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«Ich dachte, ich sterbe»

Die Schweizerische Flüchtlingshilfe sucht das beste Integrationsteam der Schweiz. Als Dream-Team bewerben sich auch die Pastoralassistentin Barbara Feichtinger aus St. Gallen und die Migrantin Samira Rahim aus Niederuzwil.
Maria Kobler-Wyer
Sie sind schon heute ein Dream-Team: Samira Rahim aus Niederuzwil (links) und Barbara Feichtinger aus St.Gallen. (Bild: Urs Jaudas)

Sie sind schon heute ein Dream-Team: Samira Rahim aus Niederuzwil (links) und Barbara Feichtinger aus St.Gallen. (Bild: Urs Jaudas)

«Warum hast du meine Barbies zu Hause gelassen?», fragte die sechsjährige Mizgeen ihre Mutter Samira Rahim auf der Flucht aus dem Irak. Es ist Winter 2008, Samira Rahim und ihr Ehemann Hakeem Sayaband sitzen zusammen mit ihren kleinen Kindern Mateen, Mizgeen und Aso sowie mit fünf anderen Personen auf einem kleinen Fischerboot und treiben nach dem Start im türkischen Izmir auf dem Mittelmeer. Nach viereinhalb Stunden treffen sie auf einen Berg, der wie eine Wand aus dem Meer ragt. Das Boot kippt fast, als einer der Flüchtlinge versucht, das Boot um den Berg herum zu steuern. Auf der anderen Seite hat es grosse, spitze Steine. Der Mann lässt das Boot auflaufen. Die Flüchtlinge springen auf die unbewohnte Insel Glaros. Nur Samira Rahim sitzt mit Mizgeen und Aso noch im Boot. Sie schreit. «Ich dachte, ich sterbe», sagt sie. Die anderen halten die Seile, dann springt auch sie. Das Boot kentert. Sie ruft verzweifelt nach ihren Kindern, doch die sind bereits in Sicherheit. Alle sind klatschnass, es ist kalt, niemand hat Decken. Die Männer suchen Holz. Hakeem Sayaband findet Kleider, die wohl noch von anderen Flüchtlingen stammen.

Von Patmos nach Kreuzlingen

Samira Rahim mit ihren Kindern und weitern Flüchtlingen auf der Insel Glaros. (Bild: zVg)

Samira Rahim mit ihren Kindern und weitern Flüchtlingen auf der Insel Glaros. (Bild: zVg)

Die Flüchtlinge auf der Insel Glaros, von dort aus sieht man auf die Insel Agathonisi mit der Fischfabrik. (Bild: zVg)

Die Flüchtlinge auf der Insel Glaros, von dort aus sieht man auf die Insel Agathonisi mit der Fischfabrik. (Bild: zVg)

Nach 24 Stunden fährt die Polizei mit einem Fischerboot zur Insel. «Die Polizisten haben uns beschimpft und beleidigt», sagt Samira Rahim. «Und sie sagten uns, dass sie nur wegen der Kinder gekommen seien.» Drei Tage verbringen die Flüchtlinge in einer Scheune auf der Insel Agathonisi. Dann erhalten sie von der Polizei eine Karte und reisen mit einem Schiff zur griechischen Insel Patmos. Dort werden die Flüchtlinge gleich ins Gefängnis gebracht, wo sie zwei Tage lang bleiben müssen. «Wir hatten nur Wasser», sagt Rahim. Ein Schlepper stellt der Familie falsche Pässe aus. Familie Sayaband fliegt nach Wien und fährt von dort mit dem Zug nach St. Margrethen.

Im Gefängnis auf Patmos bekamen die Flüchtlinge nur Wasser. (Bild: zVg)

Im Gefängnis auf Patmos bekamen die Flüchtlinge nur Wasser. (Bild: zVg)

An Weihnachten 2008 registrieren sich die Flüchtlinge bei der Empfangsstelle in Kreuzlingen. «Dort habe ich mich erstmals wieder in Sicherheit gefühlt», sagt die 41-Jährige. Samira Rahim arbeitete im Irak als Untersuchungsrichterin, ihr Ehemann Hakeem war Journalist. Sie setzten sich für die Menschenrechte ein und gegen Gewalt an Frauen. Bevor die Familie flüchtete, war Hakeem drei Monate in Einzelhaft. Damals war die Kurdin mit ihrem dritten Kind schwanger. Haus und Auto haben sie verkauft und Geld geliehen, um die Flucht zu finanzieren. Insgesamt bezahlten sie 35 000 US-Dollar. Nur einen Fotoapparat und ein Handy hat die Familie mitgenommen.

Im Asylzentrum kennengelernt

Zwei Wochen nach ihrer Ankunft in Kreuzlingen kommt die Familie Sayaband ins Asylzentrum Thurhof. Hier lernt sie Pastoralassistentin Barbara Feichtinger kennen, die mit einer Gruppe Jugendlicher aus Niederuzwil im Rahmen der Firmvorbereitung einen Besuch im Thurhof abstattet. Die kleine Mizgeen, die mit einem offenen Rücken geboren wurde, übersetzt, als Vater Hakeem mit Feichtinger spricht – sie hat in den vier Monaten im Thurhof bereits Deutsch gelernt. «Im Asylzentrum sind vor allem junge Männer», sagt Feichtinger. «Deshalb ist mir Familie Rahim aufgefallen.» Barbara Feichtinger stammt aus Deutschland und lebt seit acht Jahren in der Schweiz. «Ich fühlte mich zu Hause nie heimisch», sagt sie. «Vielleicht, weil mein Vater ein Migrant war.» Er wurde nach dem Krieg 1946 aus Ungarn vertrieben. Mit ihrer Mutter hatte sich die 46-Jährige bereits in Deutschland um Asylsuchende gekümmert. «Ich sehe die Menschen mit ihrer Geschichte, sehe ihr Potenzial», sagt sie.

Die alleinerziehende Mutter einer 13jährigen Tochter hat sich und Samira Rahim beim Wettbewerb «Dream-Team gesucht» (siehe Kasten)

angemeldet, weil sie die Idee super findet. «Wir wollen den Menschen die Hemmungen nehmen, auf Flüchtlinge zuzugehen.» Die beiden Frauen sind gute Freundinnen, die immer füreinander da sind. «Samira ist eine besondere Frau. Uns verbindet viel», sagt Barbara Feichtinger. Sie setzt sich immer wieder für die Familie ein, etwa als im alten Haus in Niederuzwil, in dem die Sayabands noch wohnen, die Decke bröckelte. Oder damit im Haus ein Treppenlift und eine Rampe eingebaut wurde für Tochter Mizgeen, die im Rollstuhl sitzt. Demnächst kann die Familie in eine rollstuhlgängige Wohnung einziehen. Barbara Feichtinger übernahm auch die Kosten, damit der jüngste Sohn der Rahims, Aso, die Spielgruppe besuchen durfte.

«Mit Hilfe ist es einfacher»

«Barbara motiviert mich, sie zeigt mir viele Sachen und hat meine Familie bei der Integration begleitet», sagt Samira Rahim. Sie selber kochte für den ganzen Helfertrupp, als Barbara Feichtinger 2008 innerhalb Niederuzwil zügelte. Acht Personen waren bei ihr zum Mittagessen, das sie auf kurdische Art am Boden sitzend eingenommen haben. Hakeem Sayaband half beim Zügeln. Barbara Feichtinger durfte bei den Sayabands auch Freunde unterbringen, die zur Erstkommunion ihrer Tochter kamen. «Ich kann mich immer auf Barbara verlassen», sagt Samira Rahim. Sie hat Deutschkurse besucht und so schnell wie möglich Arbeit gesucht. Heute arbeitet sie als Dolmetscherin. «Es ist leichter sich zu integrieren, wenn man Hilfe hat.»


Einheimische und Flüchtlinge in einem Team

Die Schweizerische Flüchtlingshilfe, das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge und das Bundesamt für Migration haben erstmals einen Wettbewerb organisiert. Sie suchen das beste Integrationsteam – Einheimische und Flüchtlinge, die bei der Arbeit oder in der Freizeit gemeinsam etwas unternehmen. Die besten drei Teams, bestehend aus mindestens zwei Personen, erhalten einen Preis. Der Wettbewerb läuft bis am 14. August. Informationen unter www.dream-teams.ch. (maw)

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