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«Nach Jahren des Selbsthasses kann ich mich akzeptieren»: Ein junger St.Galler erzählt, wie die Depression sein Leben beeinflusst

Psychische Krankheiten können jeden treffen – auch Kinder. Der 19-jährige Nico Wohlgensinger aus St.Gallen leidet seit rund zehn Jahren an Depressionen. Totschweigen will er seine Krankheit nicht mehr.
Dinah Hauser
Nico Wohlgensinger machte seine Geschichte im Juli auf Twitter öffentlich. (Bild: Urs Bucher)

Nico Wohlgensinger machte seine Geschichte im Juli auf Twitter öffentlich. (Bild: Urs Bucher)

Eigentlich wirkt der 19-Jährige ganz normal. Ein aufgeschlossener junger Mann, der sich politisch engagiert. Er trägt jedoch eine Krankheit mit sich herum: Seit rund 10 Jahren begleiten Nico Wohlgensinger Depressionen. «Ich war schon als Achtjähriger verhaltensauffällig.» Zunehmend kapselte er sich von der Aussenwelt ab und war in Gedanken versunken. Erst wurde ein Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsdefizitsyndrom ADHS diagnostiziert. «Das habe ich letztens nochmals überprüfen lassen und ich habe mit Sicherheit kein ADHS», sagt der St.Galler.

Als 11-Jähriger dann die eigentliche Diagnose: Depression. Es folgten Therapien, welche den Bub mehr verunsicherten als sie ihm halfen. «Ich fühlte mich nicht ernst genommen», sagt Wohlgensinger. «Wenn ich mich dazu überwinden konnte, mich zu öffnen, dann kamen Rückfragen der Therapeuten wie: Bist du dir sicher? Stimmt das wirklich?» Zudem fühlte er sich gezwungen, gewisse Bewältigungsstrategien anzuwenden.

«Nur, unter Zwang wird es nicht besser, sondern schlimmer.»

Schliesslich weigerte er sich, zur Therapie zu gehen – unter Androhung von Selbstverletzung oder gar Suizid.

Über Brückengeländer gestiegen

«Ja, ich habe darüber nachgedacht, mein Leben zu beenden», sagt Wohlgensinger. Er sei etwa über Brückengeländer gestiegen, um zu testen, wie es sich anfühlt, wenn einen nichts mehr hält. «So paradox es klingt: Mir hat dies geholfen. Ich merkte dann, dass ich immer noch von etwas getragen werde, dass ich noch einen Grund zum Leben habe. Das zu fühlen, war sehr wichtig für mich.» Empfehlen würde er dieses Verhalten aber niemandem.

Bald kam die Zeit des Lehrbeginns. Wieder hatte Wohlgensinger Mühe, sich in eine Gruppe einzufügen. Morgens bereitete schon das Aufstehen Schwierigkeiten. In der Lehre geriet er in den Rückstand, der Stress nahm zu. Zuletzt konnte er ohne Beruhigungsmittel die Wohnung nicht mehr verlassen – zu stark waren die Panikattacken.

Eines Morgens entschloss sich Wohlgensinger seinen Hausarzt aufzusuchen. «Zu ihm hatte ich immer ein gutes Verhältnis und konnte ihm sagen, was los ist.» Dieser schrieb ihn krank und organisierte mit Wohlgensingers Einverständnis einen Platz in einer Klinik, welche er nach drei Monaten in etwas besserem Zustand wieder verliess. Panikattacken gehörten fast der Vergangenheit an. Seinem damaligen Lehrmeister erzählte er auf Anraten des Arztes von seiner Krankheit.

«Zum ersten Mal war es raus. Das war enorm erleichternd.»

Durch ein Eingliederungsprogramm der IV kann Wohlgensinger doch noch eine eidgenössisch anerkannte Schreinerlehre absolvieren – sie dauert vier Jahre. «Das ist eigentlich eine ganz normale Lehre. Nur, der Arbeitgeber toleriert, dass ich öfters krank bin und er garantiert, dass ich regelmässig in die Therapie gehen kann», erklärt Wohlgensinger. Das Ziel sei es, dass er am Ende der Lehre voll arbeits- und leistungsfähig ist.

«Nach Jahren des Selbsthasses kann ich mich selbst akzeptieren – mit der Depression», sagt der St.Galler.

«Ein grosser Schritt in eine gute Richtung.»

Nun ist er daran, die Auswirkungen seiner Depression auf den Alltag zu vermindern und Leistungsschwankungen auszugleichen. «Es braucht halt Zeit, die Probleme zu beheben». Wohlgensinger ist zuversichtlich, dass er am Ende seiner Lehre als normaler Mitarbeiter im Arbeitsmarkt bestehen kann.

An den Kern des Wollknäuels – wie er die Verstrickungen seiner Depression nennt – traut er sich aber noch nicht. «Mit meinem Therapeuten bin ich bis vor die entscheidende Tür gegangen. Sie zu öffnen, ist aber mit viel Schmerz verbunden. Dazu bin ich noch nicht bereit.»

Engagement in Politik gibt Halt und Sicherheit

Der 19-Jährige engagiert sich in seiner Freizeit für den wertkonservativen CVP-Flügel. «Das macht mir Spass und gibt mir Halt und Sicherheit», sagt Wohlgensinger. Er möchte das erste staatlich mitfinanzierte Männerhaus der Schweiz mitbegründen. Zudem will er für das Stadt- und Kantonsparlament kandidieren.

Seine Geschichte machte er Ende Juli auf Twitter öffentlich. Die Reaktionen darauf seien äusserst positiv gewesen. Wohlgensinger findet, psychische Erkrankungen seien immer noch ein Tabuthema in der Gesellschaft.

«Es bringt nichts, wenn man es totschweigt.»

Reden hilft. Darum sei es ihm wichtig, dass Betroffene, die darüber reden können, dies auch tun. Auch wünscht er sich mehr Öffentlichkeitsarbeit. So könnte er sich etwa eine Plakatwerbung im Stil der «Stop Aids»-­Kampagne vorstellen. «Hätte ich damals gewusst, dass es O.K. ist, wie ich mich fühle, dann hätte ich vielleicht besser mit meiner Krankheit umgehen können», sagt Wohlgensinger.

Eine Depression sei eine Krankheit wie jede andere auch. «Keiner wählt sich aus, krank zu sein. Könnte ich meine Depression wegschnippen, hätte ich das längst getan.»

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