Interview

«Ich gehe 100 mal lieber einen Konflikt ein, als Lügen zu leben»: Das wahre «Platzspitzbaby» Michelle Halbheer im Interview

Die ganze Deutschschweiz kennt ihre Geschichte von der Leinwand und aus ihrer Biografie: Michelle Halbheer, aufgewachsen im Drogensumpf der 1990er-Jahre, lebt seit November in Frauenfeld.

David Grob
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Sie thematisierte mit ihrer Biografie Platzspitzbaby die Not von Kindern in Drogenfamilien: Michelle Halbheer vor dem Schloss Frauenfeld.

Sie thematisierte mit ihrer Biografie Platzspitzbaby die Not von Kindern in Drogenfamilien: Michelle Halbheer vor dem Schloss Frauenfeld.

Bild: Donato Caspari

Michelle Halbheer sitzt auf einer Parkbank, es ist ein erster Frühlingstag, und sie erzählt von ihrer Kindheit in der Obhut einer suchtkranken Mutter, von ihrem Kampf, nicht so zu werden wie ihre Mutter und von ihrem heutigen Leben. Fast die ganze Deutschschweiz kennt ihre Geschichte von der Leinwand und ihrer Biografie: Halbheer ist das echte «Platzspitzbaby».

Wie gefällt Ihnen die Verfilmung Ihrer Biografie?

Sehr gut. Man darf nur nicht mein Buch erwarten: In der Hauptfigur Mia steckt nicht nur meine Geschichte, sondern auch die anderer Kinder von Suchtkranken. Der Film verdeutlicht den Kampf um die Liebe der Mutter, die Not der Mütter in der Entscheidung zwischen Drogen und Kind sehr eindrücklich. Eine Szene im Film hat mich besonders beeindruckt. Mia fleht ihre Mutter an: «Mami, du muesch ufhöre!» Die Mutter hält sich an ihr wie an einem Fels fest. Ich hätte dies meiner Mutter nie sagen können, ich hätte links und rechts eins kassiert. Aber eine Freundin von mir konnte so mit ihrer Mutter reden. Und meine Mutter hat sich auch oft an mir festgehalten.

Erkennen Sie sich in Mia wieder?

Ja. Mia ist nicht Michelle. Aber trotzdem haben beide viele Parallelen.

Mia (Luna Mwezi) im Film «Platzspitzbaby».

Mia (Luna Mwezi) im Film «Platzspitzbaby».

Bild: Aliocha Merker

Ihre Biografie wirkt deutlich drastischer als der Film, in dem es auch oft zu intimen Momenten zwischen Mutter und Tochter kommt.

Man hat vieles im Film optisch erträglich gemacht. Ein Detail, das einige kritisieren: Die Arme der Süchtigen sind viel zu sauber, haben zu wenig Abszesse, sind zu wenig zerstochen. Stimmt, aber wir wollten keinen Horrorfilm drehen, sondern die Dramatik in einer Suchtfamilie zeigen. Der Horror steckt im Drama.

Wie hat Sie Ihre Kindheit geprägt?

Ich bereue es nicht, so aufgewachsen zu sein. Es hat mir ein Wahnsinnverständnis für Menschen in Not gegeben. Für Süchte, für Leistungsdruck. Ich habe viel Empathie. Ich bin aber weniger gebildet, da ich während meiner Schulzeit überleben musste. Bildung kann man nachholen, Empathie aber nicht. Diese erlangt man in der Kindheit viel einfacher, da man stärker nonverbale Signale aufnimmt. Trotzdem bin ich manchmal wehmütig.

Ihre Kindheit hat Sie gestärkt.

Ja. Ich gehe 100 mal lieber einen Konflikt ein, als Lügen zu leben. Meine Mutter hat so viel gelogen, um ihre Sucht zu verstecken und persönliche Nachteile zu verhindern – was später viel grössere Probleme verursacht hat.

Gibt es Eigenschaften, die Sie von Ihrer Mutter haben?

Ganz viele (lacht). Mein Lachen etwa. Mein Vater ist einmal sehr erschrocken, als er mich aus der Küche lachen hörte. «Ich ha gmeint, sMami isch ide Chuchi!» Auch meine aufbrausende Art habe ich von ihr. Heute kann ich akzeptieren, dass ich gewisse Eigenschaften geerbt habe. Ich habe lange krampfhaft versucht, nicht so wie meine Mutter zu werden. In Bezug auf den Drogenkonsum ist das okay. Aber ich musste lernen, dass ich Seiten meiner Mutter haben darf. Sie war ein wunderbarer Mensch, bevor sie süchtig wurde. Ich darf das Wunderbare weitertragen.

Haben Sie Angst gehabt, so zu werden wie Ihre Mutter?

Sehr. Ich bin sehr vorsichtig, was Abstürze oder Süchte anbelangt. Ich trinke heute nur selten Alkohol. Während meiner Zeit in der Goa-Szene mit Anfang 20 habe ich viel Alkohol getrunken. Interessanterweise war die Gefahr abzustürzen bei anderen Drogen nie sehr gross. Ich habe mich immer intensiv über die Drogen informiert, die ich konsumiert habe. Beim Alkohol aber kaum, da dieser legal ist. Heroin habe ich nie angerührt.

Was war Ihr Beweggrund, Ihre Biografie 2013 zu veröffentlichen?

Ursprünglich wollte ich meine Geschichte erst nach dem Tod meiner Mutter erzählen, um sie nicht unnötig zu belasten. Doch dann wurde ein Fall publik, der mich unglaublich getroffen hat: Ein Baby ist gestorben, weil die süchtige Mutter Milchpulver mit Kokain verwechselte – und sie wurde freigesprochen. Ich kann nicht richtig beschreiben, was in mir abgegangen ist: Ich fühlte Übelkeit, Wut, Trauer, Hass, Mitgefühl im selben Moment. Ich habe mir gesagt:

Jetzt rede ich. Wenn ich jetzt schweige, bin ich gleich wie all die Nachbarn, die in meiner Kindheit geschwiegen haben.

Wie hat Ihre Mutter reagiert?

Im ersten Moment, als ich sie über mein Vorhaben informierte, sehr gut. Sie meinte, es sei sehr wichtig, darüber zu informieren. Sie sagte mir aber auch: «Du hast es ja nicht so schlimm gehabt wie andere Kinder.» Nur: Das sagt jede suchtkranke Mutter.

Woran liegt das?

Darüber kann ich nur mutmassen. Einerseits ist es sicher eine verzerrte Wahrnehmung von Süchtigen. Andererseits kann ich mir auch vorstellen, dass solche Menschen eine ganz andere Sichtweise auf die Welt haben als viele, die nicht am Rand der Gesellschaft stehen. Ich sehe dies bei mir. Ich verstehe meine Mutter ganz anders, als jemand, der in einem behüteten Umfeld aufgewachsen ist. Viele Drogenabhängige vom Letten hatten Heimerfahrungen. Staatliche Institutionen wurden als schädigend und missbräuchlich wahrgenommen. Wie soll ein solcher Mensch im Erwachsenenalter glauben, eine Institution hilft ihm und seinem Kind? Es ist also keine Wahrnehmungsverschiebung, sondern eine andere Sicht auf die Realität – wegen der eigenen Erfahrung.

Haben Sie Beispiele dafür?

Ich sehe es an meinen Jugendfreunden, von denen auch einige ihren abhängigen Eltern weggenommen wurden und in Heime kamen. Für einige eine sehr gute Erfahrung. Für andere – teilweise in einer anderen Gruppe des gleichen Heims – eine sehr schlimme Erfahrung: mit Mobbing, Gewalt, Liebesentzug durch überforderte Betreuer. Für sie ist klar: Steckt die Kinder ja nicht ins Heim, findet andere Lösungen.

War Kritik an den Institutionen auch eine Motivation?

Ich mag das Wort Kritik. Viele sagen, ich würde angreifen. Das mache ich nicht. Ich finde konstruktive Kritik sinnvoll, um eine Veränderung herbeizuführen. Kritik ist der erste Schritt.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrer Mutter?

Nein. Nach dem Erscheinen sprach ich mit meiner Mutter. Es war kein schönes Gespräch, sie sagte Dinge, die sie sicher nicht so gemeint hat. Ich habe ihr daraufhin einen Brief geschrieben und mit ihrem Therapeuten gesprochen, damit sie meinen Entscheid richtig versteht. Kritik kam aber auch von der Familie meiner Mutter. Man warf mir vor, ich brächte meine Mutter um. Dabei ist es immer noch ihre Sucht, die sie umbringt. Genau deshalb habe ich überlegt, mein Buch erst nach ihrem Tod zu veröffentlichen.

«Meine Mutter hat sich auch oft an mir festgehalten.» – Michelle Halbheer über eine Szene im Film «Platzspitzbaby».

«Meine Mutter hat sich auch oft an mir festgehalten.» – Michelle Halbheer über eine Szene im Film «Platzspitzbaby».

Bild: Aliocha Merker

Wie beurteilen Sie heute diesen Schritt?

Aus der heutigen Sicht bereue ich es nicht, das Buch publiziert zu haben. Ich würde aber dennoch einiges anders machen: Nicht in Bezug aufs Buch, sondern dahingehend, wie ich Rückmeldungen aus meiner Familie aufnehme. Ich wäre eine Zeit lang fast daran zugrunde gegangen.

Inwiefern?

Ich würde die Diskussion mit den Verwandten meiner Mutter, die mich kritisierten, nicht mehr führen. Weil ich weiss: Es sind nicht meine Konflikte, sondern es sind ihre Konflikte und schlechtes Gewissen. Ich habe mich damals stark gerechtfertigt. Heute würde ich einfach sagen: It’s my decision!

Haben Sie solche Reaktionen erwartet?

Ja. Ich hätte aber auch nicht mit so viel positiven Reaktionen gerechnet. Ich hätte erwartet, nach der Veröffentlichung alleine dazustehen. Ich hätte nie gedacht, so viel Unterstützung zu erhalten. Auch jetzt beim Film nicht.

Sie helfen heute als Inkassosachbearbeiterin Menschen mit Zahlungsschwierigkeiten.

Ich suche mit meinen Klienten nach umsetzbaren Lösungen. Nach einem Zahlungsplan, der realistisch ist. Und nicht einer, bei dem sie wissen: Ende Monat kann ich meine Rechnungen nicht zahlen. Meiner Mutter erging es oft so. Und so investierte sie ihr weniges Geld lieber in Drogen. Eine kleinere Rate hätte sie vielleicht eher bezahlt.

Ihre Motivation ist Hilfe?

Menschen zu unterstützen, ist für mich sehr wichtig. Ein Beruf, in dem ich nur eine Firmenstruktur stütze, würde mich nicht ausfüllen. Ich muss einen Sinn in der Arbeit sehen.

Sie leben seit November in Frauenfeld. Sie hat die Liebe in den Thurgau verschlagen.

Ja. Mein Partner und ich sind alte Freunde. Wir haben uns vor eineinhalb Jahren wieder gesehen – und wollten uns weiterhin sehen. Es hat eingeschlagen. Doch die Distanz war ein Problem. Er lebte im Thurgau, ich im Zürcher Oberland. Bei meiner Grossmutter, die auch im Thurgau lebte, entdeckte ich in dieser Zeit eine Sagensammlung. Mir gefiel die Frauenfelder Sage vom «Fräuli mit em Leuli» sehr. Ich dachte mir, das ist ein gutes Omen. Wir entschieden uns für Frauenfeld.

Was schätzen Sie am Thurgau?

Das Ländliche. Ich bin von Zuhause in fünf Minuten im Wald. Mir gefällt auch der Dialekt, den ich von meiner Grossmutter kenne. Sie war immer der ruhige Pol in meinem Leben. War ich bei ihr, war die Welt in Ordnung. Der Dialekt löst bei mir ein Heimatgefühl aus.

Sie haben in Ihrer Vergangenheit viel Schlimmes erlebt. Beunruhigt Sie da die Corona-Krise überhaupt?

Ich habe seit meiner Kindheit mit Risikopatienten zu tun. Ich bin es gewohnt, mich krank solchen Personen nicht zu nähern. Meine Grossmutter besuche ich also derzeit nicht. Ich bin es aber auch gewohnt, rigorose Massnahmen zu ergreifen. Dies vermisse ich etwas. Warum arbeitet man auf Baustellen einfach weiter? Panik habe ich keine.

In Ihrer Biografie heisst es: «Zeit heilt keine Wunden.» Wie geht es Ihnen heute?

Im Alltag sehr gut. Ich habe gelernt, auf mich zu schauen, meine Grenzen zu kennen. Lange bin ich für andere über meine Grenzen hinaus gegangen. Zu gewissen Zeiten – Weihnachten etwa – bin ich öfters traurig. Ich nehme mir dann aber bewusst die Zeit, traurig zu sein. Auf einer Skala von 0 bis 100, wobei 0 sehr schlecht und 100 sehr gut bedeutet, bin ich bei 90 Punkten.

Kindheit im Drogenmilieu

Fast die ganze Schweiz kennt ihre Geschichte. Michelle Halbheer ist in der Obhut einer heroinsüchtigen Mutter aufgewachsen und hat ihre Erlebnisse in ihrer 2013 veröffentlichten Biografie «Platzspitzbaby» verarbeitet. Die Verfilmung ihrer Biografie lief bis vor kurzem mit grossem Erfolg in den Deutschschweizer Kinosälen. Seit November lebt die 34-Jährige in Frauenfeld. Halbheer arbeitet als Inkassosachbearbeiterin in Winterthur und hilft Menschen mit Schulden und Zahlungsschwierigkeiten, ihre Rechnungen zu zahlen und Schulden abzubauen. (dar)