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«Ich kann nicht jedem helfen - das ist kein einfaches Gefühl»: Ein Ostschweizer Freiwilliger der «Dargebotenen Hand» erzählt

Heute ist Welttag der Suizidprävention. David* arbeitet als freiwilliger Berater der «Dargebotenen Hand» bei der Regionalstelle Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein. Er hilft Menschen, die im Leben nicht mehr weiter wissen. Deren Sorgen beschäftigen ihn oft auch nach Feierabend.
Rossella Blattmann
Eine Frau berät einen Menschen in einer schwierigen Lebenslage. (Symbolbild: Keystone/Gaetan Bally)

Eine Frau berät einen Menschen in einer schwierigen Lebenslage. (Symbolbild: Keystone/Gaetan Bally)

143. Wer in seinem Leben nicht mehr weiter weiss, wählt diese Nummer. Bei der Regionalstelle Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein der «Dargebotenen Hand» beantworten rund 60 freiwillige Mitarbeitende circa 1700 Anrufe pro Monat. David (45), IV-Rentner, ist einer von ihnen.

Drei Jahre. So lange berät David bereits hilfesuchende Menschen aus der ganzen Ostschweiz. «Ich arbeite nicht von Zuhause aus. In der St.Galler Zentrale haben wir Telefonzimmer, von dort aus nehmen ich und die anderen Freiwilligen die Anrufe entgegen», sagt er.

Sein Interesse an Psychologie und sozialen Themen hat David zur «Dargebotenen Hand» geführt. «Ich habe im Fernstudium die Ausbildung zum psychologischen Berater absolviert», sagt er. In einer Zeitschrift habe er dann eine Annonce der «Dargebotenen Hand» gesehen. «Darauf habe ich mich beworben. Ich wurde ausgewählt und begann den sechsmonatigen Ausbildungskurs der ‹Dargebotenen Hand›.»

Raus aus dem dunklen Tunnel

Dass jemand anruft und direkt sagt, er wolle sich das Leben nehmen, sei selten. «Akute Suizidfälle habe ich etwa ein bis zwei Mal pro Jahr», sagt David. «Jemand, der sich wirklich umbringen will, der tut es einfach und wählt vorher nicht noch die 143.»

Die grosse Mehrheit der Ostschweizerinnen und Ostschweizer, die David und seine Kollegen beraten, wollen vor allem eins: reden. «Mit den Menschen zu reden und ihnen zuzuhören ist das A und O meiner Arbeit», sagt er. «Es ist unsere Aufgabe, die Menschen, denen es psychisch schlecht geht, aus ihrem dunklen Tunnel hinaus wieder ans Licht zu führen.»

Lachen ist die beste Medizin

Nebst reden und zuhören ist für Davids Arbeit noch etwas besonders wichtig: lachen. «Wir arbeiten ganz bewusst mit Lachen. Menschen in Not zum Lachen zu bringen ist ein bewährtes Hilfsmittel dieser Arbeit.»

Die psychischen Probleme der Menschen, die zum Teil auch mehr als einmal bei der «Dargebotenen Hand» anrufen, gehen nicht spurlos an David vorbei. «Das lässt mich nicht kalt. Die Probleme dieser Frauen und Männer nehmen mich auch nach drei Jahren noch sehr mit.»

Wenn das Telefon nicht mehr klingelt

Besonders schwierig sei es, wenn ein Hilfesuchender nicht mehr anrufe. «Manchmal frage ich mich: Konnte ich diesen Menschen nicht erreichen? Was für eine Entscheidung hat er getroffen? Lebt er noch?» Auch wenn er die Not eines Menschen spüre: «Wir können nicht immer eine Antwort bieten und nicht jedem weiterhelfen. Das ist kein einfaches Gefühl.»

Um besonders schwierige Fälle verarbeiten zu können, braucht David Zeit für sich. «Wenn ich merke, dass mich das Problem eines Hilfesuchenden nicht mehr loslässt, gehe ich raus. Dann fahre oder gehe ich allein in der Stadt herum», sagt er. Dies sei wichtig, um von den Problemen Abstand zu gewinnen. «Mit meinem Team zu reden, hilft mir in solchen Situationen ebenfalls.» Trotz der Schwierigkeiten sagt David: «Ich bin sehr dankbar für meine Arbeit. Wenn ich merke, dass ich einem Menschen weiterhelfen konnte, ist das ein unbeschreiblich schönes Gefühl.»

*Die Telefonberatungen der «Dargebotenen Hand» sind beidseitig strikt anonymisiert. Die freiwilligen Berater arbeiten mit einem Decknamen. Dieser wurde von der Redaktion geändert.

Schwierige Suche nach Freiwilligen

«Momentan sind wir wieder dringend auf der Suche nach freiwilligen Beratern», sagt Nicole Zeiter, Leiterin der Regionalstelle Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein der «Dargebotenen Hand». «Die Zeiten, in denen Freiwillige 15 bis 20 Jahre für uns im Einsatz waren, sind vorbei.» Heute sei es schon viel, wenn jemand fünf Jahre als Freiwilliger beim Sorgentelefon bleibe.

Dafür gebe es ihrer Meinung nach verschiedene Gründe, sagt Zeiter. «Der Einsatz als freiwilliger Mitarbeitender für die ‹Dargebotene Hand› geht psychisch und physisch an die Substanz.» Das verkrafte nicht jeder. Zudem sei es auch nicht einfach, sich neben einer regulären Arbeit Zeit für einen freiwilligen Helfereinsatz zu nehmen. «Die Nacht- und Wochenendeinsätze sind auch nicht jedermanns Sache», sagt Zeiter. Die Arbeit sei für jeden offen, der Empathie zeige, zuhören könne und psychisch und physisch gesund sei. «Wir hatten schon Leute aus allen möglichen Berufen, zum Beispiel auch einen Hochbauzeichner.» (bro)

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