«Ich bin in einen Sog geraten»: Angeklagter Kita-Betreuer aus St.Gallen gesteht seine Verbrechen

Viereinhalb Jahre Freiheitsstrafe und ein lebenslanges Tätigkeitsverbot erwarten den Kita-Betreuer, der sich an Kindern verging.

Noemi Heule
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Der Angeklagte zeigte sich vor Gericht geständig.

Der Angeklagte zeigte sich vor Gericht geständig.

Zeichnung: Erika Bardakci-Egli

Vor der schweren Holztür des St. Galler Amtsgebäudes stehen die Medienleute schon vor acht Uhr bereit. Kameras und Smartphones gezückt, um ein Bild des Täters zu erhalten, dessen Vergehen im vergangenen Jahr landesweit Aufsehen erregte. In mehreren Krippen im Kanton soll der ehemalige Betreuer Kinder missbraucht und seine Taten fotografiert und gefilmt haben. Mehrfache Schändung, mehrfache sexuelle Handlungen mit einem Kind und mehrfache Pornografie sind nur ein Teil der Anklagepunkte.

Drei Stockwerke höher bei der Verhandlung des Kreisgerichts vom Dienstag sind Kameras nicht erlaubt. Dicht an dicht drängen sich die Medienvertreter auf der Bank im Rücken des Saals. In der Mitte, allein an einem Holztisch, sitzt der Angeklagte.

In Jeans und Kapuzenpulli

Die Füsse stecken in Turnschuhen, die Beine in blauen Jeans, Fussfesseln ketten sie aneinander. Über dem Kapuzenpullover wellt sich das lange Haar, ein Gummiband hält es zusammen. Von den Stuckaturen an der Decke, der prunkvollen Holzverkleidung scheint er keine Notiz zu nehmen. Der Kopf ist stets gesenkt, die Hände liegen ineinander gefaltet auf dem Tisch. Knapp vier Stunden dauert die Verhandlung, währenddessen rührt sich der Angeklagte mit ADHS-Diagnose kaum.

Der 34-Jährige ist geständig, die Vorwürfe bestätigt er mit einem knappen «jawohl». Nur einige Anschuldigungen relativiert er. Fotos von bekleideten Kindern, die er über einen Zeitraum von zehn Jahren an seinem Arbeitsort und in der Öffentlichkeit aufnahm, seien nicht sexuell motiviert gewesen. Eines der Bilder zeigt ein vierjähriges Kita-Kind, das er mit Handschellen an sich fesselte. Die Aufnahme stellte er verpixelt in ein Pädophilenforum im Darknet.

«Wir haben Räuber-und-Poli gespielt.»

So kommentiert er den Vorfall vom Mai 2018. Andere Bilder zeigen Kinder des Flawiler Waldkindergartens beim Pinkeln im Wald. Es sind die weniger schwerwiegenden Fälle, die der Angeklagte bagatellisiert. Die gravierenden Taten, welche die Staatsanwaltschaft als Schändung klassifiziert, lässt er unkommentiert.

62000 verbotene Bilder und 4600 Videos

Einer der Vorfälle hat sich im April 2018 in der Kinderkrippe Fiorino im Osten der Stadt St.Gallen ereignet. Auf dem Wickeltisch der Krippe hat sich der Täter an einem 16 monatigen Buben vergangen.

Die Eltern bleiben verunsichert

Die St. Galler Kinderkrippe Fiorino hat den Fall im Februar letzten Jahres publik gemacht, nachdem sie von der Staatsanwaltschaft darüber informiert wurde, dass es im Hort zu Übergriffen gekommen war. «Es gibt keine Worte für das, was in unseren Räumen geschehen ist», sagte Jacques Hefti damals. Der Präsident der Fiorino AG, der Betreiberin der Krippe, wies allerdings darauf hin, dass in der Krippe klare Vorschriften gälten. Dazu gehöre, dass die Tür etwa beim Wickeln stets offen bleibe. Wie es dennoch zum Vorfall kommen konnte kann er sich nicht erklären. Der Täter war nach eigenen Angaben zum Zeitpunkt des Missbrauchs alleine mit dem 16 monatigen Buben in der Kita im Osten der Stadt.

«Wir sind noch immer tief betroffen über das, was geschehen ist und was den Kindern angetan worden ist», schreibt Mediensprecherin Bettina Zimmermann auf Anfrage. Zu einzelnen Punkten des Urteils könne sich die Fiorino AG nicht äussern, da es von der Verhandlung ausgeschlossen worden sei. Seit Bekanntwerden der Vorfälle seien Prozesse und Abläufe mehrmals überprüft worden. «Für die Eltern und Kinder, aber auch für die Mitarbeitenden waren die letzten zwei Jahre sehr belastend», heisst es weiter. Dass zahlreiche Eltern nach wie vor verunsichert sind, spürt auch die Staatsanwaltschaft. «Noch immer erhalten wir Anrufe von Eltern, die wissen wollen, ob ihr Kind möglicherweise zu den Opfern gehört».

Ein Jahr zuvor schändete er den 21 monatigen Sohn seiner damaligen Affäre, als die Frau kurz die Wohnung in Rorschach verlassen hatte.
Beide Taten filmte er und stellte die Videos ins Darknet, wo er sich unter dem Pseudonym «FarmMaster» mit anderen Pädophilen austauschte. «Ich wollte Anerkennung in der Szene erlangen», begründet er sein Motiv. Er lud Tausende Videos und Bilder herunter und erstellte pornografische Chatbeiträge.

Als die Polizei kurz nach seiner Festnahme im Juli 2018 sein Zuhause in St.Gallen durchsuchte, stellte sie Datenträger mit rund 62000 Bildern und 4600 Videos sicher. Er sagt:

«Ich bin in einen Sog geraten.»

Die Wohnung war laut Richter in einem üblen Zustand. Chaos und Gestank erwarteten die Beamten vor Ort. Der Angeklagte räumte ein, ein Messie zu sein. Auch habe er unter Depressionen gelitten.

Nebst seiner Kindheit im Rheintal als Adoptivsohn, seinem Abdriften in die Punk-Szene im Teenageralter und seiner sozialen Isolation nach einer Trennung befragte der Richter den Angeklagten detailliert zu einem SRF-Auftritt aus dem Jahr 2014. Im Radio beschwerte sich der Kita-Betreuer darüber, dass Männer in seinem Beruf unter Generalverdacht stünden – damals hatte er bereits kinderpornografische Bilder erstellt und konsumiert.

Opfer, die sich nicht wehren konnten

Als «raffiniert» umschreibt die Staatsanwältin das Verhalten des Kita-Betreuers. Sie zeichnet das Bild eines berechnenden Täters, der sich seines Tuns bewusst war und sich ebenso bewusst die wehrlosesten Opfer aussuchte. Die Jüngsten, die noch nicht in der Lage waren, sich zu wehren oder die Übergriffe in Worte zu fassen. Der Mann habe überdies nur dann Taten gestanden, wenn er davon ausgehen konnte, dass sie die Polizei ohnehin hätte nachweisen können – weil er sie bildlich festgehalten hatte.

Die Staatsanwaltschaft fordert eine Freiheitsstrafe von 5 Jahren und 8 Monaten und ein lebenslanges Verbot von Tätigkeiten mit regelmässigem Kontakt zu Minderjährigen. Ebenso regungslos wie den Rest der Verhandlung lässt der Angeklagte die Liste der Vorwürfe über sich ergehen. Nur der Kopf senkt sich immer tiefer vornüber.

Das Tätigkeitsverbot wird auch vom Verteidiger nicht angefochten. Der Angeklagte, der auch eine Lehre als Kaufmann abschloss, erachtet es als notwendig «zum Schutz vor sich selber». Er hoffe, dass eine stationäre Therapie angeordnet werde. Seit April ist er vorzeitig in einem Massnahmezentrum. Wie bereits sein Mandant geht der Verteidiger nicht auf die schwerwiegenden Vorfälle ein, weist nur darauf hin, dass keine Gewalt oder Schmerzen im Spiel waren. Einziger Schlagabtausch zwischen ihm und der Staatsanwältin entsteht wiederum um die sexuelle Motivation einiger Bilder.

Das Gericht folgte der Argumentation der Staatsanwältin, verringerte jedoch das Strafmass auf eine Freiheitsstrafe von 4 Jahren, 6 Monaten. Sie wird zugunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben. Zudem verordnete das Richtergremium eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 50 Franken, eine Busse von 600 Franken und Genugtuungen an vier Opfer von insgesamt 22000 Franken. Nebst den diversen Medienvertretern nahmen auch zwei Mütter auf der Zuschauerbank Platz. Eine Mutter, die auf die Genugtuung angesprochen wird, sagt:

«Das Geschehene lässt sich nicht beziffern.»

Schliesslich werde sie nie wissen, was nebst den aufgezeichneten Taten in der Kita geschah.