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Universität St.Gallen hält an Lehrstuhl für Ex-Raiffeisen-Präsident fest

Der HSG-Professor Johannes Rüegg-Stürm hat laut der Finanzmarktaufsicht als Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank schwere Fehler gemacht. Die Uni St.Gallen will den Fall erst beurteilen, wenn eine «solide Rechtsgrundlage» vorliegt.
Marcel Elsener

Ausgerechnet in seinem Spezialgebiet Governance, also der Führung von Unternehmen oder öffentlichen Institutionen, hat der ehemalige Raiffeisen-Verwaltungsratspräsident und HSG-Professor Johannes Rüegg-Stürm angeblich versagt. Von Raiffeisen-Genossenschaftsräten war der Professor bereits im Winter kritisiert worden, im März trat er als VR-Präsident zurück; nun wirft ihm die Finanzmarktaufsicht Finma schwere Fehler in den Aufsichts- und Kontrollpflichten vor. An der Universität St. Gallen leitet Rüegg-Stürm das Forschungszentrum Organization Studies (seit 2002) und ist Direktor am Institut für Systemisches Management und Public Governance (seit 2010); zuvor war er am Institut für Betriebswirtschaft tätig.

Seit Bekanntwerden des Finma-Berichts drängte die Frage, wie die HSG auf die Vorwürfe gegen ihren langjährigen Professor reagieren würde. Nun hat die Leitung der Universität St. Gallen am Dienstag erstmals Stellung genommen: Knapp und trocken lässt sie über ihren Mediensprecher Jürg Roggenbauch ausrichten, dass sie «die von der Finma vorgelegte öffentliche Zusammenfassung des Untersuchungsberichts und die damit verbundenen Vorwürfe gegen den ehemaligen Verwaltungsrat der Raiffeisen Schweiz zur Kenntnis nimmt». Die «aktive praktisch-unternehmerische Erfahrung» der Professoren werde von der Universität begrüsst und gehöre zu ihrem Profil; die Nebentätigkeit von ­Rüegg-Stürm bei Raiffeisen Schweiz sei aufgrund des Nebentätigkeitsreglements bewilligt und sein Anstellungsgrad bei der Uni reduziert worden. Wie bei allen Dozierenden wurden Professor Rüegg-Stürms Tätigkeiten in Forschung und Lehre regelmässig überprüft: Er sei «seinen Verpflichtungen jederzeit nachgekommen», heisst es.

Auszeit aus freien Stücken und schon länger geplant

Die HSG-Leitung sieht also keinerlei Anlass, ihren öffentlich stark kritisierten Public-Governance-Experten aus der Schusslinie zu nehmen. Doch wird der Professor im nächsten halben Jahr auf dem Rosenberg keine Vorlesungen mehr halten: Er nimmt ab Herbst 2018 eine Auszeit. Oder wie es in der Mitteilung heisst:

"Er hat sich entschieden, das von ihm aufgrund seines bisherigen Mandats bei Raiffeisen bislang aufgeschobene Forschungsfreisemester zu beziehen, und wird somit während dieser Zeit nicht in der Lehre tätig sein."

Hat die HSG ihrem kritisierten Professor diese Auszeit empfohlen? Keineswegs, wie Ulrike Landfester, Prorektorin Aussenbeziehungen der Universität St. Gallen, betont: «Professor Rüegg-Stürm hat dies selber entschieden und schon länger geplant.» Dass er nach dem Ende seines Mandats bei Raiffeisen das aufgeschobene – und an der HSG sonst alle sieben Jahre übliche – Forschungsfreisemester beziehen werde, sei ein «völlig normaler Prozess und kausal nicht mit den Vorwürfen verbunden», sagt Landfester. Die Auszeit als Zeichen für einen möglichen Abgang zu deuten, sei «völlig aus der Luft gegriffen». Die Universität sei als öffentliche Institution «an ein Regelwerk gebunden» und «schiebe nicht jemanden ab, der dem Hörensagen nach Fehler gemacht haben soll».

Untersuchung und Urteil erst mit «solider juristischer Grundlage»

Demnach alles in Ordnung für die HSG im Fall Rüegg-Stürm? «Eine sehr grosse Frage», meint die Prorektorin. «Sicher nicht ‹alles in Ordnung›, aber solange keine solide juristische Grundlage vorliegt, können wir den Sachverhalt nicht abschliessend klären. Die Vorwürfe sind noch überhaupt nicht geklärt.» Man werde das weitere Verfahren im Rektorat und Unirat «aufmerksam verfolgen» und mit den Vereinbarungen der Universität überprüfen. Doch sei der Finma-Untersuchungsbericht erst in der vorliegenden Zusammenfassung öffentlich und gebe es keine juristischen Konsequenzen. Folglich könne von Massnahmen seitens der Uni noch keine Rede sein, betont Ulrike Landfester:

«Von aussen können wir tatsächlich nicht beurteilen, was wirklich vorgefallen ist und welche Einflüsse der Verwaltungsrat hatte.»

Droht der HSG nicht ein Reputationsschaden, zumal der Professor just das lehrt, was er in der Raiffeisen-Praxis selber vernachlässigte? Davon will Prorektorin Landfester nichts wissen und kehrt die Frage um: «Was wären wir denn für eine Uni, wenn wir einen Professor aufgrund von Vermutungen fallen lassen würden?» Damit wolle sie nicht anzweifeln, dass die Finma recht haben könnte. «Die Universität St. Gallen weiss um ihre Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit, aber wir haben auch eine Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern. Fairness muss für alle gelten.»

Es bräuchte viel, bis sich die HSG von einem Professor trennen würde. Es habe in jüngster Zeit (seit 2002) «keine einseitige Auflösung eines Arbeitsverhältnisses mit einem Ordentlichen Professor seitens der HSG» gegeben, sagt Mediensprecher Jürg Roggenbauch. In Erinnerung ist der allerdings kaum vergleichbare Fall des kritischen Wirtschaftsethikers Ulrich Thielemann, der mit einer Rüge endete – und mit der Wahl neuer, genehmer Professoren fürs Fach.

Von guter Unternehmensführung keine Spur

«Wollen Sie im Juni für weitere zwei Jahre als Präsident von Raiffeisen antreten?» Das fragte die «NZZ am Sonntag» Johannes Rüegg-Stürm vor gut zweieinhalb Monaten in seiner damaligen Eigenschaft als Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen Schweiz. Und der Professor antwortete in der Ausgabe vom 4. März tapfer: «Ja, ich werde im Juni wieder kandidieren.» Vier Tage später wurde sein sofortiger Rücktritt verkündet. Am Tag danach verlas Rüegg-Stürm vor den Medien ein kurzes Statement, dann verliess er zügig den Raum; von lästigen Journalisten, die ihm nachgeeilt waren, wurde er abgeschirmt durch Rita Fuhrer. Die alt Regierungsrätin sitzt seit vergangenem Samstag auch nicht mehr im Raiffeisen-Verwaltungsrat, obwohl sie in dem Gremium noch bis Mitte 2019 hatte ausharren wollen.

Die Hakenschläge zeigen: Die Versäumnisse des Raiffeisen-Verwaltungsrates punkto Corporate Governance, also guter Unternehmensführung, sind derart gravierend, dass Aussitzen der Affäre keine Alternative mehr ist. Hatte man bei der Genossenschaftsbank zunächst gehofft, mit dem Opfern Rüegg-Stürms den Sturm überstehen zu können, so ist inzwischen klar, dass praktisch die ganze alte Garde im Aufsichtsgremium hinweggefegt wird. Schon die Strafuntersuchung und die Vorwürfe gegen den früheren Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz hatten den Verwaltungsrat in einem fahlen Licht erscheinen lassen. Vergangene Woche dann lieferte die Finanzmarktaufsicht mit ihren Befunden betreffend Corporate Governance an oberster Stelle der Bank zahlreiche und erschreckende Belege über das kollektive Versagen des Aufsichtsgremiums, vor allem im Zeitraum 2012 bis 2015. In dieser Periode in der Hauptverantwortung: Johannes Rüegg-Stürm, der den Verwaltungsrat ab 2011 bis Anfang März 2018 präsidierte.

Ein ganzer Katalog an Verstössen und Unterlassungen

Die Finma-Feststellungen legen nahe, dass der Verwaltungsrat seine Arbeit nicht nur nicht richtig gemacht hat, sondern gar nicht. So hat das Gremium seine Aufsichtspflicht über den Chef vernachlässigt. Ob der Verkauf eines Minderheitsanteils am Beteiligungsvehikel Investnet durch Raiffeisen an Vincenz, Kreditvergaben an ihn oder teils erhebliche Überschreitungen seines Spesenbudgets – wiederholt und systematisch hat das Gremium weggeschaut, Prüf-, Kontroll- und Genehmigungspflichten verletzt, das Risikomanagement schleifen lassen und Interessenkonflikte nicht mit der nötigen Sorgfalt gehandhabt.

So hat es der Verwaltungsrat unter dem Vorsitz von Präsident Rüegg-Stürm Vincenz erlaubt, nach Belieben zu schalten und walten – und es ihm «zumindest potenziell» ermöglicht, «eigene Vorteile auf Kosten der Bank zu erzielen». Dieser Befund birgt Zündstoff. Er besagt, dass Vincenz die Chance eingeräumt worden ist, der Bank einen finanziellen Schaden zuzufügen und sich in diesem Zusammenhang persönlich zu bereichern. Ob es tatsächlich dazu gekommen ist und mittels strafbarer Handlungen, muss die Strafuntersuchung der Zürcher Staatsanwaltschaft zeigen. Bewahrheitet sich dieser Verdacht, hängt der Verwaltungsrat samt Rüegg-Stürm als Folge der Verletzungen der Aufsichtspflicht mit drin. Und das würde dann auch den Weg ebnen für Verantwortlichkeitsklagen gegen die Mitglieder des Gremiums. (T.G)

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