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«Ich bin ein Kulturpessimist»

Der St. Galler Heinz Angehrn ist einer von zwei Priestern in der Schweiz, die einen Blog für die katholische Kirche führen. Ob Fundamentalismus, Homosexualität oder Erziehung: Er lässt kein Thema aus – und hatte auch schon Streit mit Rom.
Larissa Flammer
«Wir leben in einer Überwachungswelt»: Pfarrer Heinz Angehrn. (Bild: Urs Bucher)

«Wir leben in einer Überwachungswelt»: Pfarrer Heinz Angehrn. (Bild: Urs Bucher)

Herr Angehrn, warum bloggen Sie?

Heinz Angehrn: Ganz einfach, ich schreibe gerne. Und nur für mich selber zu schreiben, war mir zu dumm. Ich wusste nicht, wohin der Blog führen würde. Vielleicht war ich fast etwas naiv.

Was wollen Sie mit dem Blog erreichen?

Angehrn: Ich will gewisse Grundbotschaften vermitteln und aufklären.

Welche Botschaften sind das?

Angehrn: Ich habe drei Hauptanliegen. Erstens ist mir seit 9/11 klar geworden, wie gefährlich religiöser Fundamentalismus ist. Ich glaube, der Dalai Lama hatte recht, als er sagte, es wäre vielleicht besser, wenn es keine Religionen gäbe. Das zweite Anliegen betrifft die Parteienlandschaft. Es gibt eine Art Neofaschismus, der die Menschenwürde und die direkte Demokratie bedroht. Und drittens interessiere ich mich sehr für Kultur und leide, wenn die Regie schlecht ist – vor allem in der Kulturprovinz St. Gallen.

Woher kommt Ihr Interesse an den verschiedenen Aspekten von Gesellschaft, Kultur und Politik?

Angehrn: Ich wollte nach der Matura vier Fächer studieren. Germanistik, Theaterwissenschaft, Journalismus und Theologie. Ich musste mich für eine Richtung entscheiden, doch was mich damals interessierte, interessiert mich auch heute noch. Ausserdem lese ich sehr viel: das Spektrum reicht von Fachbüchern über Belletristik, Krimis bis Zeitungen.

Von hier kommen auch die Ideen für den Blog?

Angehrn: Die Themen fallen mir zu. Ich bewege mich immer wieder in anderen Ecken, bald wird zum Beispiel ein Beitrag über einen Stephen-King-Roman erscheinen, den ich gerade lese. Ich will mich nicht in der Themenwahl einschränken lassen.

Haben Sie sich aktiv für einen Blog auf der Webseite der katholischen Kirche beworben?

Angehrn: Das Katholische Medienzentrum hat Leute gesucht, die auf kath.ch einen Blog betreiben. Ich interessierte mich dafür und musste als kleine Aufnahmeprüfung einige Probetexte einschicken. Es gab nicht viele Bewerber, ich konnte bald anfangen.

Wird der Blog auch gelesen?

Angehrn: Ich weiss, dass er gelesen wird. Die genauen Zahlen haben mich nie interessiert. Manchmal gibt es Kommentare zu einzelnen Beiträgen auf der Webseite. Ich bekomme aber auch schriftliche Reaktionen aus den verschiedensten Ecken.

In der Beschreibung Ihres Blogs steht, dass Sie in Absprache mit Bischof Markus Büchel keine Stellung zu Themen nehmen, die in Rom Anstoss erregen könnten. Woher kommt das?

Angehrn: Zweimal hat man von Rom aus versucht, ein Verfahren gegen mich zu führen. Leidtragender dabei war vor allem Bischof Markus, der sich damit auseinandersetzen musste. Und ich will natürlich nicht, dass er Ärger bekommt. Das Bistum St. Gallen ist unter ihm sehr menschenfreundlich und nah an der Basis, weshalb ich es unterstützen möchte.

Um welche Themen ging es dabei?

Angehrn: Ich habe über Sterbehilfe und die Wiederheirat von geschiedenen Personen geschrieben. Das sind auch die Themen, zu denen ich mich heute nicht mehr äussere.

Im Internet findet sich eine sehr positive Kritik von Ihnen zum Film «Brokeback Mountain», der von der Liebe zwischen zwei Männern handelt. Dazu dürfen Sie sich äussern?

Angehrn: Ja, und ich würde wieder so etwas schreiben. Gleichberechtigung ist Teil des biblischen Menschenbildes. Es ist unglaublich, wie viel Unheil verdrängte homosexuelle Gefühle bei den Betroffenen und deren Familien anrichten.

Mussten Sie schon einmal Beiträge löschen?

Angehrn: Ich musste lernen, dass man Spuren im Internet nicht löschen kann. Im eigenen Blog kann ich allerdings einzelne Beiträge wieder entfernen. Das habe ich einmal nach einer heftigen Reaktion gemacht. Heute wünschte ich, ich hätte es nicht getan.

Warum nicht?

Angehrn: Ich habe mich in diesem Beitrag gegen den unfairen Umgang mit einem pensionierten Kollegen gewehrt und bin wegen des internen Gegenwinds zu schnell umgekippt. Das tut mir leid.

Sie schreiben oft sehr kritisch über die Gesellschaft. Was läuft Ihrer Meinung nach falsch?

Angehrn: Der Mensch lässt sich zunehmend daran hindern, persönliche Erfahrungen zu machen, er passt sich dem Mainstream an. Die Entwicklung sorgt auch dafür, dass es Politik und Religion immer einfacher fällt, Gegner und Sündige zu benennen. Die Bereitschaft zu Aggression nimmt zu, vielleicht weil den Menschen langweilig ist oder sie sonst nirgends ausbrechen können.

Das tönt sehr pessimistisch.

Angehrn: Ich bin ein Kulturpessimist geworden. Ich zweifle immer mehr daran, dass Religion etwas Gutes ist. Wenn sie aufgeklärt ist, dann ja. Aber viele Menschen vertragen keine aufgeklärte Religion. Es gibt aber natürlich auch gute Beispiele. Etwa Personen, die sich für mehr Menschenrechte einsetzen. Leider ist ein Teil der Gesellschaft überfordert und läuft Rattenfängern nach.

Auch die Erziehung ist immer wieder Thema in Ihrem Blog. Läuft auch dort etwas schief?

Angehrn: Ja. Jede Generation bisher hat doch aus Kindheit und Jugend Erinnerungen an Unternehmungen mit Kollegen, von denen die Eltern nie erfahren haben. Bei mir war das beispielsweise im Pfadilager. Heute gibt es eine Überwachungswelt. Die Eltern wollen immer wissen, wo ihr Kind gerade ist. Sogar der Schulweg wird den Kindern gestohlen, indem die Eltern sie bringen und wieder abholen. Das ist eine sehr ungesunde Entwicklung, es wachsen Menschen ohne spannende Biographien auf.

Sprechen Sie diese gesellschaftskritischen Themen auch in Ihrer Predigt an?

Angehrn: Nein, ich nehme mir für die Predigten fest vor, nicht zu polarisieren. Diese Sprache gehört in den Blog, nicht in die Kirche. Ich will die Leute in der Kirche nicht bekehren oder verändern. Nur bei ganz extremen SVP-Anliegen, die unser christliches Menschenbild betreffen, nehme ich manchmal auch in der Predigt dazu Stellung.

Wie kommt es, dass Sie als katholischer Pfarrer solch unkonventionelle Ansichten vertreten?

Angehrn: Ich habe in den 1970er- Jahren in Luzern und München Theologie studiert. Das war eine sehr liberale Zeit, die Kirche war im Aufbruch. Die Lehren waren damals nicht mehr so konservativ. Das hat mich sehr geprägt. Leider trat mit der Wahl von Papst Johannes Paul II. eine Wende für die Kirche ein.

In Ihrem Blog berichten Sie auch oft von Ihren privaten Ferien in Irland. Sie bezeichnen die Westküste der Insel als Ihr Fluchtort. Was ist dort speziell?

Angehrn: Alles dort ist besser. Es gibt im Westen Irlands sehr wenig bauliche Zerstörung, man lebt im Einklang mit der Natur. Ich habe eine Affinität zur englischen Sprache, zum «British Way of Life», zur Küste und zum Golfen.

Golfen Sie auch hier?

Angehrn: Seit ich zum ersten Mal auf den Britischen Inseln golfen war, kann ich in der Schweiz fast nicht mehr spielen. Hier sind die Plätze viel zu überbevölkert. Golfen gehört auf die Britischen Inseln.

Was hält Sie dann noch in der Schweiz?

Angehrn: Ich will nicht alleine auswandern. Deshalb gehe ich nach der Pensionierung in ein Tessiner Bergtal, den mir liebsten Ort in der Schweiz.

Werden Sie dort weiter für die Kirche arbeiten?

Angehrn: Nur als Hilfspriester. Ganz kann ein Priester nicht mit gutem Gewissen aufhören, aber ich werde nur noch Aushilfe sein. Ich kann mir auch gut vorstellen, meinen Blog von dort aus weiterzuschreiben.

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