«Ich bitte meine Kinder um Entschuldigung»: Rentner am St. Galler Kreisgericht zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er seine Ehefrau mit einem Schuhlöffel erschlug

Vor dem Kreisgericht St. Gallen wurde die Tötung einer Frau verhandelt. Ihr Mann hat die Tat im Affekt begangen: Die Frau hatte ihn zuvor immer wieder gedemütigt. Das Kreisgericht verhängte ausserdem einen siebenjährigen Landesverweis.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Die Gerichtsverhandlung findet im Kreisgericht St. Gallen statt. Aufgrund der Coronapandemie ist der Zugang für die Öffentlichkeit stark eingeschränkt.

Die Gerichtsverhandlung findet im Kreisgericht St. Gallen statt. Aufgrund der Coronapandemie ist der Zugang für die Öffentlichkeit stark eingeschränkt.

Bild: Ralph Ribi
  • Am Karfreitag 2019 hat ein in St. Gallen wohnhafter Mann seine Frau mit einem Schuhlöffel erschlagen. Die Tat geschah in der gemeinsamen Wohnung des Ehepaares. Sie waren seit 40 Jahren verheiratet und hatten fünf Kinder grossgezogen.
  • Der Mann rief nach der Tat selber die Polizei und liess er sich widerstandslos festnehmen.
  • Laut Anklageschrift hätten die andauernden Vorwürfe und Beschimpfungen seiner Frau ihm innerlich und von ihm nicht direkt wahrgenommen derart zugesetzt, dass in ihm die Provokationen an diesem Morgen eine unkontrollierte Reaktion auslösten.
  • Die Staatsanwaltschaft klagte den Mann wegen Totschlags an und beantragt dem Kreisgericht St. Gallen eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren und einen Landesverweis von zehn Jahren.
  • Das Gericht verurteilt den Rentner erstinstanzlich zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten. Und spricht einen Landesverweis von sieben Jahren aus.

Nach vorne über den Tisch gebeugt, mit verschränkten Armen, leicht in sich versunken, sitzt der Angeklagte im Gerichtssaal. «Mir tut es sehr leid, dass das passiert ist. Ich bitte meine Kinder und die Familie meiner verstorbenen Ehefrau um Entschuldigung», wird er vor der Urteilsverkündung sagen. Der grauhaarige Rentner, der mit Fussfesseln in den Saal geführt wurde, hat nie vorgehabt, seine Frau umzubringen, wie er sagt. Doch während eines Streits am Karfreitag des letzten Jahres, «da habe ich die Orientierung verloren.»

Unzählige Schläge mit einem metallenen Schuhlöffel

Am besagten Morgen frühstückte der Angeklagte in seinem Wohnzimmer. Danach wusch er das Geschirr im Lavabo und stellte es ins Regal zurück. Da intervenierte seine Ehefrau und beschimpfte ihn: Er sei ein schmutziger Mensch, hielt sie ihm gemäss Anklageschrift vor. Deshalb dürfe er das Geschirr nicht anfassen; sie stellte es zurück in den Waschtrog. Später nahm sie die schmutzige Wäsche ihres Mannes aus dem Wäschekorb, packte sie in einen separaten Plastiksack und warf ihm diesen vor die Füsse. Sie wolle nicht, dass seine schmutzigen Kleider mit ihren schmutzigen Kleidern im selben Korb lägen. Als der Angeklagte daraufhin ins Schlafzimmer ging, um das Bett zu machen, warf sie ihm den Sack abermals zu und begann, ihn aufs Übelste zu beschimpfen.

Da wurde der von seinen Kindern als gutmütig beschriebene Mann wütend. Gemäss Anklageschrift schlug er seine Frau ins Gesicht. Als sie zu Boden fiel, griff er zu einem gut 50 Zentimeter langen, metallenen Schuhlöffel, der neben der Wohnungstüre im Flur stand. Damit schlug er 20- bis 30-mal unkontrolliert und mit derartiger Wucht auf seine Gattin ein, dass er sich beim Halten der Tatwaffe selbst verletzte, und auch am Wohnzimmertisch, unter den sich die Frau zu retten versuchte, Spuren des Schuhlöffels zurückblieben. Vor Gericht sagt er:

«Ich kann mich nicht erinnern, wie das genau vor sich ging.»

Nach der Tat informierte der Anklagte umgehend die Polizei, wobei er sich in der Hast insgesamt neunmal verwählte. Die Frau überlebte die Schläge nicht. Sie verstarb an den Folgen der brutalen Tat.

Minutenlange Beschimpfungen

Staatsanwalt und Verteidiger sprechen von einer Familientragödie. Um diese Tat zu verstehen, reiche es nicht, auf die Ereignisse vom Karfreitag zu schauen. Vielmehr müsse man die Beziehung der beiden Ehegatten nachvollziehen. Die über Jahrzehnte harmonische Ehe habe den Aussagen des Angeklagten und der gemeinsamen Kinder zufolge seit gut zwei Jahren unter der psychischen Verfassung des Opfers gelitten. Die Mutter «sei eigentlich ein herzensguter Mensch gewesen, aber dann habe sie zu fantasieren begonnen», heisst es in der Anklageschrift. Scheinbar hat die Frau den Weggang der fünf Kinder aus dem Elternhaus nicht überwunden; als die Kinder ausgezogen waren, begann sie ihren Mann zu demütigen.

Sie warf ihm vor, Verhältnisse mit anderen Frauen zu haben, sagte, er sei dreckig, schwul, habe Krebs und Tuberkulose, sei Alkoholiker und besuche Nutten. Solche Schimpftiraden hätten oft 15 Minuten gedauert, führte die Staatsanwaltschaft mit Verweis auf Aussagen der Kinder aus. Der Angeklagte habe die verbalen Attacken über sich ergehen lassen, habe sie jeweils ignoriert oder das Haus verlassen. Die Kinder hatten den Eltern zu einer Eheberatung geraten. Auch wurde diskutiert, ob sich die Mutter in psychologische Behandlung begeben solle. Diese lehnte dies allerdings ab.

Im Affekt gehandelt

Dass die Tat im Affekt geschah, ist bei der Verhandlung am Kreisgericht unbestritten. Der Angeklagte sei von einer heftigen Gemütsbewegung gesteuert gewesen und habe den Konflikt, zu dem er nicht beigetragen habe, nicht antizipieren können, sind sich Verteidigung uns Staatsanwaltschaft einig. Bezüglich des Strafmasses gehen die Forderungen allerdings weit auseinander. Die Staatsanwaltschaft beantragt eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren sowie einen Landesverweis für zehn Jahre.

Die Verteidigung erachtet diese Forderungen als «in jeder Hinsicht völlig überhöht und unangemessen». Der psychische Terror, den der Angeklagte durch die Beschimpfungen seiner Frau durchgemacht habe, sei schwer vorstellbar. Ausserdem sei der Angeklagte von Anfang geständig und kooperativ gewesen. Die Verteidigung fordert eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren und beantragt, von einem Landesverweis sei abzusehen, da ein Härtefall vorliege. Der Angeklagte lebt seit 50 Jahren in der Schweiz. In seinem Heimatland, dem heutigen Kosovo, habe er kaum soziales Umfeld. Alle fünf Kinder des Angeklagten leben in der Schweiz.

Das Gericht verurteilt den Rentner erstinstanzlich zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten. Und spricht einen Landesverweis von sieben Jahren aus. Die Tat sei sehr brutal gewesen und in ihrer Heftigkeit nicht nachzuvollziehen, so die Begründung für das eher hohe Strafmass. Strafmildernd hätten sich Geständnis und Reue des Täters ausgewirkt. Einen Härtefall sieht das Gericht nicht gegeben, da der Mann abgesehen von seinen Kindern kaum Kontakte in der Schweiz habe. Ausserdem habe er selber geplant, irgendwann in die Heimat zurückzukehren. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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