HSG ringt um klare Grenzen für Nebenjobs von Professoren

Die Universität St.Gallen will die Nebenbeschäftigungen ihrer Professoren strenger prüfen. Doch die Verantwortlichen tun sich schwer mit harten Vorgaben – im Gegensatz zu einem Headhunter.

Michael Genova und Regula Weik
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Die Universität St.Gallen stand über Monate wegen heikler Verwaltungsratsmandate und problematischer Beratungstätigkeiten ihrer Professoren in der Kritik.

Die Universität St.Gallen stand über Monate wegen heikler Verwaltungsratsmandate und problematischer Beratungstätigkeiten ihrer Professoren in der Kritik.

Bild: Benjamin Manser (St.Gallen, 28. Januar 2020)

Erst geriet Professor Johannes Rüegg-Stürm in den Strudel des Raiffeisen-Skandals. Dann wurde Rektor Thomas Bieger als Verwaltungsratspräsident der Jungfraubahn mit Marktmanipulationen in Verbindung gebracht. Innert Monaten mutierte die viel beschworene Praxisnähe der Professorinnen und Professoren der Universität St.Gallen zum unkalkulierbaren Reputationsrisiko.

Die HSG-Verantwortlichen versprachen Besserung – mehr Transparenz und mehr Kontrolle. Künftig sollen die Nebenjobs der Professorinnen und Professoren schärfer überprüft werden. Dafür wurde eigens eine neue Kommission für Nebenbeschäftigungen ins Leben gerufen. Dennoch bleiben viele Fragen offen. Wie viele externe Mandate und Engagements sind mit der Tätigkeit an der Uni vereinbar? Welche Nebenbeschäftigungen konkurrenzieren oder gefährden die Lehrtätigkeit? Hat die Kommission bereits Nebenjobs verboten – oder früher ausgesprochene widerrufen?

Auf die Kommission für Nebenbeschäftigungen warte bereits «eine Handvoll Fälle», hatte Prorektor Peter Leibfried bei deren Start im November gesagt. Ob es darunter auch problematische gibt, ist nach wie vor unklar. «Die Arbeit der Kommission befindet sich in der Aufbauphase», teilt HSG-Mediensprecher Jürg Roggenbauch auf Anfrage mit. Derzeit werde festgelegt, welche Kriterien bei der Prüfung der Nebenbeschäftigungen angewandt werden sollen. Anschliessend werde die Kommission beginnen können, konkrete Einzelfälle zu bearbeiten.

HSG-Professoren sitzen in 54 Verwaltungsräten

Die Nebenbeschäftigungen der Professoren sind seit Anfang August in einem zentralen Onlineregister auf der HSG-Website aufgeschaltet. Darauf stützt sich die Kommission bei ihrer Arbeit. 193 Professorinnen und Professoren haben darin ihre Tätigkeiten deklariert, wie eine Auswertung dieser Zeitung zeigt. 73 Prozent dieser Professoren haben eine oder mehrere Nebenbeschäftigungen angegeben. Insgesamt wurden 411 Nebenbeschäftigungen deklariert. Davon sind zwei Drittel bezahlte Mandate. Was auffällt: Es sind einige wenige Professoren, welche die Mehrheit der Mandate auf sich vereinen. Der Grossteil der Professoren hat keine oder nur eine einzige Nebenbeschäftigung.

Zudem sind die Unterschiede zwischen den deklarierten Mandaten gross: Im Register stehen simple Vortragstätigkeiten direkt neben aufwendigen Verwaltungsratsmandaten. Vor allem Letztere ­stiessen in der Vergangenheit auf Kritik. ­Aktuell sitzen HSG-Professoren in 54 Verwaltungsräten. Die grosse Mehrheit in Gremien von kleineren und mittleren Unternehmen. Einige wenige aber auch in Verwaltungsräten börsenkotierter Unternehmen.

Wie viele VR-Mandate sind  mit einer Professur vereinbar?

Dozierende mit einer 100-Prozent-Anstellung dürfen nicht mehr als einen Tag pro Woche einer Nebenbeschäftigung nachgehen – entgeltlich oder unentgeltlich spielt dabei keine Rolle. So schreibt es die 1-Tages-Regelung der Universität vor. Kann diese als Verwaltungsrat eines börsenkotierten Unternehmens noch eingehalten werden? Wie viele VR-Mandate sind überhaupt mit einer Professur vereinbar?

Bjørn Johansson,  Zürcher Headhunter

Bjørn Johansson, 
Zürcher Headhunter

Bild: PD

Der renommierte Zürcher Headhunter Bjørn Johansson hat eine klare Antwort auf diese Fragen: «Maximal ein VR-Mandat bei einem börsenkotierten Unternehmen, maximal zwei VR-Mandate bei KMUs, insgesamt maximal zwei Mandate.» Und:

«Das Verwaltungsratspräsidium eines börsenkotierten Unternehmens kommt gar nicht in Frage.»

Nach dem zeitlichen Aufwand solcher Engagements gefragt, antwortet Johansson: «Bei börsenkotierten Unternehmen 10 bis 20 Prozent für ein Verwaltungsratsmandat, 35 bis 50 Prozent für ein VR-Präsidium.» Bei grossen Konzernen könne dies rasch bis auf 80 Prozent ansteigen. «Und auch im Krisenfall kann sich der zeitliche Aufwand rasch verdoppeln.» Wie aufwendig ist ein VR-Mandat bei einem KMU? «5 Prozent bei einem kleinen, 10 Prozent bei grösseren.»

Universität will keine generelle Obergrenze definieren

Jürg Roggenbauch, HSG-Mediensprecher

Jürg Roggenbauch,
HSG-Mediensprecher

(Bild: PD)

Die Universität St.Gallen hingegen wehrt sich, generelle Faustregeln für den Arbeitsaufwand aufzustellen. «Wir müssen je nach Mandat differenzieren», sagt Mediensprecher Roggenbauch. Ein Mandat bei einem börsenkotierten Unternehmen sei etwas anderes als ein Mandat bei einem KMU. «Wir können deshalb auch nicht einfach eine Obergrenze von Mandaten definieren.»

Die Suche nach Mitgliedern für Verwaltungsräte macht heute die Hälfte von Johanssons Tätigkeit aus. Sind HSG-Professoren begehrt? Der Headhunter schüttelt den Kopf: Sie stünden nicht zuoberst auf der Liste.

«Gefragt sind heute CEO-Erfahrung, CFO-Erfahrung, Asien-Erfahrung, Digital-Erfahrung, VR-Erfahrung. Das kann ein HSG-Professor nicht bieten.»

Generell spielten ganz wenige Dozierende von Schweizer Universitäten «in der Champions League, wenn es um die Besetzung von Verwaltungsräten geht», sagt Bjørn Johansson. Nach Beispielen gefragt, nennt er Patrick Aebischer, ehemaliger Präsident der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne. Die Universität St.Gallen hat keine solchen Persönlichkeiten? «Leider nein», sagt Johansson, der an der HSG studiert und doktoriert hat. «Ich bedaure das sehr.» Und nach einer Pause: «Es fehlen starke, herausragende Persönlichkeiten, die sich gegen aussen profilieren.» Es sei «etwas grau» geworden auf dem Rosenberg.

Nebenjobs sind ein finanzielles Zückerchen

Die Kommission für Nebenbeschäftigungen hat einen heiklen Balanceakt zu bewältigen. Einerseits muss sie strengere Regeln für Nebenjobs aufstellen. Andererseits sieht die HSG-Leitung eben diese als zentralen Bestandteil ihrer Erfolgsgeschichte. «Sie sorgen für wertvolle Praxiskontakte, die sonst nicht durch die Universität realisiert werden könnten», sagt Roggenbauch.

Über diese Kontakte seien in den vergangenen Jahren zahlreiche Projekte und Forschungskooperationen entstanden. Sie sind die Grundlage für die Beschaffung von Drittmitteln. Die Hälfte ihres Jahresbudgets von rund 240 Millionen Franken finanziert die HSG auf diese Weise selber. Und natürlich ist eine Nebenbeschäftigung auch ein zusätzliches finanzielles Zückerchen – ein Mittel im internationalen Kampf um die besten Köpfe. «Die HSG bezahlt auch im Vergleich mit Schweizer Universitäten keine Spitzengehälter, erst recht nicht im Vergleich mit ausländischen Privatunis», sagte Rektor Thomas Bieger in einem Interview mit dieser Zeitung.

Die Kommission für Nebenbeschäftigungen wird diese Fragen im Hinterkopf haben, wenn sie demnächst konkrete Fälle beurteilen muss. Ihr gehören drei interne sowie ein externes Mitglied an. Prorektor Leibfried sieht die Unabhängigkeit der Kommission trotz HSG-Lastigkeit nicht gefährdet. Die Anforderungen an die Integrität der Mitglieder seien hoch. Geleitet wird das Gremium von Prorektorin Monika Bütler. Die Professorin für Volkswirtschaftslehre ist Mitglied des Bankrats der Schweizerischen Nationalbank (SNB) sowie Verwaltungsrätin bei den beiden börsenkotierten Unternehmen bei Huber+Suhner und Schindler Aufzüge.

«Keine schlechte Wahl», sagt Johansson. «Sie hat Erfahrung und Know-how. Sie kennt den Druck und den Zeitaufwand als VR.» Aber sie kratzt an der vom Headhunter genannte Maximalzahl von Engagements. «Ich würde es noch akzeptieren», sagt Johansson, «aber es ist die absolut oberste Grenze.» Bütler hat ein Pensum von 62,5 Prozent an der Universität St.Gallen.

Und wie haben Johannes Rüegg-Stürm und Thomas Bieger das Problem ihrer heiklen Mandate gelöst? Der Professor hat sein Verwaltungsrats- präsidium bei der Raiffeisenbank inzwischen aufgegeben. Und der Rektor hatte gestern seinen letzten Arbeitstag. Für seinen Nachfolger ist die Frage bereits geklärt: Künftige HSG-Rektoren müssen auf jede Art von Nebenbeschäftigungen verzichten.

Zürich und Neuenburg fordern Honorare ein

Die neuen Richtlinien für Nebenbeschäftigungen der Universität St. Gallen sind bereits in Kraft, doch eine delikate Frage ist noch ungeklärt: Müssen HSG-Professorinnen und -Professoren künftig einen Teil ihrer namhaften Nebeneinkünfte abliefern? Einige Schweizer Universitäten sind schon heute restriktiver:

An der Universität Zürich müssen Professorinnen und Professoren schon seit längerem einen Teil ihrer Nebeneinkünfte abliefern: «Nettoeinnahmen aus Nebenbeschäftigungen im Betrag bis zu 50000 Franken sind von der Abgabepflicht befreit. Für die den Freibetrag übersteigenden Nettoeinnahmen gilt ein Abgabesatz von 10 Prozent», heisst es im entsprechenden Reglement. Die Abgabe wird der jeweiligen Professur gutgeschrieben und steht für die Deckung von Betriebs- oder Personalkosten zur Verfügung. Von der Abgabe werden Professoren in der Regel befreit, wenn sie ihr Pensum reduzieren.

Eine ähnlich gestaltete Abgabepflicht existiert auch an der Universität Neuenburg. Mit 60000 Franken liegt der Freibetrag leicht höher als an der Universität Zürich. Dafür gilt für Einnahmen, welche diesen Freibetrag übersteigen, ein Abgabesatz von 20 Prozent. Anders als in Zürich können Professorinnen und Professoren der Uni Neuenburg dafür weitere Abzüge geltend machen.

Die offene Frage einer möglichen Abgabepflicht für HSG-Professoren liegt zurzeit bei der St. Galler Regierung. Es sei nicht «in der Hoheit des Rektorates», über die Vergütungen von Professoren zu entscheiden, teilt HSG-Mediensprecher Jürg Roggenbauch auf Anfrage mit. Grundlage bilde das Universitätsgesetz, das im Moment überarbeitet werde. Der Gesetzesentwurf ging kürzlich zur internen Vernehmlassung an alle Gremien der Universität, inklusive Mittelbau, Studentenschaft sowie Alumni-Organisation. Anschliessend werden die Rückmeldungen verarbeitet. Danach folgt die politische Beratung im Kantonsparlament. In Kraft treten soll das neue Gesetz 2023. (mge)