«Ich arbeite sehr visuell»

Auf dem St. Galler Klosterplatz steht bereits die eindrückliche Kulisse für die Festspiele. Der Regisseur Carlos Wagner erklärt, wie er bei der Inszenierung von Verdis «I due foscari» arbeitet.

Rolf App
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Der Dogenpalast ist noch geschlossen – und Regisseur Carlos Wagner steht vor der Kulisse zu «I due foscari». (Bild: Urs Bucher)

Der Dogenpalast ist noch geschlossen – und Regisseur Carlos Wagner steht vor der Kulisse zu «I due foscari». (Bild: Urs Bucher)

Werner Signer ist zuversichtlich. Blau strahlt der Himmel über dem Klosterplatz an diesem Donnerstagmorgen, und heute abend wird die erste Hauptprobe stattfinden. Fürs Wochenende ist zwar Regen angekündigt, und kommende Woche soll es wacklig werden und wieder kühler. Aber neun Jahre Erfahrung mit den Festspielen haben den Direktor des Theaters St. Gallen zum Berufsoptimisten werden lassen. Hauptsache, Venedig steht.

Eine grosse Wasserfläche

In Venedig nämlich spielt Giuseppe Verdis Oper «I due foscari», die in einer Woche auf dem St. Galler Klosterplatz ihre Premiere erleben wird. Als bildkräftigen Schauplatz hat der Technische Leiter Georges Hanimann mit seinen Leuten ein Klein-Venedig auf den Rasen gestellt – 400 Quadratmeter Lagune und 40 Baumstämme aus den Mörschwiler Wäldern inklusive. Und mehrere eigens gebaute Gondeln. Knöcheltief breitet sich die Wasserfläche vor uns aus, in ihr werden sich das Licht des erlöschenden Tages und die Fassade der Kathedrale spiegeln.

Diese Kathedrale spielt ganz am Ende des Stücks noch eine kleine Rolle: Francesco Foscari, vom Schicksal geprüfter und von seinen Feinden verfolgter Doge von Venedig (siehe Text unten), stirbt beim Klang der Glocken der Markuskirche. «Wir arbeiten dran, dass stattdessen eine Glocke der Kathedrale erklingt», sagt Opernchef Peter Heilker. «Das ist nicht ganz einfach, weil sich das in nur gerade zwei Takten ereignet.»

Die Sache mit den Gondeln

Dass auch anderes nicht ganz einfach ist, bekommt man in der anschliessenden technischen Probe rasch mit. Regisseur Carlos Wagner rennt mehrmals hin und her, von der Tribüne zu jenem grossen schwarzen Kubus, den der Bühnenbildner Rifail Ajfarpasic ans obere Ende der grossen Bühnentreppe gestellt hat. Dort spielen Paolo Gavanelli als Francesco Foscari, Leonardo Capalbo als sein Sohn Jacopo und Riccardo Botta als Barbarigo in Jeans und T-Shirt einzelne Szenen durch.

Doch bevor sie anfangen können, müssen die Tore aufgehen, damit das in Gold und Rot gefasste Innere des Dogenpalasts sichtbar werden kann. Leider bewegt sich das rechte Tor schneller als das linke. Und zu allem Ungemach verirren sich auch noch ein paar Touristen in das Miniatur-Venedig, weil die Bühneneingänge hinten noch nicht abgesperrt sind. Die Gondeln laufen auf Schienen, sie müssen aber von Hand gezogen werden. Auch hier wird das Timing eine entscheidende Rolle spielen.

Der Regisseur hat viel zu tun

Freundlich, aber entschieden – und in mehreren Sprachen – konferiert Carlos Wagner mit der Technik, mit den Sängern und mit der Stage Managerin Anne Moreau, die zusammen mit dem Dirigenten auf der Tribüne in einem kleinen Zelt sitzt und den ganzen Prozess steuern soll. Nicht zum ersten Mal inszeniert er in St. Gallen. Vor drei Jahren hat er «La damnation de Faust» von Hector Berlioz zum bildkräftigen, aber auch zarten Drama geformt.

Im wahrsten Sinn einmalig

Um zu beschreiben, was ihn an Open-Air-Inszenierungen fasziniert, erzählt Wagner vom schwierigen Sommer 2012. «Da hat es einmal genau in dem Moment zu nieseln begonnen, als die Teufel aufgetreten sind. Das war phantastisch.» Denn dieser Platz hat nicht nur seine ganz eigene Aura. Sondern es wird auch jede Vorstellung einen anderen Eindruck hinterlassen, je nach dem Wetter. Wobei zumindest das Orchester diesmal im Trockenen ist. Es spielt im angrenzenden Ausstellungssaal und ist nicht mehr hinter der Bühne untergebracht. «Der Klang ist brillant», sagt Peter Heilker. «Ausserdem schaffen die Form des Bühnenbilds und seine Holzkonstruktion eine extrem gute Akustik.»

Intimität geht verloren

Carlos Wagner weiss: Will er mit «I due foscari» beim Ostschweizer Publikum ankommen, dann muss er mit grossen Gesten arbeiten. «Ich arbeite sehr visuell», sagt er. «Die Zuschauer müssen sehen können, was sich abspielt zwischen den Personen.» Mit mit symbolhaften Handlungen doppelt er den Inhalt. Und er nutzt den grossen Bühnenraum, um komplexe Szenen übersichtlicher zu gliedern.

So haben die grossen Gesten ihre Vorzüge. Dafür aber, gibt Carlos Wagner zu bedenken, «geht manchmal auch Intimität verloren.» Das ist der Preis, den Regisseur und Publikum für ein einmaliges Erlebnis zahlen müssen – unter hoffentlich wolkenlosem Himmel.