HSG-Professor richtet Stipendium für Nichtflieger ein

Billigflüge sind Alltag geworden – auch für klimabewusste Studenten. Ein HSG-Professor will zumindest einige auf den Boden holen: Wer mit dem Zug an die Klimaplanspiele kommt, die er mit andern europäischen Unis durchführt, bekommt einen Batzen.

Kaspar Enz
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Laut WWF machen Flugreisen in der Schweiz rund 18 Prozent des CO2-Ausstosses pro Kopf aus. (Bild: Gustavo Valiente/i-Images)

Laut WWF machen Flugreisen in der Schweiz rund 18 Prozent des CO2-Ausstosses pro Kopf aus. (Bild: Gustavo Valiente/i-Images)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Wer übers Wochenende nach Barcelona fliegt, dürfe nicht für das Klima streiken – diesen Vorwurf hat sich die Schülerbewegung schon oft anhören müssen. Dabei gehört die Beschränkung von Flugreisen zu ihren Kernforderungen – als Kantischüler letzthin den St.Galler Kantonsrat stürmten, ging es um eine Abgabe auf Flugtickets und ein Verbot von Inlandflügen.

Zugfahrer sparen weder Zeit noch Geld

Denn wer heutzutage für Auslandreisen den Zug nimmt, ist nicht nur später am Ziel, er zahlt auch mehr. Rolf Wüstenhagen, Professor für Wirtschaft und Ökologie an der HSG, nimmt trotzdem den Zug. Zum Beispiel demnächst für einen beruflichen Termin in Lissabon. 24 Stunden dauert die Fahrt. «Zeit, um einige Arbeiten zu korrigieren», sagt er.

Das Ticket kostet 400 Franken. Der Flug hätte 60 gekostet. Dass Schüler oder Studenten, die ihre Ferien aus dem Sackgeld oder dem Ferienjob berappen müssen, das Flugzeug wählen, wundert ihn nicht. «Was zu meiner Zeit Interrail-Zugreisen waren, sind heute Städteflüge.» So scheitert das Klimabewusstsein oft am Budget.

Keine Flugreisen für Ostschweizer Maturanden

Es sind vor allem Schülerinnen und Schüler von Kantonsschulen, die in den letzten Wochen immer wieder streikten und demonstrierten. Die Politik soll endlich etwas gegen den Klimawandel tun, fordern sie. Im Basler Gymnasium Leonhard hatten sie schon einen kleinen Erfolg. Schülerrat wie Lehrer haben durchgesetzt, dass die Basler Gymeler nicht mehr mit dem Flugzeug in die Maturareisen gehen sollen.

An Basler Gymnasien war die Flugreise zum Abschluss in den letzten Jahren eher die Regel als die Ausnahme. Anders sieht es scheinbar in der Ostschweiz aus. Marc König, Rektor der Kantonsschule am Burggraben in St. Gallen hat Maturareisen in der Luft bereits 2007 abgeschafft – aus ökologischen Gründen, sagt er. Auch an der Kantonsschule Frauenfeld fliegen die Schüler zum Abschluss nicht – dort wurde die Maturareise bereits vor einigen Jahren ganz abgeschafft.

An der Kanti Trogen sind Maturareisen hingegen allein Sache der Schüler. Ob diese stattfinden, und ob dabei geflogen werde, sei der Schule deshalb nicht bekannt, sagt Rektor Marc Kummer.

Ein Batzen für Nichtflieger

Das beobachtet Wüstenhagen nicht zuletzt bei der Simulation der UNO-Klimaverhandlungen, die er seit zehn Jahren durchführt. Über 100 Studenten von Partneruniversitäten aus ganz Europa spielen dort die Rolle der einzelnen Länder. Und meist kommen sie per Flugzeug. Ein Widerspruch, findet Wüstenhagen. «Man müsste aber die Differenz zwischen Billigflug und Zug kompensieren.» Mit der Idee ging er zur Mercator-Stiftung und erreichte die Finanzierung eines Stipendiums: Studenten, die per Zug kommen, erhalten Geld, je nach Distanz der Anreise.

Letztes Jahr wurde das Stipendium zum ersten Mal vergeben. Allerdings verlief es nicht ganz nach Plan. Das Klimaplanspiel fand in Barcelona statt. Doch die französischen Bähnler streikten. So blieben manche stecken oder nahmen doch das Flugzeug.

Gleich kurze Spiesse für die Airlines

Kein Grund, das Experiment zu stoppen. Eine Zugreise spare 80 Prozent des CO2-Ausstosses einer Flugreise. «Bei einem ökologischen Strommix noch mehr», sagt Wüstenhagen. «Flugreisen machen 18 Prozent der Schweizer Pro-Kopf-Emissionen aus.»

Dass die Schweizer so viel fliegen, liegt auch an den Tiefstpreisen, mit denen die Airlines um Passagiere buhlen. Ganz fair ist das nicht. «Flugzeugtreibstoff wird nicht besteuert», sagt Wüstenhagen. «Hier für gleich lange Spiesse zu sorgen wäre ein grosser Schritt. Würde Kerosin gleich besteuert wie Benzin, könnten die Airlines diese Preise nicht machen», sagt Wüstenhagen. «Treibstoffkosten machen einen Viertel ihrer Budgets aus.» Gegner einer Kerosinabgabe verweisen oft darauf, dass andere Länder den Treibstoff auch nicht besteuern. Die eigene Airline würde benachteiligt.

Doch entsprechende Verhandlungen auf internationaler Ebene wären auch nicht leicht. Das zeigen auch die Simulationen der Klimaverhandlungen, die zum nächsten Mal im Mai in Köln stattfinden. Zwar seien dabei schon interessante Ideen entstanden, sagt Wüstenhagen. «Am Ende ist es oft schwer, die gegensätzlichen Interessen unter einen Hut zu bringen. Auf internationaler Ebene allein wird man das Problem also kaum lösen.»