Interview

«Ich bin keine Vorzeigegrüne» – Rahel Würmli will für die Grünen in die St.Galler Regierung

Die ehemalige Stadträtin von Rapperswil-Jona kandidiert für die St.Galler Regierung. Im Interview spricht die 51-Jährige über Hockey, über CO2 und darüber, warum sie sich nicht als Feministin bezeichnen würde.

Katharina Brenner und Marcel Elsener
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«Das politische Kribbeln hat mich wieder gepackt», sagt Rahel Würmli.

«Das politische Kribbeln hat mich wieder gepackt», sagt Rahel Würmli.

Hanspeter Schiess

Ausserhalb von Rapperswil-Jona kennt man Sie kaum. Wer sind Sie?

Rahel Würmli: Ich bin eine ehemalige Stadträtin aus Rapperswil-Jona. Ich arbeite als Leiterin der Fachstelle Alter und Gesundheit in Wetzikon. Und möchte jetzt Regierungsrätin werden.

Und privat?

In meiner Freizeit bin ich gern draussen in den Bergen. Am liebsten mit dem Bike und dem kleinen Rucksäckli mehrere Tage von Ort zu Ort. Ich klopfe gern mal einen Jass. Dafür treffe ich mich regelmässig mit drei Cousinen. Eine eigene Familie habe ich nicht, aber ich bin ein Familienmensch.

Eine bodenständige Grüne also.

Und dann wird sie noch bodenständiger: Sie geht auch gerne an Hockeymatches. Natürlich von den SCRJ Lakers.  

Was reizt Sie am Regierungsamt?

Ich bin ein politischer Mensch. Das politische Kribbeln hat mich wieder gepackt. Die zwölf Jahre im Stadtrat zeigten mir, dass ein Exekutivamt etwas vom Schönsten ist, das es gibt. Ich möchte mitgestalten, mich für die Gesellschaft engagieren. In der Regierung könnte ich den Kanton St.Gallen grüner machen, damit er nicht nur im Wappen grün ist.

Hockeyfan mit Grossfamilie

Allein auf Seite der Mutter aus bäuerlichen Verhältnissen hat Rahel Würmli 85 Cousinen und Cousins. Sie wuchs als Jüngste von fünf Kindern in Jona auf, wo ihre Eltern eine Drogerie betrieben. Die Natur- und Umweltfachfrau kehrte nach Aufenthalten in Zürich und Luzern nach Jona zurück. In ihre Amtszeit als Stadträtin von 2005 bis 2016 fiel die Fusion mit Rapperswil. Seit 2017 leitet sie die Fachstelle Alter und Gesundheit in Wetzikon; nebenbei erwirbt sie ein Certificate of Advanced Studies in Gerontologie. Die 51-Jährige ist SCRJ-Lakers-Fan und Bikerin. Bei den jüngsten Nationalratswahlen errang sie auf der grünen Liste den vierten Platz. (kbr/mel)

Was sind Ihre konkreten Ziele?

Es ist mir ganz wichtig, dass der Klimaschutz wirklich umgesetzt wird. Der Klimafonds zum Beispiel, der im Kantonsrat abgelehnt wurde, den wollen die Grünen zusammen mit der SP wieder aufnehmen. Und wir müssen die CO2-Neutralität anpacken. Ich möchte den Klimaschutzgedanken in die alltägliche Politik einbringen. Wir sollten uns nicht nur fragen, was es in Franken kostet, sondern auch, was es in CO2 kostet. Die Umwelt ist genauso unser Kapital.

Was würden Sie sofort einführen, wenn Sie könnten?

Auf kantonaler Ebene kann man keine Flugabgabe einführen, aber es muss in diese Richtung gehen. Es braucht mehr Fördergelder für alternative Energieformen im Bereich Wohnen und Mobilität.

Was würden Sie sofort verbieten?

Neue Ölheizungen.

FDP-Kandidat Beat Tinner sagt, den Grünen stehe kein Sitz in der Regierung zu. Was entgegnen Sie?

Der Wählerauftrag am 20. Oktober war klar. Eine Verdoppelung auf zehn Prozent für die Grünen. Es ist an der Zeit, dass die Grünen einen Sitz bekommen in der Regierung. Und dass wir als Partei Verantwortung übernehmen.  

Sind die Anliegen der Grünen mit der SP nicht bereits gut vertreten?

SP und Grüne stehen sich bei der Smartvote-Auswertung tatsächlich auf den Füssen. Die Grünen sind in ökologischen Themen aber sattelfester, so wie es die SP bei sozialen Themen ist.

Was ist nicht grün an Ihnen?

Wahrscheinlich, dass ich sehr gern an Hockeymatches gehe. Das ist eine CO2-intensive Sportart. Ich bin keine Vorzeigegrüne, aber Grün ist für mich eine Lebenshaltung. Ich habe ein GA, fahre viel Velo, wohne allein in einer eher kleinen Dreizimmerwohnung. Alles im grünen Bereich, aber ohne letzte Konsequenz. Ich besitze zwar selber kein Auto, fahre aber ab und zu, mit Mobility. Ich esse manchmal Bio-Fleisch. Und ich fahre Ski, das ist sicher nicht das Ökologischste. Privat geflogen bin ich letztmals vor fast sieben Jahren.

Als Regierungsrätin dürften Sie wohl mal Helikopter fliegen.

(Lacht.) Sie meinen den Truppenbesuch, den ein grüner Kollege im Kantonsrat kritisiert hat? Da hätte ich mich bestimmt geweigert mitzufliegen.

Sie gingen früh zu den Grünen. Was war Ihre politische Initialzündung?

Ich war in der Sekundarschule, als unser Lehrer das Waldsterben thematisierte. Das hat mich sicher politisiert. Zudem bin ich ohne Auto aufgewachsen. Nicht, weil wir kein Auto wollten, sondern weil wir keines brauchten und es uns zeitweise auch nicht hätten leisten können.

Arbeiterfamilie?

Gewerblerfamilie. Meine Eltern führten eine Drogerie. Als ich 15 oder 16 war, kaufte sich meine Mutter ein Auto. Ich sagte, da sitze ich nicht hinein. Es ergibt keinen Sinn, ein Auto zu kaufen, wenn alle vom Waldsterben reden. Die Pubertät hilft einem auch, solche Sachen durchzuziehen.

Gab es neben dem Waldsterben weitere politische Zündstoffe?

Tschernobyl und Schweizerhalle.

Waren Sie damals an Demos?

Nein. Ich bin weniger ein Demotyp.

Was haben Sie in Ihrer Zeit als Stadträtin bewegt?

Ich war Teil des Stadtrats, als die Fusion von Rapperswil und Jona durchgezogen wurde. Es war grossartig, das erleben und mitgestalten zu dürfen. Ich war im Teilprojekt Alter und Gesundheit, das die Stiftung Rajovita gründete. Diese Vereinigung von ambulanten und stationären Einrichtungen mit Beratungsstelle hatte Pioniercharakter.

Politik ist nicht nur erfreulich. Ihre grössten Niederlagen im Stadtrat?

Dass die Fachstelle Alter im ersten Anlauf nicht klappte. Und dass die Behördenreform den nebenamtlichen Stadträten die Ressorts entzog, das war mit ein Grund, nach zwölf Jahren aufzuhören. Ein Frust war auch der Entscheid des neuen Stadtrats, das Road Pricing auf dem Seedamm nicht auszuprobieren. Wir hatten dem Departement von Doris Leuthard damals eine positive Botschaft für dieses Pilotprojekt geschickt.

Angriffig wirken Sie nie.

So bin ich halt. Niederlagen muss man akzeptieren: Es ist, wie es ist.  

Was hat Sie in der Kantonspolitik zuletzt geärgert?

Das war kein Regierungs- oder Kantonsratsentscheid, sondern ein Entscheid der Stimmbürgerschaft: das Burkaverbot! Es widerspricht der Glaubensfreiheit und ist im Vollzug kaum umzusetzen. Nicht verärgert, aber beschäftigt hat mich in jüngster Zeit natürlich die Spitalpolitik.

Was ist Ihre Haltung zu den Schliessungsplänen?

Wir haben sicher zu viele Spitalbetten. Mit der Tatsache, dass stationäre Eingriffe vermehrt ambulant durchgeführt werden, werden Betten überflüssig. Auf jeden Fall ist es wichtig, dass wir hochstehende ambulante Einrichtungen für diese Eingriffe haben inklusive Notfallversorgung.

Sie weichen aus. Soll man Spitäler schliessen, und welche?

Diese Frage kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten. Aber wir werden Spitäler schliessen müssen.

Unabhängig von den Spitälern: Wo würden Sie sparen?

Strassenausgaben muss man heute doppelt und dreifach überdenken. Ist das, was wir heute planen, in 20 Jahren noch das Richtige für unsere Mobilität?

Kommt das Linthgebiet auf Kantonsebene zu kurz?

Im Kanton St.Gallen fühlt sich jede Region ausserhalb der Kantonshauptstadt als Randregion. Zürich ist uns schon näher, aber wir gehören zu St.Gallen und sind gefordert, unseren Beitrag für den Kanton zu leisten. Nicht nur, indem wir genug Steuergelder generieren, sondern auch indem wir uns zum Kanton zugehörig fühlen.

Wann waren Sie letztmals an einem Anlass in St. Gallen?

Erst am Sonntag besuchte ich Peter Roths Weihnachtsoratorium, angeregt durch einen Klangwelt-Kurs, den ich bei ihm gemacht hatte. Am Frauenstreik nahm ich in St.Gallen teil, nicht in Zürich. Und ich habe in den vergangenen Jahren jeweils die Festspiele besucht.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Ein Buch mit Adventsgeschichten.

Welche politischen Persönlichkeiten haben Sie geprägt?

Als lokaler Politiker hat mich der frühere Rapperswiler Stadtpräsident Walter Domeisen sehr beeindruckt. In der nationalen Politik ist es Regula Rytz: Mit ihrer Gradlinigkeit, wie sie hinsteht und politisiert, ohne den Gegner unter der Gürtellinie anzugreifen.  

Sind Sie Feministin?

Wahrscheinlich hätte ich mich mit 20 oder 30 als Feministin bezeichnet. Aber heute nicht mehr, weil ich finde, gewisse Sachen sind einfach normal. Darüber will ich gar nicht mehr diskutieren, über eine Frauenvertretung oder Frauenquote und ob Mütter arbeiten sollen oder nicht. Das sollte heute selbstverständlich sein.

Wie viele Frauen braucht es in der St.Galler Regierung?

Mindestens drei. Bei sieben kann es nicht ausgeglichen sein, aber eine gewisse Ausgeglichenheit der Geschlechter sollte vorhanden sein.

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