Cosima hat sich vor drei Jahren als Transfrau geoutet. (Bild: Urs Bucher)

Cosima hat sich vor drei Jahren als Transfrau geoutet. (Bild: Urs Bucher)

«Ich hoffe, Ihr stört Euch nicht an meinen lackierten Fingernägeln»: Wie ein Goldacher zur Transfrau Cosima wurde

Sie lebte 74 Jahre als Mann, Vater und Grossvater. Dann outet sie sich als Transfrau und ist verblüfft über die Reaktionen.

Ida Sandl
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Mit den Fingernägeln fing es an. Roter Lack! Zuerst nur auf der linken Hand, weil man die verstecken kann, falls die Blicke unerträglich würden. Und weil sie es nicht wurden, auch die rechte, die Schwurhand. Jetzt war es raus, der erste Schritt. Das ist drei Jahre her.

 «Ich hoffe, Ihr stört Euch nicht an meinen lackierten Fingernägeln.»

Mit diesem Satz eröffnete Cosima E. damals die Sitzung des Katholischen Kirchenchors. Sie werde es später erklären. Da war sie für alle noch der Alois, Stimmlage Tenor und was für einer. 23 Jahre Opernchor St. Gallen. «La donna e mobile» aus dem Stand heraus. Am Ende des Abends, dann die Bombe:

«Ich bin eine Transfrau».

Die Sängerinnen und Sänger schluckten trocken. Einige nahmen sie spontan in den Arm gratulierten ihr zum Mut. Andere zogen sich erst einmal zurück, brauchten eine Weile, bis sie verdaut hatten, dass Alois nicht mehr Alois ist.

Auf den Fingernägeln ein bisschen Sternenstaub

«Es war immer da», sagt Cosima. Sie macht Kaffee in ihrer kleinen Wohnung in Goldach. Auf dem Teppich streckt sich Calimero, der Hund, ein weissgelocktes Bündel Lebensfreude. Auch heute sind die Fingernägel rot lackiert, auf einigen dazu ein bisschen Sternenstaub. Cosima hat warme Augen hinter der schlichten Brille. Sie trägt die Haare ein bisschen länger als kurz, helle Hose, grün gemusterter Schal, dazu ein weisser Pulli. Frauenkleider halt. Der Vater nörgelte:

«Du bist kein richtiger Bub.»

Alois war der einzige Bub in einer Bauernfamilie. «Du bist kein richtiger Bub», habe der Vater genörgelt. Bei der Mutter in der Küche war ihm wohler als auf dem Feld oder im Stall. Zum Glück brachte er gute Noten heim.

Alois wurde Lehrer, heiratete, erst kam der Sohn zur Welt, dann die Tochter. «Wir waren eine glückliche Familie», schreibt Cosima in ihr Tagebuch. Aber da war dieses permanente Gefühl, dass etwas falsch ist. Alois ging zu Prostituierten und verliess sie enttäuscht wieder. Das war nicht, was er suchte.

In Alois schlummerte schon immer Cosima. Nun zeigt sie sich offen. (Bild: Urs Bucher)

In Alois schlummerte schon immer Cosima. Nun zeigt sie sich offen. (Bild: Urs Bucher)

Er kaufte sich Damenunterwäsche. Es fühlte sich gut an. Nur im Winter wagte er, sie zu tragen. Möglich, dass seine Frau etwas geahnt habe. Wahrscheinlich habe sie es gar nicht wissen wollen. Reden konnten sie nicht darüber. An seiner Einsamkeit sei er fast zerbrochen. Es gab Momente, da dachte er daran, sich das Leben zu nehmen. Es kam zur Scheidung. «Nicht deswegen», sagt Cosima. Später eine zweite Ehe. Mit dieser Frau habe er über seine Probleme sprechen können. Auch diese Ehe ging in die Brüche, heute sind sie Freunde.

Wann sollte er Cosima der Welt vorstellen?

Alois zog Bilanz: Er war geschieden, pensioniert und die Kinder hatten ihre eigenen Familien. Ein guter Zeitpunkt, das Verstecken zu beenden. Albträume plagten ihn und er wusste, er würde diesen Schritt nicht alleine schaffen. Auf der Suche nach einer Selbsthilfegruppe landete er im Büro für Aids und Sexualfragen. Ein Glücksfall.

«Ich habe mich immer gefragt:
Warum darf ich nicht leben, wie es meinem Inneren entspricht?»

Die damalige Leiterin sei auch eine Transfrau gewesen. Mit leuchtenden Augen erzählt Cosima von der Begegnung. Auf dem langen mühsamen Weg endlich ein Mensch, dem man nichts erklären musste, weil er alles selber erlebt hatte. Die Frau schickte Cosima zu einer Psychologin, die mit Transmenschen arbeitet. Vier Stunden hätten sie geredet, dann sagte die Psychologin. «Sie brauchen keine Therapie.» Alois müsse sich nur entscheiden, wann er Cosima der Welt vorstellen wolle.

Weihnachten 2017 outete sich Cosima vor ihren Kindern. Davor malte sie sich aus, dass sie den Kontakt zu ihr abbrechen würden. Sie hatte ihre Kinder unterschätzt. «Du bleibst mein Papi», sagte der Sohn, der im Thurgau lebt. Die Tochter brauchte länger, um sich an die Situation zu gewöhnen. Cosima liess ihr die Zeit. 

Der rote Nagellack begleitet Cosima schon über eine lange Zeit hinweg. (Bild: Urs Bucher)

Der rote Nagellack begleitet Cosima schon über eine lange Zeit hinweg. (Bild: Urs Bucher)

«Die Männer nehmen mein Anderssein zur Kenntnis, wollen aber nicht darüber reden.»

Zu einer Operation kann sie sich nicht entschliessen

Vielleicht liegt es an ihrer verständnisvollen, zurückhaltenden Art. Während ihres Coming-outs sei sie nie auf offene Ablehnung gestossen, sagt Cosima. Sie hat die Verkäuferinnen informiert, bevor sie zum ersten Mal mit Perücke und Rock einkaufen ging, ein wenig wackelig in den ungewohnten Schuhen. Zittrige Knie habe sie gehabt. Doch die Verkäuferinnen hätten sie euphorisch begrüsst:

«Du siehst aus wie eine richtige Frau.»

Auch die Kirchenchor-Sänger und der Pfarrer haben Cosimas Verwandlung akzeptiert. Nach wie vor jasst sie im Kreis ehemaliger Lehrer. Dass ein Kollege seit ihrem Coming-out konsequent ihren Namen vermeidet, quittiert sie mit einem Lächeln.

In der ID ist als Vorname noch immer Alois eingetragen. Andere Transfrauen, vor allem die jungen, haben ihr zu Operationen geraten. Diesen Schritt will Cosima nicht mehr gehen. Endlich kann sie so leben, wie sie sich immer gefühlt hat und das reicht. Sie öffnet den Kleiderschrank, Röcke, Hosen, verspielte Oberteile. Behutsam streicht sie mit den Händen über die Stoffe. Dazwischen hängen zwei dunkle Anzüge von früher. «Für offizielle Anlässe.»

Trans: Das Gehirn entscheidet

Wie viele Transmenschen leben in der Schweiz?
Offizielle Zahlen gibt es nicht, man geht aber von etwa 40000 Transmenschen in der Schweiz aus. Längst nicht alle von ihnen haben eine Hormontherapie, eine Namensänderung oder eine Operation hinter sich. Diese Schritte vollziehen nur ein paar Tausend.

Was bedeutet Transgender?
Transgender oder Transmenschen fühlen sich nicht dem Geschlecht zugehörig, dem sie bei der Geburt aufgrund körperlicher Merkmale zugeordnet wurden. Transmenschen werden so bezeichnet, wie sie sich selbst sehen. Das Innere entscheidet, nicht der Körper.

Was sind die Ursachen dafür?
Die Ursachen für Transsexualität oder Transidentität sind bislang wenig erforscht. Neuere Untersuchungen vermuten ein hormonelles Ungleichgewicht während der Embryonalentwicklung, also bereits im Mutterleib. Ausserdem haben Forscher ermittelt, dass in der vorgeburtlichen (pränatalen) Entwicklungsphase dieselben Sexualhormone die Ausbildung der Genitalien wie auch die Ausbildung und Funktion des Gehirns beeinflussen.

Hat Transgender etwas mit Sexualität zu tun?
Nein, Transgender hat nichts mit Sexualität oder der sexuellen Orientierung zu tun.

Kann man seinen Vornamen ändern lassen?
Ausser beim amtlichen Verkehr ist es in der Schweiz erlaubt, einen selbst gewählten Vornamen zu nutzen. Jeder kann auch eine Namensänderung beantragen. Voraussetzungen und Kosten sind je nach Kanton verschieden.  

Kann man sich ein anderes Geschlecht eintragen lassen?
Dazu muss man beim erstinstanzlichen Zivilgericht eine Klage einreichen. Die Voraussetzungen und die Kosten sind je nach Gericht unterschiedlich.

Quelle: Transgender Network Switzerland (TGNS)

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