«Ich bin ein Olma-Kind»

Olma-Jubiläum

Regula Weik
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Urs Bangerter (Bild: Hanspeter Schiess)

Urs Bangerter (Bild: Hanspeter Schiess)

Sie ist 75. Er ist 75. Sie ist die Olma. Er ist Urs Bangerter. «Ich bin ein Olma-Kind», sagt er und schmunzelt. Er sei mitten auf dem Olma-Gelände zur Welt gekommen. Seine Geburtsadresse: Rorschacherstrasse 13. Sein Geburtsdatum: 6. Juli 1942. «Es war eine Hausgeburt, und an jenem Montagmorgen begannen hinter unserem Haus die Aufbauarbeiten für die erste Olma.» Fixe Hallen gab es noch keine. Zelte und Hallen wurden Jahr für Jahr aufgebaut – und nach Messeschluss wieder abgebaut. Die Arbeiten zogen sich über Wochen hin. Erst hinter dem Haus der Familie Bangerter, auf dem Unteren Brühl, dann neben dem Haus, im Stadtpark, später auch vor dem Haus, im Kantonsschulpark.

Dies habe sich alljährlich wiederholt. Zur Freude der vier Bangerter Buben. «Unser Quartier verwandelte sich ab den Sommerferien in einen einzigen grossen Abenteuerspielplatz», erzählt Urs Bangerter. «Stadtpark, Kantipark, Unterer Brühl – das war über Wochen unser Rayon.» Täglich habe es Neues zu entdecken und später während der Messetage auch auszuprobieren gegeben. Die Degustationsstände von Knorr und Maggi habe er geliebt. Dort habe er zum ersten Mal im Leben «Stocki mit Bratensauce» gegessen. Und auch sein erstes Fondue habe er an der Olma genossen.

Über die Bäume aufs Gelände

Die Olma weckte nicht nur die kulinarische Entdeckerlust. Zunächst ging es darum, aufs Messegelände zu gelangen – ohne Eintritt. Die «Schwachstelle» war schnell ausgemacht; eine Baumgruppe nahe am Zaun, der jeweils um das ganze Gelände erstellt wurde. Etwas Baumklettern – und schon lag die Olma-Welt den Buben zu Füssen. «Wir haben uns mehr als einmal in die Olma eingeschlichen.» Ihre Schleichwege seien bei den Kollegen bald sehr gefragt gewesen. Bei den Kletteraktionen habe es schon ab und zu einen kleineren Unfall und eine zerrissene Hose gegeben. Apropos Eintritt: Ein Onkel Bangerters arbeitete jeweils während der Olma für die Securitas. Eines Tages führte er ein paar «Gratis-Besucher» ab. Als seine Mutter davon erfahren habe, habe sie ihm einen Schandbrief geschrieben. «Der Kontakt mit dem Onkel brach daraufhin ab.» Bangerter lacht. Da fällt ihm noch eine Securitas-Anekdote ein: Ein Bruder von ihm hat später ebenfalls für die Securitas gearbeitet, vor der Halle 7. «Wenn wir im Anmarsch waren, schloss er jeweils kurz die Augen – und schon waren wir drinnen, in der begehrten Halle.»

Schloss die Ausstellung ihre Tore, war das Olma-Abenteuer noch lange nicht zu Ende. «Wir sammelten alles ein, was beim Abbau liegen blieb, Säcke voller Nägel, Berge von Holz – ein Eldorado. Wir deckten uns jeweils mit Bastelmaterial für das ganze nächste Jahr ein.»

Die Jahrmarkt-Attraktion: dä Äffli-Maa

Olma-Zeit sei damals wie heute auch Jahrmarkt-Zeit gewesen. «Dä Äffli-Maa» sei eine der damaligen Hauptattraktionen gewesen. Er habe jeweils ein halbes Dutzend Affen mitgeführt, denen er einiges antrainiert hatte – «das war ein Spektakel». Später dann hätten sie endlos Runden um den Spelteriniplatz gezogen – «wegen der Mädchen, da fanden erste zarte Begegnungen statt».

1966 zog Bangerter von der Rorschacherstrasse weg, 1971 von St. Gallen. Heute lebt er in Horgen. Er besuche die Olma nicht mehr jedes Jahr; er habe sich «etwas von ihr entfremdet». Er schlendere heute bei seinen Besuchen in St. Gallen lieber durch die Altstadt – «dabei kommen weitere Erinnerungen auf». Nicht nur jene an die Olma. Bangerter ist ein begnadeter Erzähler, vif und humorvoll. Er plaudere gerne, sagt er beim Abschied. Schreiben liege ihm weniger – «ich bin froh, dass dies nun Ihr Job ist».

Regula Weik

regula.weik@tagblatt.ch