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Interview

«Vielleicht gibt es ja Leute, die finden: Dieser Crimer ist ein Vollidiot»

Letztes Jahr zählte er zu den Entdeckungen der Schweizer Musikszene, heute spielt Crimer zum zweiten Mal in Folge im Sittertobel. Der Ostschweizer über Beziehungsprobleme, Mundart-Pop und sein schwieriges Verhältnis zum Rheintal.
Andri Rostetter
«Dieses Partygehabe liegt mir nicht»: Pop-Newcomer Crimer. (Bild: Mareycke Frehner)

«Dieses Partygehabe liegt mir nicht»: Pop-Newcomer Crimer. (Bild: Mareycke Frehner)

Crimer, Ihre Texte sind manchmal schwer zu verstehen.

Das höre ich oft. Ich finde es schwierig, eine Geschichte zu erzählen, ich bin nicht gut im Erfinden. Meine Texte sind sehr persönlich. Wahrscheinlich ver­stecke ich unbewusst, was ich sagen will.

Nehmen wir den Song «Hours». Was wollen Sie da sagen?

Da geht es um dieses typische Millenial-Ding, diese Beziehungsschwierigkeiten meiner Generation: sich auf niemanden festlegen, immer das Gefühl haben, es komme noch etwas Besseres – und trotzdem die Vorzüge der Beziehung wollen. Ich bin schon lange mit meiner Freundin zusammen, ich kenne diese Gefühle.

Reden Sie mit ihr über die Texte?

Nein, nie. Auch nicht mit anderen Leuten. Das ist das Unangenehme am Songschreiben. Ich wäre nicht so entspannt, wenn jemand einen Song über mich schreiben würde.

Andere singen über Politik. Die haben dieses Problem nicht.

Ich habe keinen Anspruch, eine Botschaft zu vermitteln. Meine Musik ist eine rein emotionale Beschäftigung mit mir selber. Mit politischen Songs würde ich mich seltsam fühlen. Das bin ich nicht, es wäre ein Fake.

Sie haben keine Botschaft?

Ich habe nichts zu verarbeiten. Meine Kindheit war wunderbar. Irgendwann habe ich dann vielleicht zwei Millionen Lovesongs geschrieben. Was soll’s?

«Zwischen Spastik und Erotik»: Crimer-Auftritt am Weihern Openair Festival 2017 in St.Gallen. (Bild Ralph Ribi)

«Zwischen Spastik und Erotik»: Crimer-Auftritt am Weihern Openair Festival 2017 in St.Gallen. (Bild Ralph Ribi)

Sie sind Rheintaler. Was hat Ihre Musik damit zu tun?

Das ist gewissermassen mein Ausbruch. Ich war nie ein Fan von Bier- und Mostfesten, ich fühlte mich im Rheintal gefangen. Auch als Band bekamen wir kaum Auftritte. Ich ging lieber nach St.Gallen ins Palace, in die Grabenhalle oder in die Tankstelle. Ich habe versucht, im Rheintal eine Konzertreihe zu organisieren. Es hat nicht funktioniert. Die Leute, die gekommen wären, sind alle längst weg, in Zürich oder sonst wo.

Ohne Rheintal also kein Crimer.

Genau. Ein solches Umfeld ist aus künstlerischer Sicht von Vorteil. Wäre ich in einer Stadt aufgewachsen, wo es selbstverständlich ist, dass es verschiedene kulturelle Szenen gibt, dann wäre ich vielleicht gar nicht Musiker geworden.

Haben Sie Verbindungen zur Ostschweizer Musikszene?

Ich war ewig lange Vorband von Panda Lux. Wir haben ein gutes Verhältnis. Auch mit Dachs komme ich gut aus, das sind grossartige Typen. Thomas Kuratli von Pyrit kenne ich zwar nicht persönlich, aber ich finde seine Sachen genial.

Und ausserhalb der Ostschweiz?

Viele. Man lernt sich rasch kennen. In der Schweizer Musikszene sind alle so nett zueinander. Dabei hätte ich lieber mal eine lustige Fehde. Vielleicht gibt es ja Leute, die finden: Dieser Crimer ist ein Vollidiot. Das wäre okay, man muss nicht alles gut finden.

Was finden Sie nicht gut?

Dieses ganze Mundartzeugs, Hecht, Trauffer und wie sie alle heissen. Damit kann ich gar nichts anfangen. Der Schweizer Musikmarkt ist, wie soll ich sagen, funktionalistisch. Die Bands bauen ihre Songs so, dass sie möglichst rasch ins Radio kommen. Darum ist der Schweizer Pop so stromlinienförmig.

Haben Sie ein Gegenmittel?

Etwas mehr Mut würde unseren Radios gut tun. Wenn sie etwas nicht spielen, heisst es immer: Unser Publikum will das nicht hören. Das ist die dümmste Ausrede der Welt. Klar, SRF3 hat «Punkt.ch», die machen das gut. Aber es ist krass, wie trendig dieser Mundart-Pop ist. Trauffer macht ein ganzes Business daraus, der bringt seine eigene Bar mit und verkauft seine eigenen Würste. Was soll das?

Sie haben doch auch profitiert. Dank der Swissness-Quote von SRF wurden dort Ihre Songs gespielt.

Ja. Bei SRF ging es schnell. Als Schweizer hat man dort eher Chancen, ins Programm zu kommen. Aber bis die Privatradios aufspringen, geht es viel länger.

Mit «Brotherlove» schafften Sie es dann auch in die Privatradios.

Ja. Von da an ging es schnell. Die Konzertanfragen kamen am laufenden Band, ich spielte auf sämtlichen Startrampen des Landes.

Am Open Air St.Gallen spielen Sie dieses Jahr auf der Sternenbühne. Waren Sie enttäuscht, dass es nicht gleich die Hauptbühne war?

Ich weiss jetzt nicht, ob ich das sagen soll …

Was denn?

Ich konnte auswählen. Es gab zwei Programmslots, einen auf der Sternenbühne, einen auf der Hauptbühne. Ich war schon immer ein grosser Fan der kleinen Bühnen, deshalb habe ich mich für die Sternenbühne entschieden.

Ernsthaft? War es nicht vielmehr der Respekt vor der grossen Bühne?

Definitiv nicht, wirklich. Es ist der Status der Sternenbühne. Ich hatte immer das Gefühl, dass dort die frischen, angesagten Acts spielen. Ist doch grossartig, wenn man sich dort einreihen darf.

«Alter, du bist einfach 30 Jahre zu spät zur Welt gekommen»: Crimer-Porträt von 2017. (Bild: Silvio Zeder)

«Alter, du bist einfach 30 Jahre zu spät zur Welt gekommen»: Crimer-Porträt von 2017. (Bild: Silvio Zeder)

Am Samstagabend spielen Depeche Mode auf der Hauptbühne, eine der stilbildenden Bands der 1980er. Wo werden Sie dann stehen?

Mittendrin. Letztes Mal habe ich sie im Hallenstadion gesehen. Ich hatte den schlechtesten Platz im Universum, irgendwo ganz hinten, eine Ecke mit null Stimmung. Jetzt will ich ins Getümmel.

Sie haben Jahrgang 1989, Depeche Mode war damals schon ein Massenphänomen.

Ja, ich hätte sie viel lieber früher live gesehen, als sie noch mit Drumcomputern auftraten. Heute sind sie eine normale Stadionband.

Ärgern Sie sich, dass Sie so spät geboren wurden?

Als ich letzthin im Studio einen neuen Song präsentierte, sagte einer: «Alter, du bist einfach 30 Jahre zu spät zur Welt gekommen, du wärst ein Star gewesen!»

Glauben Sie das auch?

Nein. Das ganze Glitterzeugs hätte mich vielleicht genervt. Gut möglich, dass ich gegen den Strom geschwommen und etwas komplett anderes gemacht hätte. Postpunk oder Grunge vielleicht.

Sicher? Wenn Ihre Musik ernst gemeint ist, müssen Sie ein grosser Eighties-Fan sein.

Das stimmt. Ich liebe die Klangästhetik der 1980er über alles, egal ob bei den Bands der Zeit wie die frühen Pet Shop Boys, Bronski Beat oder Rick Astley. Oder bei neueren Sachen wie Hurts. Diese Mischung aus Glitzer, Glamour und Melancholie ist einzigartig.

Sie treiben es auf die Spitze. Der Crimer-Sound ist die Barock-Variante des Achtziger-Pop.

Ich bin vielleicht ein barocker Typ. In den Achtzigern gab es immer die volle Ladung, lieber einen Synthesizer zu viel als zu wenig. Ich arbeite genauso. Hier noch ein Effekt, da noch eine Trompete. Heute ist alles sehr reduziert. Gesang und sonst fast nichts. Das ist nicht mein Stil.

Auf der Bühne pflegen Sie eine homoerotische Ästhetik, treten an der Pride auf, im Video zu «Brotherlove» sind Sie mit Drag Queen Milky Diamond als Paar zu sehen. Warum, wenn Sie gar nicht schwul sind?

Sicher nicht, weil es gerade trendy ist. Ich will keinesfalls, dass das als Marketingmasche gesehen wird. Mir gefällt eben diese Ästhetik. Ich kann doch auch als Hetero an der Pride auftreten, so what? Ich finde das völlig normal.

Das Schwulenmagazin «Display» hat Ihren Tanzstil als «irgendwo zwischen Spastik und Erotik» beschrieben, auf der Bühne wirken Sie gleichzeitig abwesend und exaltiert.

Ich bin sicher nicht der schlechteste ­Entertainer der Welt, aber vielleicht noch etwas zu introvertiert bei meinen Auftritten. Aber dieses Partygehabe liegt mir nicht. An eine Hecht-Show gehen Leute, die eine Anleitung wollen. Sie wollen jemanden auf der Bühne, der ­ihnen sagt: So, jetzt alle absitzen! Und jetzt alle klatschen! Das hasse ich.

Wovor haben Sie Angst?

Dass der Erfolg selbstverständlich wird. Dass ich in ein Loch fallen könnte, wenn er plötzlich weg ist.

Was möchten Sie noch erreichen?

Dass meine Eltern mal gemeinsam ein Konzert besuchen. Das wäre wirklich schön.

Preisgekrönter Newcomer

Seit einem Jahr zählt er zu den grössten Schweizer Pop-Hoffnungen: Crimer (alias Alexander Frei). Er gewann den Swiss ­Music Award als «Best Talent 2018», sein Video «Brotherlove» wurde von Migros Kulturprozent ausgezeichnet, sein Début­album «Leave Me Baby» erreichte
Platz 2 in der Schweizer Hitparade. Der 28-Jährige ist in Balgach aufgewachsen, heute lebt er in Zürich. Heute um 16.15 Uhr spielt er am Open Air St. Gallen. (ar)

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