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Kantischülerin zur AHV: «Ich hoffe, es gibt 2066 noch eine Rente»

Dina Waxenberger und Timon Reich werden frühestens in rund 50 Jahren pensioniert. Ihre Rente beschäftigt die beiden trotzdem schon heute. Im Interview sagen sie, was sie vom AHV-Steuer-Deal halten und warum sie künftig gerne die AHV der Alten zahlen.
Interview: Marlen Hämmerli
Timon Reich sagt, die Rente sollte stärker über die Mehrwertsteuer finanziert werden; Dina Waxenberger widerspricht: «Da zahlen alle gleich viel, unabhängig vom Lohn.» (Bild: Ralph Ribi (St.Gallen, 26. September 2018))

Timon Reich sagt, die Rente sollte stärker über die Mehrwertsteuer finanziert werden; Dina Waxenberger widerspricht: «Da zahlen alle gleich viel, unabhängig vom Lohn.» (Bild: Ralph Ribi (St.Gallen, 26. September 2018))

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Die Grünen haben gestern entschieden: Sie ergreifen gemeinsam mit den Jungparteien von SVP und GLP das Referendum gegen den AHV-Steuer-Deal. Seit die Idee entstanden ist, wird darüber gestritten. Frauenverbände, Gewerkschaften, Arbeitgeber meldeten sich zu Wort. Doch was sagen die Jungen? Jene, die noch mindestens 46 Jahre Arbeitsleben vor sich haben, und deren grösste Sorge die AHV ist, wie das Sorgenbarometer der Credit Suisse zeigt.

Dina Waxenberger, Timon Reich, Ihr müsst noch mindestens rund 50 Jahre arbeiten, was löst das aus?

Timon: Natürlich ist das eine lange Zeitspanne, aber ich denke immer in kleinen Schritten. Schliesslich habe ich bis zur Pension noch einiges vor mir und sehe das Ganze nicht so negativ. Dieser Abschnitt des Lebens bietet sicher einiges, und es sollte ja kein Ziel sein, ihn so schnell wie möglich zu durchlaufen. Ich möchte meine Arbeitszeit so lange wie möglich geniessen, und wenn ich dann im Pensionsalter angelangt bin, schaue ich weiter.

Dina: Wenn ich mir das so überlege, habe ich mehr Angst vor dem Rentenalter als vor der Arbeitszeit. Denn ohne Tagesstruktur stelle ich es mir schlimm vor.

In welchem Alter rechnet Ihr damit, pensioniert zu werden?

Dina: 68 wird es vermutlich bei uns sein.

Timon: Die Menschen leben immer länger, dann ist es nur natürlich, auch länger zu arbeiten. Jedoch muss man auch den Faktor Automatisierung bedenken. Es wird wohl viele Leute geben, die sich frühpensionieren lassen müssen, weil sie keine Möglichkeit mehr haben, zu arbeiten. Das wird Prognosen zufolge etwa handwerkliche Berufe betreffen.

Kannst Du eine Zahl nennen?

Timon: Das Pensionsalter wird variieren. Aber ich könnte mir wie Dina vorstellen, dass es sich etwa um das Alter 68 dreht.

Dina: Ich hoffe darauf, dass das Rentenalter flexibel wird und man die Stellenprozente stufenweise senken kann. Zum Beispiel: Ab 63 Jahre arbeitet man nicht mehr 100, sondern noch 80 oder 60 Prozent und das wird dann mit jedem oder jedem zweiten Jahr weniger. Ich meine, dass man durch die Umsetzung dieser Idee einige Jahre länger arbeiten kann. Das würde dem Problem der längeren Lebenserwartung eventuell entgegenwirken und sanfter in den Ruhestand hineinführen.

Wärt Ihr bereit, länger zu arbeiten, um AHV und Pensionskasse zu retten?

Dina: Ja, weil es da nicht nur um mich geht, sondern um alle. Dafür kann ich auch länger arbeiten.

Timon: Ich bin da nicht ganz so stark dem Gemeinwohl gesinnt wie Dina. Ich könnte mir vorstellen, dass ich – wenn ich eine gewisses Summe zur Seite gelegt und hart gearbeitet habe – zum normalen Pensionsalter aufhöre, um dann noch etwas von der Welt zu sehen. Grundsätzlich denke ich jedoch, ist es wichtig, dass alle unterstützt werden, das könnte man vielleicht mit einer Mehrwertsteuererhöhung lösen.

Wie sieht das Rentensystem aus, wenn Ihr in Pension geht?

Dina: Hoffentlich gibt es noch eines. Das mit den 3-Säulen-System finde ich gut und hoffe, dass es auch noch bei uns existiert. Das System hat aber auch Fehler. Künftig fände ich gut, dass man in allen Fällen genügend Unterstützung erhält, zum Beispiel auch, wenn man sein Leben lang Hausfrau oder Hausmann war.

Timon: Das System wird auf jeden Fall davon abhängig sein, wie die Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt aussieht. Bis zum Jahr 2066 kann noch viel passieren. Gerade mit dem technologischen Wandel. Wir wissen auch nicht, wie unser Zusammenleben strukturiert sein wird, ob etwa Länder oder die Wohlfahrtsidee im heutigen Sinn noch existieren.

Fragt Ihr Euch nicht, ob Ihr überhaupt noch eine Rente erhaltet?

Dina: Das war mein erster Gedanke bei der vorherigen Frage. Aber irgendwie vertraue ich darauf. Denn die Rente ist eine Sorge von allen. Klar, wir versuchen seit Jahren, etwas an der AHV-Finanzierung zu ändern. Das Volk war mehrmals dagegen, und es werden sich weiterhin Leute querstellen. Aber wir werden bald an einem Strang ziehen müssen. Die Rente ist ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft. Und weil es immer mehr alte Menschen gibt, wird es ein immer grösseres Anliegen.

Timon: Der Verlust der Rente wäre natürlich eine Katastrophe, vor allem für uns Junge, die ihr ganzes Leben dafür gearbeitet und immer etwas abgegeben haben. Hoffen wir mal, dass es nicht so weit kommt!

Haltet Ihr die 3-Säulen-Lösung für zukunftsfähig?

Dina: Ich würde gerne daran glauben, weil ich den Gedanken schön finde, dass man durch die AHV sicher etwas Geld erhält und selbst noch etwas ansparen kann. Zudem fühlten sich manche Leute meiner Meinung nach schlecht behandelt, wenn es hiesse, es bekommen alle gleich viel, obwohl sie unterschiedlich viel verdient und unterschiedlich lange gearbeitet haben. Das ist schade.

Timon: Bis jetzt haben wir ein ziemlich gutes System. Es ist eine gute Mischung: Alle bekommen etwas, aber jene, die es zu mehr gebracht haben, bekommen mehr. Dieser Gedanke ist eine gute Grundlage.

Spart Ihr fürs Alter?

Timon: Ich habe meine Beziehung zum Sparen in letzter Zeit ein wenig über den Haufen geworfen. Klar heisst es: «Spare für das Alter.» Ein wichtiger Gedanke. Aber was man im schulischen Alter spart, hat man später in einer Woche zusammen. Ich denke darum, dass man, sobald man einen angemessenen Lohn hat, etwas zur Seite legen sollte, aber auch sein Leben leben sollte.

Dina: Ich spare, aber nicht für etwas ­Bestimmtes.

Wie viel, denkt Ihr, werdet Ihr nach der Pensionierung bekommen?

Timon: Ich schätze, ich habe eine Pension, von der ich leben kann. Aber das ist kein Thema, dass mit 17 gross beschäftigt. Ich habe noch nie einen sagen hören: «Ich habe Angst um meine Zukunft.» Vielleicht gehört das zur Flexibilität und zur Unbekümmertheit der Jungen.

Dina: Ich hoffe, weder ich noch sonst jemand muss sich Sorgen machen, also jeden Rappen zählen. Aber man muss ja auch nicht im Luxus leben und alle zwei Wochen in die Ferien fliegen.

Ist die Altersvorsorge bei Euren Freunden ein Thema?

Timon: Ich bin in einer Spanischklasse. Als die Rentenreform 2020 Thema wurde, wusste niemand, was das ist. Da habe ich mich damit auseinandergesetzt. Anfangs wusste ich überhaupt nicht, was wir für ein System haben. Ich könnte wetten, das 70 bis 80 Prozent in meinem Alter die 3. Säule nicht kennen. Und vom AHV-Steuer-Deal haben meine Kollegen noch nie gehört.

Dina: Ich habe das Gefühl, dass die Leute nicht gerne über die Altersvorsorge nachdenken und sich sagen: «Bis zur Pensionierung geht es noch so lange.»

Steckbrief: Dina

Dina Waxenberger. (Bild: Ralph Ribi)

Dina Waxenberger. (Bild: Ralph Ribi)

  • Schule: Kanti, Schwerpunkt Wirtschaft bilingual.
  • Partei: Im kantonalen Vorstand der Jungen Grünen St.Gallen.
  • Aus: St.Gallen.
  • Alter: 18 Jahre.
  • Lebenserwartung: 83 Jahre.
  • Zukunftspläne: In Genf studieren. Ich interessiere mich für (Fremd-)sprachen.

Steckbrief: Timon

Timon Reich. (Bild: Ralph Ribi)

Timon Reich. (Bild: Ralph Ribi)

  • Schule: Kanti, Schwerpunkt Spanisch bilingual.
  • Partei: passives Mitglied der Freisinnigen St.Gallen
  • Aus: Engelburg
  • Alter: 17 Jahre
  • Lebenserwartung: 77 Jahre.
  • Zukunftspläne: In den USA International relations studieren.

Wo habt Ihr über das Rentensystem gesprochen?

Dina: Vor allem innerhalb der Partei, aber teils auch im Unterricht.

Timon: Als es um die Rentenreform ging. Es ist aber kein Thema, um das sich meine Gespräche besonders oft drehen.

Dina: Sobald wir arbeiten und merken: «Ah, das sind die Abgaben für das Alter», wird’s bewusster. Es beschäftigt einen vielleicht auch eher, wenn es heisst, du musst jetzt mehr abgeben. Im Moment kann ich noch einfacher fordern: «Zahlt alle ein wenig mehr.»

Wie viel habt Ihr vom Thema verstanden?

Dina: Man weiss nie, was man nicht weiss. Zwar habe ich das Gefühl, es verstanden zu haben, aber es gibt so viele kleine Aspekte, die dazukommen.

Timon: Ich glaube, ich habe das meiste verstanden. Das ist aber nur so, weil ich mich wirklich damit auseinandergesetzt habe. Andere in meinem Alter, die das nicht getan haben, sind nicht gut damit vertraut. Sie wissen etwa nicht, wie wichtig die 3. Säule ist.

Redet Ihr am Küchentisch darüber?

Dina: Wenn ich frage, wird darüber geredet. Sonst aber nicht.

Timon: Eher selten.

Wärt Ihr bereit, etwas zu tun, damit junge Personen mehr über die Alters­vorsorge erfahren?

Timon: Ich habe mit einem Kollegen an der Kanti einen Politiktag organisiert. Das war ein Versuch, dieses Problem anzugehen und meinen Mitschülern grundsätzlich die Politik näherzubringen. Ich denke, es war ein erster Schritt in diese Richtung, aber es braucht auf jeden Fall mehr Initiative von Seiten der Schulen.

Dina: Ich habe es zwei, drei Freunden erklärt. Und in der Partei ist es auch immer wieder mal Thema. Dass ich da mitwirke, ist auch mein Beitrag.

Wie erlebt Ihr die aktuelle Diskussion über die Altersvorsorge?

Timon: Bei den Jungen existiert die ­Debatte leider in erster Linie gar nicht.

Was hättet Ihr bei der Rentenreform vergangenes Jahr gestimmt?

Dina: Dass die Mehrwertsteuer angehoben worden wäre, fand ich nicht gut, weil da alle gleich viel bezahlt hätten. Die Reform sollte eher über Lohnprozente gehen. Aber ich hätte Ja gestimmt, weil es eine Veränderung braucht und man das Perfekte nicht zum Feind des Guten machen soll.

Timon: Ich hätte die Vorlage eher abgelehnt, denn ich war der Meinung, dass es durch die Ausgabe von 70 Franken eine Scheinreform war. Doch ich sehe den Handlungsbedarf.

Ihr zahlt die Renten der heutigen Alten, ohne Garantie, genauso gute Renten zu erhalten. Ist das gerecht?

Timon: Das fragt man sich schon ein bisschen. Aber da muss man dem System vertrauen und darauf setzen, dass die folgenden Jahrgänge genauso handeln.

Dina: Genau. Wenn wir auf die Älteren achten, wie die nächste Generation auch auf uns achtet.

Beschäftigt Euch der AHV-Steuer-Deal?

Dina: Ja, weil ich auch in der Partei davon höre und mich deswegen damit auseinandersetze.

Timon: Ich habe schon darüber nachgedacht. Aber damit beschäftigen werde ich mich, wenn er vors Volk kommt.

Was haltet Ihr von der Vorlage?

Dina: Sie ist eine Verarschung der Demokratie, da der Deal in gewissem Sinn den Stimmbürger entmündigt. Zwei sachfremde Themen zu verbinden, nur damit beide durchkommen. Wir sollten das Recht haben, getrennt über die Vorlagen abzustimmen. Wäre das Paket als Initiative eingereicht worden, wäre es vermutlich nicht zur Abstimmung zugelassen worden. Das erscheint mir unfair.

Das Parlament soll sich an dieselben Regeln halten wie das Volk.

Timon: Ich habe noch keine definitive Meinung. Dinas Ansicht teile ich aber nicht. Es sind zwei dringliche Vorlagen, die beide einzeln abgelehnt wurden.

Das Paket kommt ziemlich sicher vors Volk. Was stimmt Ihr?

Dina: Eher Nein.

Timon: Wahrscheinlich Ja.

So soll das Rentensystem künftig aussehen

Die Bundesversammlung hat am Freitag dem AHV-Steuer-Deal zugestimmt. Als sozialer Ausgleich zur Steuervorlage 17 (SV 17) soll die AHV jährlich rund 2,1 Milliarden Franken erhalten – ausser das Referendum kommt zu Stande und wird angenommen.

Das Geld für die AHV-Zusatzfinanzierung soll aus mehreren Quellen kommen: Zu über 50 Prozent wird der Zuschuss aus höheren Lohnbeiträgen finanziert. Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen künftig je 0,15 Prozentpunkte mehr an die AHV, was weniger Lohn bedeutet. Die zweite Hälfte soll durch die Mehrwertsteuer und einen höheren Bundesbeitrag gedeckt werden.

Der AHV fehlt trotzdem Geld

Mit dem Geld ist das AHV-Defizit noch nicht gedeckt. Für deren Stabilisierung braucht es in den nächsten zwölf Jahren trotzdem noch 23 Milliarden Franken. Der Grund für das Defizit sind in erster Linie die Babyboomer, die in den kommenden Jahren pensioniert werden. Gegenwärtig beziehen gemäss dem Bundesamt für Sozialversicherungen rund 2,6 Millionen Personen eine AHV-Rente, im Jahr 2030 werden es 3,6 Millionen sein. Die Alterspyramide zeigt eindrücklich, wie sich das Verhältnis der jungen zu den alten Personen verändert und die geburtenstarken Generationen älter werden:

Wegen des Defizits befindet sich derzeit eine AHV-Reform in der Vernehmlassung. Die Reform sieht vor, die Mehrwertsteuer um 0,7 Prozentpunkte zu erhöhen. Ohne den AHV-Steuer-Deal müsste sie um 1,5 Prozentpunkte angehoben werden. Weiter soll das Frauenrentenalter auf 65 steigen. Für die Übergangsgeneration sind Kompensationen vorgesehen. Zudem sollen Arbeitnehmer den Zeitpunkt der Pensionierung flexibler wählen können.

Reform der Pensionskasse wird separat ausgearbeitet

Die berufliche Vorsorge soll nach dem Scheitern der Rentenreform 2020 separat saniert werden. Ein Problem ist, dass die 2. Säule heute auf ein veraltetes Familienkonzept ausgerichtet ist: Den Mann, der Vollzeit arbeitet und die Familie ernährt. Das hat konkrete Folgen für Pensionäre, wie eine Studie der Credit Suisse zeigt. Die reichsten 20 Prozent der Rentnerhaushalte erhalten monatlich über 11000 Franken, die ärmsten nicht einmal 3000 Franken (zweite Grafik unten). Die Differenz entsteht vor allem durch die 2.Säule. Der Lohn von etwa teilzeitarbeitenden Personen fällt oft unter deren Eintrittsschwelle; der Mittelstand wird durch den Koordinationsabzug bestraft, da dieser unabhängig von der Höhe des Lohns abgezogen wird und so das versicherte Einkommen senkt (erste Grafik unten).

Beim Koordinationsabzug sind Wenigverdiener im Nachteil

Bruttolohn 80 000 40 000
Koordiantionsabzug1 24 885 24 885
Versicherter Lohn 55 115 15 115
Altersgutschrift2 5511 1511

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