocher hegte lange den Wunsch, in ein Mehrgenerationenhaus zu ziehen. «Ich will einfach nicht alleine alt werden.» Auch Angelika Thürlemann will das nicht. Sie hat in diesem Haus ihre Kinder grossgezogen. Als diese ausgezogen waren, gab es Platz für neue Nachbarn. Ausserdem wäre für sie allein die Miete zu teuer gewesen.

Vor einem Jahr hat die Genossenschaft Mehrgenerationenprojekte Ostschweiz, in deren Vorstand Bärlocher sitzt, das Baurecht für die Liegenschaft von der Stadt St.Gallen erhalten. Sie baute das Zweifamilienhaus zu einem Vierfamilienhaus um. Die unterste Wohnung ist altersgerecht gestaltet, mit ebenerdiger Dusche. Privatsphäre ist den Bewohnern ebenso wichtig wie der Austausch. Man trifft sich im Gemeinschaftsraum, arbeitet zusammen im Garten. Nachbarschaftshilfe gehört zum Konzept der Genossenschaft. Dabei gilt: jede und jeder nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Ruth Bärlocher passt ab und zu auf die Kinder auf, dafür helfen ihr die anderen Bewohner, wo es nötig ist. «Sollte ich einmal Pflege brauchen, die meine Nachbarn nicht leisten können oder wollen, werde ich diese extern organisieren.»

Ein Haus, ein Konzept: Wer hier wohnt, sagt ja zur generationenübergreifenden Nachbarschaftshilfe.

Ein Haus, ein Konzept: Wer hier wohnt, sagt ja zur generationenübergreifenden Nachbarschaftshilfe.

Bild: Urs Bucher

Die 68er-Generation hat das Alter erreicht

Mehrgenerationenwohnen ist immer gefragter, genauso wie andere Formen gemeinschaftlichen Wohnens im Alter. Einem Bericht der Age-Stiftung zufolge konnten sich vor elf Jahren gut neun Prozent der 70- bis 79-Jährigen vorstellen, in einer Hausgemeinschaft zu wohnen. Vor fünf Jahren waren es bereits 25 Prozent. Bei den über 80-Jährigen stieg dieser Anteil in der selben Zeit von 4 auf 25 Prozent. Stefan Tittmann, Experte für Generationenprojekte an der Fachhochschule St.Gallen, erklärt die Zunahme so: «Die 68er-Generation hat das Alter erreicht.» Ihre Exponenten hätten öfter Erfahrung mit gemeinsamem, ausserfamiliärem Wohnen und seien deshalb offener gegenüber alternativen Wohnmodellen. Deren Eltern hingegen hätten meist nur das gemeinschaftliche Wohnen innerhalb der Familie gekannt.

Wie viele Mehrgenerationenprojekte es in der Ostschweiz gibt, ist unklar. «Da gibt es Forschungsbedarf», sagt Tittmann. Die Soziologin und ehemalige Leiterin des ETH Wohnforums Margrit Hugentobler schätzt, dass schweizweit zwei bis drei Prozent der älteren Menschen in derartigen Wohnprojekten leben. Unterscheiden lassen sich grosse Überbauungen von kleinen, umfunktionierten Mehrfamilienhäusern wie jenes in der Notkersegg. Eine Untersuchung für den Kanton Zürich zeige, dass es dort mindestens 50 kleinere und grössere Projekte gebe. «Ein Viertel davon ist in der Planungsphase. Das deutet darauf hin, dass sich hier etwas bewegt», sagt Hugentobler.

Bewegung gibt es auch in der Ostschweiz. In Frauenfeld plant die Heimstätten-Genossenschaft Winterthur im Projekt «Generationen Wohnen Burgerholz» 80 bis 100 Wohnungen. In Heiden strebt eine Gruppe von «Menschen im letzten Jahrzehnt des Erwerbslebens» eine Gemeinschaft an, «in der wir unser Leben bis ins hohe Alter nach unseren Bedürfnissen gestalten können». Ziel ist gemäss Homepage eine Gemeinschaft mehrerer Generationen, in der man sich füreinander engagiert – sich aber gegenseitig Raum lässt. Ein grösseres, bereits realisiertes Projekt gibt es in Mogelsberg, wo eine Genossenschaft ein Altersheim zu einem Mehrgenerationenhaus mit dreizehn Wohnungen umgebaut hat. Oder in Vilters-Wangs. Dort sind im «Generationenhaus Novellas» Pflegewohngruppen und Kindertagesstätten in einem Gebäude vereint.

Die Nachfrage übersteigt das Angebot

Experten sind sich einig. Bei gemeinschaftlichen Wohnformen im Alter hinkt das Angebot der Nachfrage hinterher. «Leider haben grosse private oder institutionelle Investoren diese Marktlücke noch nicht entdeckt», sagt Hugentobler. Da in Wohnbauten Kapital langfristig gebunden ist und diese Akteure eine Rendite erzielen wollen, dauere es lange, bis neue Ideen im Wohnungsbau umgesetzt würden (siehe Zweittext). Dagegen würden Wohnbaugenossenschaften zunehmend zu Pionieren zeitgemässer und dennoch erschwinglicher Wohnformen.

Investoren warten ab

Genossenschaften haben nicht das Ziel, Gewinn zu erwirtschaften. Anders sieht es bei Immobilienfirmen oder Pensionskassen aus. Sie wagen beim Hausbau in der Regel keine Experimente, sondern orientieren sich am Markt. Wie reagieren sie auf die steigende Nachfrage nach gemeinschaftlichem Wohnraum für ältere Menschen?
Philipp Zünd, Leiter Immobilien bei der St. Galler Pensionskasse SGPK, sagt, man plane derzeit nicht, in eine Mehrgenerationensiedlung oder in ein Gemeinschaftshaus für ältere Menschen zu investieren. «Doch wir haben solche Projekte auf dem Radar und beobachten, wie sich die Nachfrage entwickelt.» Generell spüre man von den Mietern den zaghaften Wunsch zu mehr gemeinschaftlichem Wohnen. Ähnlich sieht es beim St. Galler Immobilienunternehmen Max Pfister Baubüro AG aus, das mehrere Alterssiedlungen unterhält. «Ein konkretes Projekt wie etwa eine Mehrgenerationensiedlung planen wir im Moment nicht», sagt Geschäftsführer Andreas Pfister. Allerdings verfolge man den Wandel des Marktes. «Neue Wohnformen im Alter sind für uns von grossem Interesse.» So lässt die Max Pfister Baubüro AG derzeit von Experten der ETH abklären, wie sich das Wohnen im Alter verändert.

Doch der genossenschaftliche Wohnungsbau ist in der Ostschweiz weniger verbreitet ist als etwa in Zürich. Auch haben Genossenschaften auf dem heiss umkämpften Immobilienmarkt öfter das Nachsehen. Investoren, die ihr Geld vor allem wegen der tiefen Zinsen in Immobilien parkieren, können meist höhere Preise bieten. «Gerade in einer Stadt ist es schwierig, an Liegenschaften zu kommen», sagt Bernhard Müller, Präsident der Genossenschaft Mehrgenerationenprojekte Ostschweiz. Und wolle man ein Projekt auf dem Land realisieren, sei es schwieriger, Mieter zu finden. «Die meisten Leute, die sich für unsere Projekte interessieren, wollen stadtnah wohnen.» So auch Ruth Bärlocher. «Irgendwann werde ich nicht mehr Auto fahren können. Deshalb ist es wichtig, dass ich schnell mit dem öffentlichen Verkehr in der Stadt bin.»

Serie: Wie wir alt werden

In fünf Jahren wird jede fünfte Person in der Schweiz über 65 Jahre alt sein. In 15 Jahren gar jede vierte. Wie gehen wir mit dem Älterwerden um? Als Menschen? Als Familien? Als Gesellschaft?
In einer Serie widmet sich unsere Zeitung dem Thema «Alt werden in der Ostschweiz». Wir treffen Menschen, besuchen Institutionen, sprechen mit Experten – und stellen Fragen: Was kostet das Alter? Wie werden ältere Menschen in Zukunft wohnen? Was hat Demenz mit Kunst zu tun? Werden ältere Menschen in unserer Gesellschaft diskriminiert?