«Ich weiss nicht, ob Menschen auf anderes ausweichen müssen, weil sie kein Klopapier mehr haben»: Ostschweizer Kläranlagen haben seit dem Lockdown mehr zu tun

Das Coronavirus wirkt sich auch auf Ostschweizer Kläranlagen aus. Das vermehrt Menschen im Homeoffice arbeiten und damit mehr Mengen in die Kläranlage kämen, sei zu bewältigen, sagt der Betriebsleiter der Romanshorner Kläranlage. Problematisch werde es allerdings bei der Art des Abfalls.

Ines Biedenkapp
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Derzeit landen in der Kläranlage Romanshorn immer mehr neuartige Hygienetüchlein die Pumpen und Filter verstopfen.

Derzeit landen in der Kläranlage Romanshorn immer mehr neuartige Hygienetüchlein die Pumpen und Filter verstopfen. 

Bild: Ralph Ribi

Die Coronapandemie hat die Ostschweiz weiterhin im Griff. Das öffentliche Leben steht fast still. Das hat jedoch ganz überraschende Auswirkungen, an die die meisten Menschen erst einmal nicht denken. Denn wie die Hafenstadt Romanshorn in einer Mitteilung bekanntgab, hat sich in der Kläranlage das «Volumen des angespülten Stoffwechsels von Menschen in der Region» erhöht.

Das vermehrt Menschen im Homeoffice arbeiten und damit mehr Mengen in die Kläranlage kämen, sei zu bewältigen. Sorgen würde den Verantwortlichen der Stadt aber etwas anderes bereiten. Denn mit den organischen Abfällen kämen vermehrt «ungeeignete Stoffe» in die Kläranlage. Dazu gehören Taschen- oder Kosmetiktücher, Feuchttücher und gar Textilien.

Anlage reicht für 24'000 Einwohner

«Wir haben festgestellt, dass die tägliche Menge der organischen Fracht um ein Drittel zugenommen hat», bestätigt Roland Nüssli, Betriebsleiter der Anlage. «Das ist kein Problem, da die Anlage für 24'000 Einwohner ausgelegt ist.» Die Kläranlage reinigt das Abwasser der Stadt Romanshorn und der Gemeinden Salsmach und Egnach. Zusammen kommen diese auf rund 16'900 Einwohner.

Bei der Fracht handelt es sich um sogenannten Frischschlamm, der gesiebt und danach in einem Faulturm in eine energiearme Masse umgewandelt wird. Dabei entsteht Methangas, das nach einem Reinigungsverfahren ins Erdgasnetz als Bioenergie eingespeist wird.

Roland Nüssli, Leiter der Kläranlage Romanshorn zeigt, dass sich Hygienetücher nicht im Abwasser zersetzen.

Roland Nüssli, Leiter der Kläranlage Romanshorn zeigt, dass sich Hygienetücher nicht im Abwasser zersetzen.

Bild: Ralph Ribi

Befinden sich in dem Schlamm jedoch Feuchttücher, blockieren diese Rohre und Rechen, was die Arbeit verlängert und verkompliziert. Roland Nüssli sagt:

«Ich weiss nicht, ob die Menschen mehr auf anderes ausweichen müssen, weil sie aufgrund der Hamstereinkäufe kein Klopapier mehr bekommen haben.»

«Doch diese Dinge sind meist nicht zersetzbar und stellen die Kläranlagen vor grosse Probleme.» Als Folge könnten die Mechaniken in der Kläranlage ausfallen. Und eine Verstopfung der Kläranlagen-Aggregate möchte in Zeiten der Coronapandemie gewiss niemand.

Tourismus wirkt sich auf das Abwasser aus

Auch in Appenzell ist die Thematik der Feuchttücher nicht neu. «Das Problem besteht seit einigen Jahren», sagt Ariel Scherrer, Leiter Fachstelle für Siedlungsentwässerung in Appenzell Innerrhoden. So gab es etwa schon Kampagnen, um darauf aufmerksam zu machen, dass gerade Feuchttücher nicht in die Toilette gehören. «Doch der Mensch ist, so wie er ist», sagt Scherrer.

«Viele gehen wohl nach dem Prinzip vor: Aus den Augen, aus dem Sinn.»

Die Pandemie selbst habe aber keinen grossen Einfluss auf das Geschehen in der Kläranlage Appenzell. Die Menge ist fast gleich geblieben, eher sogar zurückgegangen. Dies liege daran, dass der Tourismus auf Sparflamme laufe und alle Restaurationsbetriebe geschlossen sind. «Unsere Kläranlage ist für 20'000 Einwohner ausgelegt», sagt Scherrer.

An die Anlage sei auch ein Industriegebiet angeschlossen. «Da von den privaten Haushalten wohl etwas mehr kommt, dafür aber von der industriellen Seite etwas weniger, hält es sich ungefähr die Waage», sagt Scherrer.

Keine grössere Auslastung der grösseren Anlagen

Der Abwasserverband Altenrhein und die beiden ARA der Stadt St.Gallen sind etwa ähnlich gross. Beide Organisationen haben durch die Pandemie keine grössere Auslastung der Anlagen. «Weder im Schlammanfall noch im Rechengut», sagt Christoph Egli, Geschäftsführer des Abwasserverbands in Altenrhein. Dafür habe man sich über die Sicherheit der Mitarbeiter ausgetauscht. «Anfangs stand die Frage im Raum, ob das Virus auch über das Abwasser übertragbar sein könnte», sagt Egli.

«Doch dies ist bisher weder wissenschaftlich erwiesen, noch in der Branche beobachtet worden.»

In Wil stellt man eine leichte Auswirkung fest. Dort kommt etwas mehr Abwasser als üblich in der Anlage an. «Vor allem am Wochenende», sagt Max Forster, Leiter Abteilung Umwelt der Stadt Wil.

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