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Jeder vierte Doktorand ist mit den Arbeitsbedingungen nicht zufrieden – die HSG will die Situation verbessern

Die Universität St.Gallen hat eine Umfrage unter den Doktorierenden durchgeführt. Quintessenz: Die Mehrheit ist mit ihrem Doktorat glücklich. Doch viele bemängeln, dass Betreuer ihre Machtposition ausnutzen. Jetzt fordern die Doktorierenden Veränderung.
Adrian Lemmenmeier
Viele HSG-Doktoranden arbeiten auch am Wochenende. Die Hälfte kann ihre Überzeit nicht kompensieren. (Bild: Urs Bucher (März 2019))

Viele HSG-Doktoranden arbeiten auch am Wochenende. Die Hälfte kann ihre Überzeit nicht kompensieren. (Bild: Urs Bucher (März 2019))

Die gute Nachricht zuerst: 72 Prozent der Doktoranden an der HSG geben an, in ihrem Doktorat glücklich zu sein. Das zeigt eine Umfrage, die von Vertretern der Studierenden und des Mittelbaus der HSG durchgeführt wurde. Zum Mittelbau gehören Forschende ohne Professorentitel: Doktorierende, wissenschaftliche Mitarbeiter oder Lehrbeauftragte. Die Umfrage, die an alle 613 Doktorierenden verschickt wurde und mit 62 Prozent eine hohe Rücklaufquote aufweist, offenbart aber auch weniger Erfreuliches:

23 Prozent der Doktorierenden geben an, mit den Arbeitsbedingungen nicht oder gar nicht zufrieden zu sein. Als Probleme werden unklare Arbeitsbedingungen genannt, fehlende Mitarbeitergespräche oder zu hohe Arbeitsbelastung. Von jenen Doktoranden, die auch an der Universität angestellt sind, bezeichnen 35 Prozent ihren Lohn als unfair.

Viele Doktoranden fühlen sich ausgenutzt

65 Prozent der HSG-Doktoranden sind auch an der Universität angestellt. Sie arbeiten als Assistenten, in Projektarbeit oder in der Administration. Dabei ist der Vorgesetzte fast immer auch die Betreuungsperson für das Doktorat. «Somit befinden sich die Doktorierenden in einem doppelten Abhängigkeitsverhältnis», sagt Gina Di Maio, Co-Autorin der Umfrage. Heisst: Wer sich über seine Arbeitsbedingungen beschwert, muss damit rechnen, dass dies negative Auswirkungen auf die Bewertung seiner Dissertation haben kann.

38 Prozent der Befragten geben denn auch an, dass ihre Betreuungsperson ihre Machtposition ausnutze. Das zeige sich etwa darin, dass Betreuer bei wissenschaftlichen Publikationen von Doktorierenden eine Co-Autorschaft beanspruchen – ohne einen signifikanten Beitrag zur Publikation geleistet zu haben. 19 Prozent der Doktoranden melden dieses Problem. Ebenso werde von 14 Prozent der Doktoranden erwartet, dass sie übers Wochenende arbeiten. Und schliesslich geben 13 Prozent an, dass ihnen schon implizit oder explizit gedroht wurde, sie würden ihren Doktortitel nicht erhalten.

Von den Befragten, die im Bereich Recht an der HSG doktorieren, geben 100 Prozent an, Überstunden zu machen. Bei den Bereichen für Management, Finance, Sozial- und Geisteswissenschaften sind es etwas weniger. Bei der Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften sind es 50 Prozent. 48 Prozent aller Befragten erhalten keine Kompensation für ihre Überstunden.

Der Mittelbau fordert bessere Bedingungen

Die Studentenschaft und der Mittelbau haben aufgrund der Umfrage Empfehlungen an die Universität formuliert. So sollen etwa die Anforderungen an ein Doktorat transparent kommuniziert werden – idealerweise in einer Doktoratsvereinbarung, die von der Universitätsleitung verbindlich festgelegt und kontrolliert wird. Denn die Umfrage hat auch gezeigt, dass jene Doktoranden unzufriedener sind, denen die Arbeitsbedingungen im Vorfeld nicht klar mitgeteilt wurden.

Zudem fordern die Studierenden, die Anzahl der Doktoranden pro Betreuer auf maximal 10 zu begrenzen. Heute kommen teilweise 15 Doktoranden auf eine Betreuungsperson. Auch sollen Forschungskolloquien etabliert werden, in denen die Doktorierenden ihre Arbeiten besprechen. Und Doktoranden sollen einen festgelegten Teil der bezahlten Arbeitszeit für die Arbeit an ihrer Dissertation nutzen können. Die meisten sind in einem 70-Prozent-Pensum angestellt.

Schliesslich soll die Doppelrolle der Betreuer und Vorgesetzten aufgehoben werden, indem ein Komitee – und nicht der Vorgesetzte – Dissertationen begutachtet. Auch soll die Universität durchsetzen, dass Professoren ihren Namen nur dann auf die Papers ihrer Doktorierenden setzen, wenn sie tatsächlich massgeblich an der Entstehung beteiligt waren.

Die meisten Forderungen entsprechen internationalen Standards

Das Rektorat der HSG begrüsst die Umfrage von Studentenschaft und Mittelbau. «Aus Anekdoten hat man schon lange vermutet, dass es mit der Betreuung der Doktorandinnen und Doktoranden nicht immer zum Besten steht», sagt Kuno Schedler, Prorektor Forschung und Faculty. Jetzt aber lägen wissenschaftliche Resultate dazu vor. Schedler erwartet, dass sich allein deshalb die Situation in den einzelnen Bereichen der Universität verbessert.

«Die Resultate werden zu denken geben.»

Zum grossen Teil entsprechen die Empfehlungen der Studierenden und des Mittelbaus Schedler zufolge internationalen Standards. Im schweizweiten Vergleich seien die meisten Punkte aber nicht HSG-spezifisch, sondern träfen auch auf andere Universitäten zu.

Die HSG hat auch von sich aus Massnahmen getroffen, um die Situation zu verbessern. So gibt es seit 2015 Integritätsrichtlinien mit Regelung zur Co-Autorschaft. Auch sei geplant, Betreuung und Bewertung zu entflechten. Bei Problemfällen suche das Rektorat das direkte Gespräch mit den Betreuern. Auch besteht ein Muster für eine Doktoratsvereinbarung. Sie ist allerdings unverbindlich und wird auf freiwilliger Basis unterzeichnet. Seit August ist ausserdem eine Meldestelle für Missstände eingerichtet. Die Universitätsleitung will die Empfehlungen von Studierenden und Mittelbau nun in sämtlichen Gremien der HSG diskutieren und daraus weitere Schritte ableiten. Ergebnisse dazu erwartet man im Frühjahr 2020.

Mit der Rolle des Mittelbaus in der HSG befasst sich auch die Politik. In einer Interpellation fordern SP und Grüne, dass die Universitätsstrukturen bei der Revision des Universitätsgesetzes in Bezug auf den Mittelbau hinterfragt werden. Denn die gut 1300 Mitarbeitenden des Mittelbaus seien in den Gremien der Universität untervertreten und stünden oft in schwierigen Arbeitsverhältnissen, was die Umfrage nun bestätigte.

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