«Ich gehöre schon zur Familie»

RICKENBACH. Mario Fuchs, Redaktor bei der Wiler Zeitung, lebt einen Monat lang in der Asylunterkunft im thurgauischen Rickenbach. Fuchs will herausfinden, wie die Asylsuchenden ihr Leben in der Schweiz meistern.

Mario Testa
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Im Zivilschutzraum lebt Mario Fuchs während eines Monats zusammen mit neun Asylsuchenden. (Bild: Mario Testa)

Im Zivilschutzraum lebt Mario Fuchs während eines Monats zusammen mit neun Asylsuchenden. (Bild: Mario Testa)

Wer die Zivilschutzanlage unter dem Gemeindehaus in Rickenbach betritt, riecht bereits das exotische Essen. «Ich realisiere das schon nicht mehr, habe mich offensichtlich schnell an diesen Duft gewöhnt», sagt Mario Fuchs und geht durch den Schleusenraum. Ein Mann liegt dort eingemummt in seine Decke auf einer Matratze und blickt schlaftrunken auf. «Das ist Lasha, der Georgier», sagt Fuchs. «Er wollte seinen eigenen Schlafbereich und hat sich hier eingerichtet.»

Im zweiten Raum stehen drei Afghanen am Waschtrog und verrichten ihre Morgentoilette – es ist kurz vor Mittag. «Guten Morgen», sagen sie zurückhaltend, aber freundlich. Der nächste Raum: Hier stehen ein Fernseher und mehrere Sofas. An den grünen Betonwänden hängen Bilder von Schweizer Berglandschaften neben Konterfeis von Velupillai Prabhakaran, 2009 getöteter Anführer der Tamil Tigers. «Die Männer aus Sri Lanka schauen hier fast jeden Tag Bollywood-Filme – gerne mit aufgedrehter Lautstärke und bis spät in die Nacht», sagt Fuchs, drückt die Türe zum angrenzenden Raum auf und späht hinein. Es ist dunkel, drei Tamilen dösen noch in ihren Betten. Zwei weitere gehen einer Arbeit nach und sind schon früh aufgestanden.

Filmnächte und Morgenmuffel

Mario Fuchs kippt den Lichtschalter, im Massenschlag wird es hell. «Eigentlich sollten die Männer ja schon lange aufstehen, aber weil sie freitags keine Termine haben, schlafen sie gerne etwas länger», sagt Fuchs und klettert in die oberste der drei Etagenbettreihen. «Das ist mein Bett, drei Nächte habe ich nun schon hier verbracht und gut geschlafen.» Fuchs ist nur an den Abenden und an den Wochenenden in der Unterkunft, tagsüber arbeitet er. Den Bunkeraufenthalt bezahlt er selbst.

Mario Fuchs studiert an der Schweizer Journalistenschule in Luzern und schreibt eine Reportage als Diplomarbeit im kommenden Frühling. «Was ist eine der grossen gesellschaftlichen Herausforderungen unseres Landes, habe ich mich gefragt. So bin ich auf das Asylwesen gekommen», sagt der 24jährige Oberuzwiler. Täglich werde darüber in den Medien berichtet, aber immer nur von aussen – von Politikern, Institutionen oder Leserbriefschreibern. «Was fehlt, ist die Meinung der Asylsuchenden selbst. Deshalb habe ich mich entschlossen, einen Monat lang in einer Asylunterkunft zu leben, um mit den Bewohnern vertieft ins Gespräch zu kommen.»

«Angst? – Wovor denn?»

Für sein Vorhaben erntet Mario Fuchs viel Lob, wie er sagt. «Ich habe nur positive Reaktionen erhalten, auch wenn viele gesagt haben, sie könnten das nicht. Andere haben gefragt, ob ich nicht Angst hätte.» Nein, er fürchte sich definitiv nicht. «Vor wem denn? Das sind alles Menschen mit Gefühlen und Umgangsformen. Sie haben mich sehr freundlich aufgenommen – gestern hat einer gesagt, ich gehöre jetzt auch zu ihrer kleinen Familie.»

Mario Fuchs bloggt über seine Erfahrungen auf www.asylblog.ch

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