«Ich habe sie nie ins Pikettzimmer geholt»: Betreuer bestreitet vor dem St.Galler Kantonsgericht, eine behinderte Frau missbraucht zu haben

Einem Betreuer wird vorgeworfen, eine geistig und körperlich beeinträchtigte Frau missbraucht zu haben. Das Kreisgericht St.Gallen sprach ihn schuldig. Vor dem Kantonsgericht St.Gallen verneinte der Sozialpädagoge den Missbrauch und verlangt einen Freispruch. Das Urteil steht noch aus.

Claudia Schmid
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Das Urteil des Kantonsgerichts St.Gallen steht noch aus.

Das Urteil des Kantonsgerichts St.Gallen steht noch aus.

Archivbild: Ralph Ribi

Das Kantonsgericht St.Gallen hat keinen einfachen Fall zu beurteilen. Einem Betreuer wird vorgeworfen, eine geistig und körperlich beeinträchtigte Frau in der Institution, in der sie lebt, missbraucht zu haben. Das Kreisgericht St.Gallen hatte ihn Mitte 2018 der sexuellen Handlungen mit einem Anstaltspflegling schuldig erklärt. Es verurteilte ihn zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 13 Monaten. Im Urteil wurde zudem festgehalten, dass dem Mann für zehn Jahre jede berufliche und jede organisierte ausserberufliche Tätigkeit, die einen regelmässigen Kontakt zu volljährigen, besonders schutzbedürftigen Personen umfasst, verboten ist.

Keine Hinweise auf Übergriffe aufgefallen

Der Beschuldigte hatte den Vorwurf bereits an der erstinstanzlichen Gerichtsverhandlung bestritten und appellierte gegen das Urteil. Zu Beginn der Berufungsverhandlung befragte das Kantonsgericht St.Gallen eine Berufskollegin des Beschuldigten, die wie er in der Institution für die Betreuung der Frau zuständig war. Habe sie etwas nicht gewollt, habe sie sich durchaus wehren und Nein sagen können, erklärte die Zeugin. Sie habe zwar gesagt, dass sie ein Fan des Beschuldigten sei, doch habe sie sich über alle Betreuungspersonen ähnlich geäussert. Gegenüber dem Betreuungsteam habe sie manchmal sehr fordernd sein können. Ihr gegenüber habe sie nie von sexuellen Übergriffen durch den Beschuldigten erzählt. Ihr sei auch nie etwas in dieser Richtung aufgefallen.

Abends ins Pikettzimmer geholt

Die Frau lebt seit vielen Jahren in der Institution, wo auch der Sozialpädagoge seit über zwei Jahrzehnten arbeitete. Sie habe den Beschuldigten als ihren «Lieblingsbetreuer» bezeichnet, heisst es in der Anklageschrift. Über Aufmerksamkeit von seiner Seite habe sie sich sehr gefreut und sich emotional aufgewühlt gezeigt, wenn er abwesend war.

Eines Tages erzählte die Frau ihrem Bruder von sexuellen Handlungen mit dem Betreuer. So soll er sie über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren mehrfach am späteren Abend aus ihrem Zimmer geholt haben. Im Pikettzimmer, wo auch ein Bett stand, habe er die Frau jeweils aufgefordert, sich auszuziehen, lautete der Vorwurf. Danach sei es zu sexuellen Handlungen gekommen. Der Betreuer habe sie immer wieder aufgefordert, über diese Treffen Stillschweigen zu bewahren.

Auf den Betreuer fixiert

Der Sozialpädagoge wies die Vorwürfe auch an der Berufungsverhandlung zurück. Die Frau sei seit vielen Jahren auf ihn fixiert gewesen, erklärte er. Auf seine Abwesenheit wegen Freitagen oder Ferien habe sie nicht selten verärgert und mit Krisen reagiert. Sie sei auch auf seine Frau und Kinder eifersüchtig gewesen. Es sei vorgekommen, dass sie sich vor sein Auto gestellt habe, um ihn daran zu hindern, Feierabend zu machen. Diese nicht immer einfache Situation sei im Team besprochen worden und man habe beschlossen, dass er die Betreuung der Frau abgebe und auf einem anderen Stockwerk arbeite.

Die Frau habe im Fernsehen gerne Liebesfilme gesehen. Gut möglich sei, dass sie Gewünschtes und Fantasie vermischt habe. Sie habe immer wieder erfundene Geschichten erzählt. Dies hätten auch andere aus dem Betreuungsteam wahrgenommen. Er habe sie nie aus ihrem Zimmer ins Pikettzimmer geholt.

Urteil folgt zu späterem Zeitpunkt

Die Verteidigung forderte einen Freispruch von Schuld und Strafe, die Staatsanwältin und Privatklägerschaft die Abweisung der Berufung. Das Urteil des Kantonsgerichts steht noch aus.