«Ich glaube, sie finden es cool»: Wie Ostschweizer Kantischülerinnen während des Lockdowns mit Kindern in Italien und Spanien Deutsch üben

Damit Kinder in Italien und Spanien trotz geschlossener Schulen weiterhin Deutsch sprechen können, skypen Ostschweizer Gymnasiastinnen regelmässig mit ihnen. Drei von ihnen erzählen von ihren Eindrücken und davon, was sie zu diesem Engagement motiviert.

Philipp Wolf
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Die Gespräche via Skype sind für die Kinder eine willkommene Abwechslung vom Corona-Alltag.

Die Gespräche via Skype sind für die Kinder eine willkommene Abwechslung vom Corona-Alltag.

Alessandro Della Valle / KEYSTONE

Während Primarschülerinnen und Primarschüler in der Ostschweiz seit einer Woche wieder die Schulbank drücken, öffnen die Schulen in Italien und Spanien erst im September wieder. Davon betroffen sind auch die Schweizer Schulen in den beiden Ländern.

Schweizer Schulen im Ausland

(pw) Zurzeit gibt es 18 Schweizerschulen auf drei Kontinenten. Die Bildungseinrichtungen orientieren sich an Schweizer Grundsätzen und Schulgesetzen. Derzeit besuchen 7500 Schülerinnen und Schüler, davon 1800 Schweizer Kinder, eine dieser Schulen. Wer im Ausland eine solche Schule absolviert, hat danach Zugang zu den Schweizer Universitäten. Jede der 18 Schulen hat einen Patronatskanton. Der Thurgau ist Patron der Institution in Perus Hauptstadt Lima und St.Gallen von derjenigen in Rom.

Während die Kinder an diesen Schulen den Unterricht auf Deutsch absolvieren, sprechen viele von ihnen zu Hause die Sprache nie. Barbara Sulzer Smith, Präsidentin von Education Suisse, dem Dachverband der Schweizer Auslandschulen, sagt:

«Wenn diese Kinder monatelang
nicht in der Schule sind, sprechen sie
 extrem wenig Deutsch.»

Deshalb hat die ehemalige Schulleiterin der Schweizer Schule in Barcelona das Projket «Digideutsch» ins Leben gerufen: Dabei Skypen vorwiegend Gymnasiastinnen und Gymnasiasten mit Kindern, die eine Schweizer Schule in Italien oder Spanien besuchen, um mit ihnen Deutsch zu sprechen und simple Übungen zu absolvieren.

Zu den fast 40 Kantischülerinnen und Kantischülern von sieben Institutionen, die am Projekt teilnehmen, gehören auch die Ostschweizerinnen Anna Sager, Emma Pfister und Alessia Paulitti. 

Anna Sager, 18 Jahre, Kantischülerin in Wil: Der Bub, der schwatzt und schwatzt

Anna Sager

Anna Sager

Bild: PD

«Der Bub hatte so viel Freude am Reden. Wir sprachen zwei Stunden lang über allerlei Dinge», erzählt Anna Sager von ihrem ersten Skype-Gespräch mit einem italienischen Buben. Ursprünglich hätte die Konversation nur eine halbe Stunde dauern sollen. Die 18-Jährige steht kurz davor, in Wil das Gymnasium abzuschliessen. Ihre grösste Motivation, beim Projekt Digideutsch mitzumachen, sei es, Hilfestellung zu geben. Man merke, dass der 9-Jährige – der die Schweizer Schule in Como besucht – das Deutschsprechen brauche:

«Wahrscheinlich macht es ihm auch deutlich mehr Spass, auf diese Weise Deutsch zu lernen, anstatt trockene
Grammatikübungen zu lösen.»

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Digideutsch folgen denn auch keinem fixen Lehrplan, sondern sind frei darin, worüber sie mit den Kindern sprechen und was für Übungen absolviert werden.

Emma Pfister, 16 Jahre, Kantischülerin in Wil: Ein erstes Herantasten an den Beruf als Lehrerin

Emma Pfister.

Emma Pfister.

Bild: PD

Wie Anna Sager besucht auch Emma Pfister die Kantonsschule Wil. Die 16-Jährige macht aus verschiedenen Gründen bei Digideutsch mit. Natürlich wollte auch sie den Kindern helfen. Doch das Ganze sei für sie eine nette Abwechslung im Corona-Alltag. Genau so wie für die zwei 10-jährigen Mädchen, welche die Schweizer Schule in Barcelona besuchen. Für Emma Pfister ist Digideutsch zudem eine gute Vorbereitung für ihren Berufswunsch: «Ich würde gerne Lehrerin werden.»

So unterstützt Emma Pfister mit ihrer Teilnahme am Projekt nicht nur Kinder beim Deutschsprechen, sie sammelt gleichzeitig erste Eindrücke davon, wie es ist, Kindern etwas beizubringen. Ihre «Schülerinnen» finden die Erfahrung ebenso bereichernd. Emma Pfister sagt:

«Ich glaube, sie finden es cool,
dass einmal ein völlig anderer Mensch mit ihnen Deutsch übt
und sich mit ihnen unterhält.»

Alessia Paulitti, 18 Jahre, Kantischülerin in St.Gallen: Die Sache mit der Schüchternheit

Alessia Paulitti.

Alessia Paulitti.

Bild: PD

Alessia Paulitti, die in Kürze an der Kantonsschule am Burggraben in St.Gallen das Gymnasium abschliessen wird, skypte derweil mit zwei 9-jährigen Buben, welche die Schweizer Schule in Rom besuchen. Als Italienerin ist das Ganze für die 18-Jährige auch ein wenig eine Herzensangelegenheit.  Und wie Emma Pfister kann sich Alessia Paulitti vorstellen, dereinst Lehrerin zu werden. Über ihre ersten Eindrücke sagt sie:

«Es war zu Beginn schwierig,
das Gespräch aufrecht zu erhalten, weil die Buben schüchtern waren.»

Es gibt sicherlich Einfacheres, als mit zwei wortkargen Jugendlichen über Skype Konversationen zu führen. Doch Alessia Paulitti ist guten Mutes für ihre nächsten Gespräche mit den beiden. «Ich überlege mir, mit ihnen Spiele zu machen», sagt sie. Bei ihr werde trockene Grammatik ebenso wenig Teil des Programms sein wie bei Anna Sager.

Digideutsch dauert noch mindestens bis Ende Juni

In Italien und Spanien dauert das Schuljahr noch bis Ende Juni. Mindestens bis dahin solle auch Digideutsch weitergehen, so Sulzer Smith. Anna Sager und Alessia Paulitti wollen so lange weitermachen, obwohl bei beiden die Maturaprüfungen anstehen. Emma Pfister denkt ebenso wenig ans baldige Aufhören.

Laut der Initiatorin Sulzer Smith beteiligen sich derzeit 42 Kantischülerinnen und Kantischüler aus sieben Gymnasien am Projekt: Aus der Ostschweiz sind es neben der Kantonsschule Wil und der Kantonsschule am Burggraben auch die Kantonsschule Sargans. Ebenfalls mit von der Partie sind vier Studierende, drei Pensionäre und 34 Studentinnen und Studenten der PH Schaffhausen. So werden rund 120 Primar- und Sekschüler betreut. All dies geschieht ehrenamtlich.

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