«Ich fühlte mich minderwertig»

Magersucht ist eine Krankheit, die in der heutigen Gesellschaft bekannt ist und in den Medien viel diskutiert wird. Kantonsschülerin Cynthia hat ihre Maturaarbeit darüber verfasst. Das Spezielle daran: Sie war selber eine Betroffene.

Alexandra Pavlovic
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Cynthia hat die Magersucht überwunden. Heute kann die 19-Jährige wieder lachen und das Leben geniessen. (Bild: Coralie Wenger)

Cynthia hat die Magersucht überwunden. Heute kann die 19-Jährige wieder lachen und das Leben geniessen. (Bild: Coralie Wenger)

Die Anzeige auf der Waage zeigte 36 Kilogramm Körpergewicht. Bei einer Grösse von 168 Zentimetern ein erschreckender Anblick. Erschrocken ist auch Cynthia. «Als ich im Behandlungszimmer meines Arztes stand und mein Herz zum wiederholten Mal unregelmässig schlug, klingelten die Alarmglocken», sagt die heute 19jährige Wattwilerin. Ihr Gewicht hatte sie endgültig verraten. Auch ihr Aussehen konnte die Krankheit nicht länger verbergen. Cynthias Statur war knochig, ihr Haar vom starken Haarausfall gezeichnet, noch dazu der leichte Flaum an ihren Armen. Das Spiegelbild zeigte alles andere als eine gesunde junge Frau. «Ich fühlte mich unattraktiv, so sah ich auch aus und doch war dieser Blick in den Spiegel für mich normal.» Die Maturandin erzählt offen und ehrlich – ohne Hemmungen. Es war offensichtlich: Cynthia hatte Magersucht.

Der ältere Bruder als Anker

Wegen ihres herzlichen Lachens und ihrer strahlenden Augen würde heute kaum einer vermuten, dass die 19-Jährige vier Jahre zuvor an einer zerstörerischen Krankheit litt. Wohl kämpfte Cynthia je länger desto mehr mit dem Essen, bemerkt hatte die Schülerin die Sucht aber erst, als es schon fast zu spät war. «Wie so oft gab es nicht diesen <einen Auslöser>», antwortet Cynthia auf die Frage nach dem Warum. Im Nachhinein sei es vermutlich «eine Ansammlung» von verschiedenen Geschehnissen gewesen, die sie in die Krankheit getrieben hätten. «Der Wegzug meines Bruders vor vier Jahren war bestimmt einer der Auslöser», sagt sie.

Mit gerade einmal 16 Jahren zog er zum Vater nach Neuseeland. Die Eltern hatten sich schon früh getrennt, die Kinder daher keine enge Beziehung zu ihm. «Mein Bruder wollte diese aber schaffen und ging für zwei Jahre fort.» Für die damals 15-Jährige war ihr ein Jahr älterer Bruder wie ein Anker. Und dieser war nun nicht mehr da. In der Magersucht fand die Schülerin das, was ihr zu jener Zeit niemand geben konnte – Halt. «Die Esssucht füllte mein Leben aus und gab mir Kontrolle. Lieber so als ohne», sagte sie sich.

Zwei Äpfel, ein Salat, eine Bouillon-Suppe, Kaugummis und viel Wasser: Die Tagesration von Cynthia. (Bild: Coralie Wenger)

Zwei Äpfel, ein Salat, eine Bouillon-Suppe, Kaugummis und viel Wasser: Die Tagesration von Cynthia. (Bild: Coralie Wenger)

«Eine Meisterin im Lügen»

Das Umfeld der jungen Frau bemerkte zunächst nichts vom enormen Gewichtsverlust. Erst nach einer Weile sprachen Cynthias beste Freundinnen sie mehrmals auf ihre Figur an. «Ich schaffte es allerdings immer wieder, sie zu täuschen. Mit der Zeit war ich eine Meisterin im Lügen.»

Nur Gemüse und wässriges Zeug

Ihre Mutter hingegen bemerkte, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmte, denn Cynthias Alltag war alles andere als normal. «Mein Tag war komplett durchgeplant. Ich hatte mir Woche für Woche einen Essensplan zusammengestellt.» Auf diesem war genau aufgeschrieben, zu welcher Uhrzeit sie was essen muss. Überraschungen galt es zu vermeiden, alles musste kontrolliert sein. So fanden sich auf dem Plan nur Gemüse und wässerige Nahrungsmittel. Nicht die Menge sei entscheidend gewesen, sondern das, «was» sie gegessen habe, sagt Cynthia.

Nicht nur das Essverhalten hatte sich drastisch verändert, auch begann sich die Wattwilerin immer mehr zurückzuziehen. «Ich fühlte mich minderwertig und dachte, dass ich den Menschen eine Last bin.» Daher sei sie mit der Zeit lieber alleine als unter Menschen gewesen. Cynthias Mutter duldete das nicht länger und schickte die Schülerin zum Arzt. Dieser konnte nichts Ungewöhnliches feststellen. «Meine Mutter gab sich damit aber nicht zufrieden und schickte mich zu einer Ernährungsberaterin.» Doch auch für diese war schnell klar: Das Mädchen hat nichts, sie will sich nur gesund ernähren. Cynthias Mutter war erneut unzufrieden. «Ihr war bewusst, dass ich krank war und mehr dahintersteckte.» Also habe die Mutter das Ganze selber in die Hand genommen.

Noch mehr Gewicht verloren

Fortan kam regelmässig eine Naturheilpraktikerin zu Cynthia nach Hause. Nach einer Weile stellten jedoch Mutter und Tochter fest, dass diese Behandlungsmethode zu wenig intensiv war. Als Cynthia dann an einer Magendarm-Grippe erkrankte und noch mehr Gewicht verlor, ging die Mutter erneut zum Arzt. «Die Grippe gab mir endgültig den Rest. Ich hatte kaum noch Energie.» Der Arztbesuch bestätigte schliesslich die Vermutungen der Mutter: Ihre Tochter war krank – magersüchtig.

Vier Kilogramm in drei Monaten

Die Wattwilerin begab sich daraufhin in ambulante Therapie am St. Galler Kinderspital. Ein halbes Jahr lang kämpfte die 19-Jährige gegen die Krankheit. Trotzdem wollte ihr Körper nicht an Gewicht zulegen. «Ich begab mich darum in stationäre Behandlung.» Dort schaffte sie es in nur drei Monaten auf 40 Kilogramm und konnte die Station verlassen. Weitere acht Monate brauchte es, bis sie gesund war. Seit gut eineinhalb Jahren gilt die 19-Jährige als «geheilt». Was im Kopf einer Magersüchtigen in all der Zeit vorgeht, ist für Aussenstehende oft schwer nachvollziehbar. Auch Cynthia schüttelt den Kopf, wenn sie heute einige ihrer Tagebucheinträge liest. «Ich dachte, ein perfekter Körper verschafft mir ein perfektes Leben. Mittlerweile weiss ich, wie naiv dieses Denken war.»

Über ihre Krankheit zu sprechen, fällt der Schülerin heute leicht. Sie hat ihre Vergangenheit akzeptiert. «Vergessen werde ich die Magersucht nie. Sie wird immer ein Teil von mir bleiben», sagt sie. Die erlebten Höhen und Tiefen der Krankheit hat die 19-Jährige in ihrer Maturaarbeit niedergeschrieben. «Ich will den Leuten eine andere Sicht auf die Krankheit geben, sie dafür sensibilisieren und Betroffenen Mut machen, die nötige Hilfe anzunehmen.»

Präsentation Maturaarbeit: 16. Januar, 16.50 Uhr, Kanti Wattwil