«Ich habe diesen Job geliebt»: Nicolo Paganini verlässt die Olma Messen als Direktor

Man kann nicht Nationalrat und Olma-Direktor gleichzeitig sein, sagt Nicolo Paganini und zieht die Konsequenzen.

Andri Rostetter
Drucken
Teilen
Neun gute Jahre: Der abtretende Olma-Direktor Nicolo Paganini. Bild: Urs Bucher

Neun gute Jahre: Der abtretende Olma-Direktor Nicolo Paganini. Bild: Urs Bucher

Am Abend des 20. Oktober muss Nicolo Paganini mit gemischten Gefühlen zu Bett ­gegangen sein. Einerseits hatte er gerade die Wiederwahl als Nationalrat geschafft. Er wird also mindestens vier weitere Jahre für die CVP im Bundeshaus sitzen. Andererseits ahnte er: So kann es nicht weitergehen. Seit er im März 2018 für ­Jakob Büchler ins Parlament nachgerückt war, hatte die Belastung massiv zugenommen. Die Sessionen und Kommissionssitzungen in Bern, unzählige Empfänge, Podien, Anlässe. Und alles neben seinem 80-Prozent-Job als Olma-Direktor, für den er häufig sieben Tage pro Woche unterwegs war.

Für seine Mitarbeiter hatte er immer weniger Zeit, regelmässig musste er Termine absagen, das Privatleben lief ohnehin auf Sparflamme. «Eine gewisse Zeit kann man das machen. Aber wenn man es übertreibt, wird es ungesund», sagt er an diesem Donnerstag kurz nach 11 Uhr. Vor drei Stunden hat er seine Mitarbeiter informiert, vor zwei Stunden ging die Meldung an die Medien: Paganini hört auf als Olma-Direktor. «Ich habe gespürt, dass ich eine Lösung finden muss.»

Die Olma – eine St. Galler Identitätsversicherung

Neun Jahre war Paganini das Gesicht der Olma. Es waren neun erfolgreiche Jahre, das Unternehmen steht gut da: 30 Millionen Franken Umsatz im 2018, der Cashflow pendelt seit Jahren zwischen 8 und 10 Millionen Franken. 140 Veranstaltungen mit insgesamt 740'000 Besucherinnen und Besuchern ­fanden letztes Jahr auf dem Olma-Gelände statt, von Nischen-Events wie dem «St.Galler New Work Forum» bis zu den Messe-Flaggschiffen Offa, Tier&Technik und der Olma selber, die immer noch 360'000 Besucherinnen und Besucher anzieht.

Andere Publikumsmessen mussten die Segel streichen, Muba, Züspa und den Comptoir in Lausanne gibt es nicht mehr. «Die Olma-Messen St.Gallen stehen heute im schweizweiten Vergleich als ausgezeichnet positioniertes Messeunternehmen da», lässt sich Thomas Scheitlin in der Mitteilung zu Paganinis Rücktrittsankündigung zitieren.

Scheitlin, Stadtpräsident von St.Gallen und FDP-Kantonsrat, ist Präsident des Verwaltungsrates der Olma-Messe. Was andernorts als Interessenskonflikt gälte, ist in St.Gallen eine Identitätsversicherung: Die Stadt und die Olma, das lässt sich nicht trennen. Das Image der Olma als ursanktgallische Institution ist das wichtigste Kapital der Messe, es garantiert den jährlichen Publikumsaufmarsch an den Messen und die Akzeptanz im Volk, wenn es um politische Entscheide geht – wie jüngst zum Grossprojekt «Olma-­Neuland». Annähend drei Viertel des Stimmvolks der Stadt stimmten den Finanzierungsbeiträgen der öffentlichen Hand zu, der Kantonsrat winkte das Vorhaben einstimmig durch, sämtliche Bewilligungen liegen auf dem Tisch.

Dass es so reibungslos läuft, ist nicht zuletzt Paganini zu verdanken, dem in Herisau geborenen Bischofszeller mit Puschlaver Wurzeln. Paganini hat zwei Studienabschlüsse in Wirtschaft und Recht, ist ein begnadeter Netzwerker, ein gewiefter und harter Verhandler, zugleich ein zugänglicher Typ, einer, der es gut mit Unterge­benen, Kunden und Behörden kann.

«Auf die Dauer nicht vollumfänglich zu erfüllen»

Aber auch Paganinis Tag hat nur 24 Stunden. Das «Neuland»-­Projekt kommt nun in die heisse Phase, es geht um die Umsetzung «verschiedener strategischer Initiativen», wie es in der Medienmitteilung heisst. Das alles erfordere «eine Führungskraft, die sich voll und ganz der Messe widmen kann», wird der Direktor zitiert. Diese Ansprüche wären neben einer gewissenhaften Ausübung des Nationalratsmandats auf die Dauer nicht «vollumfänglich zu erfüllen». Die rund 80 Mitarbeitenden, aber auch die Kundinnen und Kunden hätten ein «Anrecht auf einen Direktor, der vor Ort verfügbar ist».

Wer dieser Direktor sein wird, ist offen. Paganini wird noch bis Ende Mai bleiben, die Stelle wird demnächst ausgeschrieben. Der Druck, rasch einen Nachfolger zu finden, ist aber mässig: Von den sieben Mitgliedern der Olma-Geschäftsleitung ist Paganini jener mit der kürzesten Amtsdauer. Alle andere waren schon vor ihm da – und werden bleiben. Die Kontinuität in der Olma-Führungsetage ist also gesichert.

Und was wird aus dem abtretenden Direktor? Paganini war Geschäftsleitungsmitglied einer Weinkellerei, Kantonsrat, Fraktionschef, Ortsvorsteher, selbstständiger Anwalt, Wirtschaftsförderer, Kadermitglied bei der Kantonalbank. Doch keine Stelle, keine Funktion war so auf ihn zugeschnitten wie jene des Olma-Direktors. Gern wäre er noch geblieben, er studierte gar an einer Variante mit einem COO, einem Chief Operating Officer, herum, der ihn im Tagesgeschäft entlasten sollte. Doch er verwarf die Idee eigenhändig. Es bringt nichts, der Direktor muss im Haus sein. «Ich habe diesen Job geliebt», sagt er. Man glaubt es ihm aufs Wort.