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Hubertus Schmid: «Es braucht Mitgefühl und Gemeinsinn» - Gemeinnützige Gesellschaft feiert 200-Jahr-Jubiläum

Die Aufgaben der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons St.Gallen haben sich im Verlauf der Zeit zwar verlagert. Ihr Ziel sei aber immer noch dasselbe, sagt Präsident Hubertus Schmid. Es gehe um den starken sozialen Zusammenhalt.

Interview: Sina Bühler
Hubertus Schmid: «Eine wunderbare Aufgabe.» (Bild: Hanspeter Schiess)

Hubertus Schmid: «Eine wunderbare Aufgabe.» (Bild: Hanspeter Schiess)

Gemeinnütziges Handeln sei so aktuell wie vor 200 Jahren, sagt Hubertus Schmid, Präsident der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons St. Gallen (GGK), die gerade ihr hohes Jubiläum feiert.

Die Gemeinnützige Gesellschaft gründete früher Schulen, Spitäler, Heime. Das sind Aufgaben, die später vom Sozialstaat übernommen wurden. Braucht es die GGK noch?

Hubertus Schmid: Die GGK hat einen wunderschönen Auftrag, der unverändert besteht: Sie soll als private Organisation «anregen und fördern, was der geistigen und materiellen Volkswohlfahrt im Kanton St. Gallen dient». Heute muss nicht die Armut bekämpft und die soziale Absicherung gefördert werden. Es geht nun darum, das geistige, seelische Wohlbefinden zu stärken. Dazu braucht es Mitgefühl und Gemeinsinn.

Wie soll das flächendeckend gehen?

Man kann das tatsächlich nicht erzwingen. Aber man kann es fördern: mit Erziehung, Bildung, Kultur und Sport. Dort haben wir Ansatzpunkte, dort kann man Mitgefühl und Gemeinsinn einüben.

Einüben?

Empathie ist eine Kulturleistung, das fällt nicht vom Himmel herunter. Einfach so funktioniert es vielleicht noch in einer Familie, einem Clan. In einer grösseren Gemeinschaft muss man es erleben, um zu wissen, dass man miteinander verbunden und voneinander abhängig ist. Es ist nachgewiesen, dass Menschen, die in einem Quartier ein kleines Problem gemeinsam lösen können, das Vertrauen haben, selber etwas bewirken zu können. Wir müssen Möglichkeiten schaffen, dass die Menschen gesellschaftliche Probleme selbstbestimmt lösen können.

Heute fördert die GGK also die Selbsthilfe, statt Institutionen zu schaffen.

Zu unserer Aufgabe gehört, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, aufzeigen, wie wichtig der soziale Zusammenhalt – unser soziales Kapital ist. Und wir sollten lokale Begegnungen der Menschen in Dörfern und Städten ermöglichen, Begegnungszentren schaffen. Das ist aber auch etwas, was nicht mehr wir Alten der nächsten Generation aufstülpen dürfen. Wenn die Jungen es selber machen können, gewinnen wir auch wieder Leute. Wie viele Organisationen sind wir überaltert.

Haben Sie ein Beispiel?

Wir müssen integrativ arbeiten. Eine Aufgabe finden, die gemeinsam gelöst werden kann, auch generationenübergreifend. Beispielsweise indem wir Familienzentren schaffen, Begegnungsorte für alte Menschen. Der Staat kann sich um ihre Pflege kümmern, aber das sind standardisierte Leistungen. Menschliche Beziehungen hingegen kann er nicht bieten. Und die Jungen engagieren sich ja, ihr Engagement gegen den Klimawandel zeigt ja, dass sie gut über den eigenen Gartenhag hinausschauen können.

Das Engagement gegen den Klimawandel oder für Gleichstellung ist aber ein politisches Engagement, kein karitatives.

Das entspricht auch unserem Verständnis: Die Gemeinnützigen Gesellschaften sind keine Hilfswerke; sie hatten auch früher nie die Aufgabe, eine akute soziale Not zu beheben – das übernahm die Kirche und später der Staat. Die GGK wollte vielmehr dazu beitragen, dass die Verhältnisse gar keine soziale Not eintreten lassen. Das ist eine sehr politische Aufgabe. Die aber von Anfang an von einem partei-, konfessions- und schichtübergreifenden Verein übernommen wurde.

Die Probleme sind auch viel globaler geworden.

Natürlich. Aber das gemeinnützige Engagement in den Dörfern und Städten fördert das ­Denken in grösseren Zusammenhängen. Das Gespür, dass wir voneinander abhängig sind. Und das zeigt sich dann im Kleinraum. Im 19. Jahrhundert war die soziale Frage ein zentrales Thema der GGK. Sie setzte sich damit intensiv auseinander und kam zum Schluss, dass es neben den staatlichen auch freiwillige Massnahmen zur Milderung der sozialen Not brauchte. Heute haben die Gleichbehandlung der Frauen, das Klima, die Migration genau diesen Stellenwert. Für ein gelingendes Zusammenleben mussten die negativen Folgen der Industrialisierung gelöst werden. Die Fragen waren immer schon politisch, sie wurden einfach nicht über die Parteien gelöst. Solche Dinge muss man gemeinsam lösen. Der Staat allein kann es nicht, es braucht dazu auch eine aktive und intakte Zivilgesellschaft.

An der 200-Jahr-Feier der GGK am Donnerstagabend wird genau darüber diskutiert: Wie es die ursprünglichen Gründungsgesellschaften – die Wirtschaft, die Ärztinnen, Pfarrer und Lehrerinnen – mit dem Gemeinsinn halten.

Unser ganzes Jubiläumsjahr läuft unter diesem Motto, diese Diskussionen müssen innerhalb und ausserhalb der GGK in Gang kommen. Wir sind sehr gespannt auf die Antworten. Dass wir nicht nur herausfinden, was wir tun sollen, sondern auch wie.

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