«Ich habe nicht gern aufgehört»

Zwölf Jahre politisierte er für die CVP im Nationalrat, vor vier Jahren ist der Innerrhoder Arthur Loepfe zurückgetreten. Heute ist er in Bundesbern präsent wie kaum ein anderer ehemaliger Parlamentarier. Annäherung an einen Rastlosen.

Andri Rostetter
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«In Innerrhoden läuft das so»: Arthur Loepfe auf dem Firmengelände der Appenzeller Alpenbitter AG. (Bild: Ralph Ribi)

«In Innerrhoden läuft das so»: Arthur Loepfe auf dem Firmengelände der Appenzeller Alpenbitter AG. (Bild: Ralph Ribi)

APPENZELL. Manchmal trifft Arthur Loepfe auf Leute, die ihn weniger gut kennen. Leute, die sich über ihn wundern. Sie fragen dann Dinge wie: «Willst Du denn nicht Deine Ruhe haben? Deine Pension geniessen?» Loepfe sagt dann: «Das mache ich ja. Ich tue, was ich am liebsten mache: Ich arbeite.»

Loepfe ist jetzt 72, vor vier Jahren ist er als Nationalrat zurückgetreten, Abschied genommen hat er nicht. Praktisch jede Session ist er in der Wandelhalle anzutreffen, nicht als Zaungast, sondern als Debattierer, Berater, Lobbyist, als Stichwortgeber, Mahner und Droher – kurz: als politischer Schwerarbeiter. Man kann ihn dann beobachten, wie er auf CVP-Chef Christophe Darbellay einredet, mit einem FDP-Ständerat diskutiert oder mit einer klandestinen SVP-Runde im Grand Café des Alpes ein Papier durcharbeitet. «Viele sagen, ich könne nicht loslassen. Das ist Blödsinn. Warum sollte ich denn loslassen, wenn es mir gefällt?»

Loepfe ist ein Arbeitstier, schon immer gewesen. Aufgewachsen auf einem Bauernhof im st. gallischen Berg, in katholischer Umgebung, besuchte er die Verkehrsschule, dann die Textilfachschule, führte als Reiseleiter Schweizer Touristen durch Ungarn, Russland, Japan und Portugal, holte die Matura nach, begann mit 27 an der HSG, doktorierte, stieg in den 1970er- Jahren bei der BSG Unternehmensberatung ein. Unternehmensberater ist er immer noch. Und er wird es bleiben. «Dieses Geschwätz, man müsse im Leben drei Berufe gehabt haben, davon halte ich gar nichts. Man soll tun, was man gelernt hat. Und stets darauf aufbauen.»

Erst um neun im Büro

Loepfe hätte auch im Parlament gerne weitergemacht. Zugleich fühlte er sich alt genug für den Rücktritt, halbwegs zumindest, ausserdem stand in der Innerrhoder CVP mit Daniel Fässler ein anderer in den Startlöchern. Loepfe machte den Weg frei. Auch vier Jahre später sagt er noch: «Ich habe nicht gern aufgehört.» In ein Loch gefallen ist er deswegen nicht. Loepfe arbeitet weiter, gegen hundert Prozent, sitzt in einem halben Dutzend Stiftungs- und Verwaltungsräten, seit einem Jahr präsidiert er die Arbeitsgruppe des Bundes, die sich mit der Weiterentwicklung des Dienstpflichtsystems befasst. «Ich bin nicht viel zu Hause», sagt er und wirkt dabei entspannter als noch vor vier Jahren. «Ich stehe nicht mehr um fünf Uhr auf, manchmal bin ich sogar erst um neun im Büro.» Und er habe auch Ämter abgegeben. Zum Beispiel das Verwaltungsratsmandat der Appenzeller Alpenbitter AG, dem neben der BSG wichtigsten Unternehmen in seinem Leben. Seine Frau, eine geborene Kölbener, entstammt einer der beiden Besitzerfamilien, Loepfe wurde früh angefragt, ob er einen Posten im Verwaltungsrat übernehmen könne. Der Sohn hat den Sitz nun übernommen.

In über 30 Verwaltungsräten

Überhaupt, die Sache mit den Verwaltungsräten: Wenn die Medien wieder einmal die Mandatesammler im Parlament ins Visier nahmen, landete Loepfe regelmässig unter den Top drei – zeitweise sass er in über 30 Verwaltungsräten. Loepfe kann sich noch immer in Rage reden, wenn er darauf angesprochen wird. «Dass es sich bei mir vor allem um Kleinbetriebe handelte, interessierte niemanden. Es ist doch ein Unterschied, ob man eine Bergbahn vertritt oder eine Grossbank.»

Für letztere hatte Loepfe, der KMU-Mann, nie viel übrig. Und seit der Finanzkrise ist für ihn umso mehr klar: Die Grossbanken tragen die Schuld daran, dass die Finanzbranche immer stärker reguliert wird. «Die Grossen können damit gut leben, die zahlen halt wieder mal eine Busse. Aber für die Kleinen ist das tödlich.» Zusammen mit den Wirtschaftsprofessoren Hans Geiger und Martin Janssen und anderen Finanzexperten hat Loepfe deshalb vor einem Jahr «Alliance Finance» gegründet. Die Vereinigung will sich laut Eigenwerbung «für einen attraktiven Finanz- und Wirtschaftsplatz Schweiz, für Rechtssicherheit und Stabilität» einsetzen. Loepfe ist, wen wundert's, ihr Präsident.

Ein anderes Präsidium, jenes des Internationalen Bodenseerates, möchte Loepfe gern abgeben. Der Thurgauer FDP-Doyen Ernst Mühlemann hatte ihn 2003 überredet, den Vorsitz der Organisation zu übernehmen, die sich für die Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in Politik, Wirtschaft, Bildung, Kultur und Naturschutz einsetzt. «Aber ich gehe nicht einfach so. Ich muss zuerst einen Nachfolger finden.» Ein Satz, den man von Loepfe immer wieder hört: Man hört nicht einfach auf. «Ich bin ein treuer Mensch. Wo ich mal dabei bin, bleibe ich.» Zum Beispiel im Schwendner Chölbi-Verein: Seit über 40 Jahren ist Loepfe dort Mitglied und steht heute noch am Bratwurststand.

Loepfes politische Laufbahn begann verhältnismässig spät. 1991 kandidierte er erstmals für den Nationalrat, erfolglos. Er versprach seiner Frau, dass er nie wieder einen Wahlkampf führen werde. Zwei Jahre später wurde er in die Kantonsregierung gewählt, aus dem Stand, ohne politische Erfahrung. «In Innerrhoden läuft das so: Die Partei schaut sich um, wer für ein Amt in Frage kommt. Ich kannte mich aus in Wirtschaftsthemen, also haben sie mich gefragt.» 1999 dann doch wieder ein Wahlkampf, diesmal erfolgreich. Er wechselte in den Nationalrat, als Nachfolger von Rolf Engler.

Loepfe war nie ein typischer CVP-Vertreter. Er politisierte kantig, stets am rechten Rand, gründete den KMU-Club mit, eine wirtschaftsfreisinnige Zelle innerhalb der CVP. Er schmiedete Allianzen mit FDP und SVP, vor allem wenn es um Finanzen und Steuern ging. Als Doris Leuthard beim Atomausstieg 2011 im Parlament selbst gestandene Konservative auf ihre Linie brachte, blieben nur zwei CVP-Nationalräte standhaft; einer davon war Loepfe.

Von Osaka bis Phnom Penh

Und die Familie? Die drei Kinder sind längst erwachsen, «alle recht herausgekommen», vor drei Monaten ist er zum ersten Mal Grossvater geworden. «Uns ging es immer gut, das ist nicht selbstverständlich.» Er unterstützt deshalb zwei Familien in Kambodscha, aus dem eigenen Sack. «Kein Hilfswerk, also auch keine Steuerabzüge.» Ein- bis zweimal pro Jahr reist er selber hin, bringt den Familien Geld, schaut zum Rechten. Asien ist seine Leidenschaft seit Jahrzehnten, mehrere dutzendmal hat er den Kontinent bereist, war unter anderem in China, Vietnam, Thailand, Burma, Laos, kennt sämtliche grossen Städte von Osaka bis Phnom Penh. Im Mai war er letztmals dort.

Zurück in Appenzell, wartet jeweils die nächste Sitzung, der Terminkalender ist voll. In den kommenden Jahren wird er ein paar Ämter abgeben. Aber ganz aufhören wird Arthur Loepfe in diesem Leben nicht mehr.