Interview

«Ich empfehle klare, handyfreie Zeiten»: Notfallpsychiater Gregor Berger über die viele Zeit vor dem Bildschirm und das Familienleben in der Corona-Krise

Die Zahl der Notfälle in der Kinder- und Jugendpsychiatrie steigt. Notfallpsychiater Gregor Berger spricht im Interview über die Rolle von Grossfamilien, über Handys am Mittagstisch und die Corona-Krise als Chance für Familien.

Katharina Brenner
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«Ich vergleiche mich mit dem Feuerwehrmann der Seele», sagt Gregor Berger.

«Ich vergleiche mich mit dem Feuerwehrmann der Seele», sagt Gregor Berger.

Bild: Goran Basic (Zürich, 13. März 2020)

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kanton St.Gallen ist am Anschlag. Die Zahl der Patientinnen und Patienten ist seit dem Jahr 2008 um mehr als die Hälfte gestiegen, die Zahl der Notfälle hat sich vervielfacht. Deshalb möchte der Kanton eine kinder- und jugendpsychiatrische Notfallequipe aufbauen. Gregor Berger begrüsst das. Er leitet einen solchen Notfalldienst in Zürich.

Sie sehen täglich Kinder mit akuten Problemen. Sind Sie ein Pessimist?

Gregor Berger: Nein, gar nicht. Ich habe vier Kinder und bin im Sportverein, da sehe ich viele gesunde Kinder, die dem Druck der Gesellschaft standhalten. In den Notfall kommen diejenigen, die das nicht schaffen.

Die Zahl der Notfälle hat sich sowohl in Zürich als auch in St.Gallen innert weniger Jahre verdreifacht. Wie erklären Sie sich das?

Vieles kommt zusammen, doch der Druck auf die Jugend hat zugenommen. Zudem sind heute häufig beide Eltern arbeitstätig und die Grossfamilie existiert kaum mehr wie noch vor 50 Jahren.

Aber war die Grossfamilie vor 50 Jahren ein Ort, an dem Kinder über Probleme sprechen konnten?

Es geht um Präsenz. Diese ist für eine gesunde Entwicklung entscheidend. Heute ist die elektronische Nanny daheim, bis die Eltern kommen.

Eine St.Galler SVP-Politikerin hat die steigenden Fallzahlen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit der Betreuung in Kindertagesstätten in Verbindung gebracht. Was sagen Sie dazu?

Wenn wir allgemein diskutieren, vereinfachen wir unglaublich. Wir haben Kinder, bei denen wir glücklich sind, dass sie in der Kinderkrippe sind, weil sie dort acht Stunden Struktur haben. Aber es ist toll, wenn man eine Familie hat, die sich so organisiert, dass der Vater oder die Mutter, die Grossmutter oder die Nachbarin einen Mittagstisch macht. Doch heute reicht es in den allerwenigsten Fällen aus, wenn ein Elternteil arbeitet.

Arbeitet Ihre Frau?

Nein. Nach dem zweiten Kind hat sie aufgehört. Ich bin in einer Position, in der ich das gerade noch stemmen kann.

Sind Struktur und Zeit in der Familie das Wichtigste für ein Kind?

Bild: Goran Basic

Struktur und Beziehungen. Wenn für das Kind nicht vorhersehbar ist, was morgen passiert, ist eine gesunde psychische Entwicklung sehr schwierig. Auch ein Wechsel in Erziehungsstilen ist schlecht: Wenn man drei Wochen rigide ist, es dann nicht mehr aushält und sagt: Mach was du willst! Für Kinder müssen Eltern berechenbar sein.

Ein Kind kann also problemlos jeden Tag fremdbetreut werden, solange es Mutter, Vater oder beide regelmässig sieht?

Es braucht eine Bezugsperson, die verlässlich ist. Dann kann man ganz viel machen, wenn das Kind normal ist. Wenn das Kind besondere Bedürfnisse hat, reicht das in der Regel nicht. Weniger Präsenz in den Familien ist aber nur ein Problem.

Was sind die anderen?

Die Drogen haben sich verändert. In den 70er-Jahren lag der THC-Gehalt von Cannabis bei drei Prozent. Letztes Jahr lag er zwischen 16 und 21 Prozent, beim Haschisch noch höher. Zu uns kommen Jugendliche, deren Wahrnehmung noch Wochen nach dem Erstkonsum verändert ist. Ich glaube nicht, dass man mit Prohibition irgendetwas erreicht, aber das Bewusstsein für den Jugendschutz ist mir wichtig.

Welche Rolle spielt der Medienkonsum?

Eine sehr grosse, aber wir verstehen noch nicht, was die langfristigen Folgen sein werden. Früher hat sich Mobbing auf sechs bis acht Stunden Schulalltag beschränkt. Heute ist es 24 Stunden lang und die ganze digitale Community macht mit. Jugendliche schlafen heute durchschnittlich eineinhalb bis zwei Stunden weniger pro Nacht, weil sie bis spät vor dem Bildschirm sitzen. Wir wissen noch nicht, was das für die Hirnentwicklung bedeutet.

Was vermuten Sie?

Es gibt Hinweise, dass der Schlafentzug mit einem höheren Risiko für Depressionen, Suchtentwicklung und Suizidalität verbunden ist. Die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, geht verloren, weil wir ständig am Multitasken sind.

Was raten Sie Eltern?

Präsent sein. Im Gespräch bleiben. Klare Regeln setzen. Es gibt kein Betty-Bossi-Rezept. Wenn Kinder mehr als drei Stunden am Tag am Handy verbringen, führt dies häufig zu einer Reihe von sozialen Problemen. Das ist meine Erfahrung. Viele der Jugendlichen, die zu uns kommen, haben sechs Stunden oder mehr Bildschirmzeit pro Tag respektive Nacht. Bei Oberstufenschülern empfehle ich klare, handyfreie Zeiten. Im Primarschulalter sollte das Kind kein eigenes Handy haben.

Ihre älteren Kinder sind 13 und 15. Welchen Regeln gelten für sie?

Ich setze mich einmal in der Woche mit ihnen hin und schaue, wie oft sie am Handy sind und was sie machen. Man muss sich überwinden, in die digitale Privatsphäre des Kindes einzudringen. Am Essenstisch gibt es bei uns keine Handys und nach dem Mittagessen eine halbe Stunde digitalfreie Zeit. Beim Älteren ist das Handy von 22 bis 6 Uhr, bei der 13-Jährigen von 21 bis 6 Uhr nicht im Zimmer. Das empfehle ich allen. Ich will die Digitalisierung aber nicht verteufeln. In der Corona-Krise können wir den Schulunterricht digital durchführen.

Im Umgang mit dem Virus wirken viele Jugendliche ziemlich sorglos. Fehlt es ihnen an Solidarität?

Ich kenne viele Jugendliche, die die Corona-Pandemie sehr ernst nehmen, ernster als manche Senioren. Ein Teil des von uns Erwachsenen erlebten mangelnden Verantwortungsbewusstseins der Jugend ist wahrscheinlich auf die Hirnentwicklung zurückzuführen. Im Jugendalter entwickelt sich das Frontalhirn. Diese Hirnregion ist wichtig für die Fähigkeit, Einsicht zu entwickeln und eigene Entscheidungen zu treffen. Diese Bereiche sind sozusagen noch im Bau. Da verwundert es nicht, dass es Phasen gibt, in denen wir unsere «Pubertiere» nicht mehr verstehen.

Ab wann müssen sich Eltern Sorgen machen und was ist einfach pubertäres Verhalten?

Diese Frage stellen Eltern oft. Die Antwort ist nicht einfach, aber grundsätzlich ist es so: Sobald das Kind in seiner normalen Entwicklung länger als ein oder zwei Wochen beeinträchtigt ist, sollte man Hilfe holen.

Was heisst beeinträchtigt?

Bild: Goran Basic

Wenn das Kind nicht mehr zur Schule geht. Oder nur noch im Zimmer ist und überdauernd aggressiv reagiert und es keine Phase der Entspannung gibt. Dann sollten sich Jugendliche oder Eltern an uns wenden. Wenn ein Risiko besteht, dass das Kind Schaden nehmen könnte, sollten sich Eltern an uns wenden. Es wäre wichtig, dass es einen solchen Notfalldienst auch in der Ostschweiz gibt.

Der Kanton St.Gallen möchte eine Notfallequipe aufbauen. Welche Ratschläge können Sie mitgeben?

Der Vorteil in Zürich ist, dass vieles durch den privaten Sektor abgefedert wird. In St.Gallen gibt es viel weniger niedergelassene Psychotherapeuten. Die öffentliche Hand muss mehr leisten. Denn die St.Galler haben nicht weniger Probleme. Und die Weitläufigkeit des Kantons ist eine Herausforderung.

Inwiefern?

Die Weitläufigkeit macht dezentrale und aufsuchende Angebote notwendig. Denn Familien sind häufig nicht in der Lage, weit zu reisen. Zudem ist es wichtig, Behörden und Schulen in den Aufbau der Notfallequipe einzubeziehen.

Mit welchen Nöten kommen Jugendliche zu Ihnen?

Die häufigste ist Suizidalität. Ich vergleiche mich mit dem Feuerwehrmann der Seele, der zuerst mal das Feuer löscht. Nach dem Brand machen wir eine Risikoabschätzung: Kann das Kind weiterhin so leben oder braucht es sofortige Massnahmen?

Beobachten Sie, dass ein bestimmtes Milieu in den Notfall kommt?

Wir haben alle Schichten. Vom Kind des IV-Bezügers bis zu dem des Professors.

Haben wir als Gesellschaft einen gesunden Umgang mit psychischen Krankheiten?

Es wird besser. Es ist wie mit dem Krebs vor 100 Jahren. Er galt als Strafe Gottes. Heute kann man viele Krebsarten heilen, wenn sie rechtzeitig entdeckt werden. Die Früherkennung ist in der Psychiatrie genau so wichtig. 80 Prozent der psychischen Störungen beginnen vor dem 25. Lebensjahr, aber die wenigsten werden schon in der Jugend behandelt. Wenn jemand drei Jahre psychisch krank ist, ist eine Therapie viel schwieriger.

Die Schulen sind vorerst geschlossen, viele arbeiten jetzt von zu Hause aus. Was raten Sie Eltern für die kommenden Wochen?

Ich empfehle, diese Zeit zu einer gemeinsamen Herausforderung für die ganze Familie zu erklären. Wir haben am Wochenende eine Familienkonferenz gemacht und mit den Kindern Regeln aufgestellt, die am Kühlschrank hängen. Solche Zeiten lösen besonders bei Kindern Ängste aus. Gehen Sie auf diese ein und bewältigen Sie diese gemeinsam! Sehen Sie diese Krise auch als Chance für die Familie!

Vierfacher Vater und Ruderer

Gregor Berger, Jahrgang 1966, leitet seit 2014 das Krisen-, Abklärungs-, Notfall- und Triagezentrum an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Auf das Medizinstudium in Basel folgten Stationen in Bern, Melbourne und Winterthur. Berger lebt mit seiner Frau und den vier Kindern im Kanton St.Gallen. Er ist passionierter Ruderer. Ein Sport wie das Leben, so Berger: «Manchmal läuft es besser, manchmal gibt es Stürme, manchmal Erfolge. Es braucht viel Übung und Durchhaltevermögen.»

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