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«Ich bin keine Trauma-Expertin»

«Wie haben Sie es geschafft, Ihren Schicksalsschlag zu verarbeiten?» Die Frage ist Janine Spirig nach dem Mord an ihrem Mann oft gestellt worden. Nun legt sie ein Buch zum Thema Trauma vor. Ein Erfahrungsbericht, kein Ratgeber.
Regula Weik
«Mein Buch ist kein Ratgeber. Es ist schlicht ein Erfahrungsbericht», sagt Janine Spirig. (Bild: Coralie Wenger)

«Mein Buch ist kein Ratgeber. Es ist schlicht ein Erfahrungsbericht», sagt Janine Spirig. (Bild: Coralie Wenger)

Ein schlimmer Schicksalsschlag. Ein schweres Leid. Ein traumatisierendes Ereignis. Ratschläge, Therapien und Bücher über den Umgang damit gibt es zuhauf. Nun liegt ein neues Buch vor. Geschrieben hat es Janine Spirig. Betroffene, Körper- und Logotherapeutin. Sie sei keine Trauma-Expertin, sagt sie gleich zu Beginn des Gesprächs. Und ihr Buch kein Ratgeber. Sie lacht. Es sei kein Rezept, wie sich traumatisierte Menschen in bestimmten Situationen «richtig» zu verhalten hätten, damit es ihnen danach besser gehe oder sie nicht wiederholt in die Tiefe gezogen würden. Das Buch sei schlicht ein Erfahrungsbericht. Ihr ganz persönlicher.

Erfahrung mit dem Thema hat Janine Spirig. Sie ist Mutter von drei Kindern und seit 1999 verwitwet. Ihr Mann ist erschossen worden. Der Lehrermord erschütterte St. Gallen. «Wie sehr, habe ich erst viel später realisiert», sagt sie.

Janine Spirig hat viele Jahre die Öffentlichkeit gemieden. Dann veröffentlichte sie ihr erstes Buch «Asche und Blüten». Es sollte helfen, «das Dahinter zu verstehen» – die Familie. Es sei über ihre Situation und ihre Gedanken gerätselt, gesprochen, geschrieben, interpretiert und analysiert worden – «das waren nicht wir». Nun, zwei Jahre später, liegt ihr zweites Buch «Trauma – und ein neuer Atem» auf dem Tisch. «Eine lebensnahe Schilderung», sagt sie. Aus dem Blickwinkel der Therapeutin, mit der Erfahrung der Betroffenen.

Ein heller Ort

Janine Spirig ist überzeugt: Es gibt nicht den Weg, nicht die Therapie. Es gibt kein richtiges und kein falsches Verhalten. Es werde einem von aussen – nicht bösartig – sehr rasch etwas «übergestülpt»: was einem nach einem Schicksalsschlag guttue und was den «Heilungsprozess» erschwere. Eben: von aussen betrachtet. «Für die Betroffenen ist das beengend.»

Theorien, Methoden und Konzepte könnten anregen und etwas Neues aufzeigen. Doch sie hätten ihre Grenzen – «und wegtherapieren lässt sich nichts; es muss jeder selber in sich erfühlen, was ihn trägt, und sich davon führen lassen». Ein philosophischer, religiöser, spiritueller Ansatz? Sie zuckt die Schultern. Sie glaube ganz einfach, «ein Ort in einem drinnen, wo es einem wohl ist». Wo bei aller Schwere und Dunkelheit etwas Helles und Leichtes erlebbar sei. Manchmal sei dieser Ort auch vor lauter Leid zugeschüttet – «aber es gibt ihn», sagt Janine Spirig, «und von dort führt ein Weg aus dem Leiden heraus». Kein ebener Weg mit rotem Teppich. Ein Weg, der einen stolpern lässt und immer wieder neu gesucht und entdeckt werden muss. Dabei erlebt sie: «Die Selbstheilungskräfte des Körpers und der Seele sind immens.»

Das Perfekte im Unperfekten

«Wir haben hohe Erwartungen an das Leben, dass es stets rundläuft und ohne Leid. Wir lernen in unserer Gesellschaft nicht, mit Leid umzugehen», sagt Janine Spirig. «Wir verdrängen es. Es ist unangenehm.» Ein Trauma zwinge einen umzudenken, sich mit den eigenen Abgründen auseinanderzusetzen – und dabei das Tragende im Untragbaren, das Verbindende im Trennenden zu finden. Sie habe gelernt, das Leid – neben der Freude – «leben zu lassen» und zu akzeptieren, dass «das unperfekte Leben das perfekte sein kann; das gibt eine neue Leichtigkeit».

«Unverdaubare Ereignisse»

Ist ein Trauma nie vollständig therapierbar? Sie muss nicht lange überlegen, schüttelt den Kopf. «Es gibt unverdaubare Ereignisse.» Nach einer Pause: «Das Trauma hat etwas Zerstörerisches. Wenn es gelingt, mit dem Erlebten im Alltag umzugehen, verliert es mit der Zeit seine zerstörerische Macht.»

Weg sei es auch dann nie. «Es ist im Körper gespeichert.» Und es werde immer mal wieder «wachgerüttelt». Durch eine Begegnung, ein Wort, eine Erinnerung. Planlos, unberechenbar. Für einen selber wie für die Umgebung.

Mitgefühl, nicht Mitleid

Janine Spirig wünscht traumatisierten Menschen – «nicht jeder Schicksalsschlag führt zu einem Trauma» – vor allem eines: Mitgefühl. Nicht Mitleid. Behutsamkeit und Respekt. «Verletzte Menschen berührt es am meisten, wenn sie als ganz normale Menschen wahrgenommen werden.» Es sei «eine echte Hilfe», Menschen an der Seite zu haben, die begleiten, die Raum lassen, den eigenen Weg zu entdecken, eigene Antworten und Lösungen zu finden. «Menschen, die einen Dialog auf Augenhöhe anbieten und die gemeinsam aushalten.»

«Wie haben Sie es geschafft, Ihren Schicksalsschlag zu verarbeiten?» Janine Spirig wird diese Frage immer wieder gestellt. Ihre Antwort ist bis heute dieselbe: «Ich weiss es nicht.» In sich hineinhören und spüren, was trägt. Immer wieder neu. Sich und anderen gegenüber achtsam sein – «ein Modewort, ich weiss».

Sujet für Buchumschlag

Das Cover ihres neuen Buches zieren Kornblumen. Eines Morgens sei sie aufgewacht und habe das Sujet für den Buchumschlag deutlich vor sich gesehen. Erst später hat Janine Spirig herausgefunden: Die Kornblume ist die Blume der Hoffnung und des Vertrauens.

Janine Spirig, «Trauma, und ein neuer Atem», Edition Spuren, Winterthur, 2014

Janine Spirig, «Trauma, und ein neuer Atem», Edition Spuren, Winterthur, 2014

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