HSG-CS-Kooperation
«Die Freiheit der Lehre ist gefährdet»: Links-Grün kritisiert das Engagement der Credit Suisse an der HSG – bürgerliche Parteien sind dagegen erfreut

Die Grossbank Credit Suisse nimmt 20 Millionen für ein Forschungszentrum an der HSG in die Hand. Das kommt nicht überall gut an.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Die Credit Suisse sponsert am Rosenberg den Aufbau von sieben Assistenzprofessuren.

Die Credit Suisse sponsert am Rosenberg den Aufbau von sieben Assistenzprofessuren.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Praxisorientierte Spitzenforschung will die HSG betreiben, nah am Puls der Wirtschaft. Zu diesem Credo passt die am Montag bekanntgegebene Zusammenarbeit mit der Grossbank Credit Suisse. Diese will 20 Millionen Franken aufwerfen, um damit hauptsächlich ein Zentrum für Innovation im Finanzbereich aufzubauen. Ähnliche Kooperationen betreibt die HSG bereits mit anderen Unternehmen. Etwa mit Bosch, BMW, Hilti oder den SBB. Jene mit der Credit Suisse aber ist die bisher grösste, wie Rektor Bernhard Ehrenzeller vor den Medien sagte.

Bei privat finanzierten Lehrstühlen stellt sich die Frage nach der Unabhängigkeit von Forschung und Lehre. Diese sei gewährleistet, betonten Vertreter von HSG und Credit Suisse. «Die akademische Freiheit der HSG ist zentral», beteuerte CS-Chef André Helfenstein. «Ich begebe mich nicht in Knechtschaft der Credit Suisse», versicherte Manuel Ammann, designierter Leiter des Zentrums.

Links-Grün: «Hoch problematisch und riskant»

Linke Politiker sind allerdings skeptisch. «Die SP steht dem Engagement der CS an der Universität St.Gallen äusserst kritisch gegenüber», sagt Fraktionspräsidentin Bettina Surber.

Bettina Surber, Fraktionspräsidentin SP St.Gallen.

Bettina Surber, Fraktionspräsidentin SP St.Gallen.

Bild: Regina Kühne
«Die Freiheit der Lehre ist ein hohes Gut und wenn sich eine Grossbank quasi ein eigenes Zentrum an der Universität leistet, so sehen wir diese gefährdet.»

Die Vergangenheit habe schliesslich gezeigt, dass die starke Verzahnung der Universität mit der Privatwirtschaft problematisch sei. Angesichts der derzeitigen globalen Probleme, «insbesondere des Klimawandels und der Pandemierisiken», brauche es die Bereitschaft, die aktuellen Wirtschaftsstrukturen zu überdenken, wobei auch die Universität St.Gallen gefragt sei. «Das Engagement der Grossbank CS ist da nicht gerade das richtige Zeichen.»

Meinrad Gschwend, Fraktionspräsident der St.Galler Grünen.

Meinrad Gschwend, Fraktionspräsident der St.Galler Grünen.

Bild: Benjamin Manser

Ins gleiche Horn stösst Meinrad Gschwend, Fraktionspräsident der Grünen. «Die Reputation der Universität St.Gallen ist durch die Skandale und Affären der letzten Jahre ohnehin angeschlagen.» Dass man zum jetzigen Zeitpunkt eine Partnerschaft mit der Credit Suisse eingehe, sei «hoch problematisch und riskant». Alleine der Greensill-Skandal in Deutschland, «der die CS und ihre Kundinnen wohl Milliarden kosten wird», werfe kein gutes Licht auf diesen Deal, so Gschwend. Auch er sieht die Lehrfreiheit gefährdet:

«Es ist davon auszugehen, dass dort geforscht wird, wo es für die Geldgeber im Sinne einer Gewinnmaximierung interessant ist.»

Ausserdem setze die HSG mit solchen Partnerschaften alles daran, ein Finanzsystem zu erhalten, das nachweislich für die ökologische Misere mitverantwortlich sei. «Eine verpasste Chance», sagt Gschwend.

FDP: «Zusammenarbeit verbessert die Eigenfinanzierung»

Ganz anders sind die Reaktionen im bürgerlichen Lager. Die FDP begrüsse das Engagement der Credit Suisse an der HSG, sagt Parteipräsident Raphael Frei:

Raphael Frei, Präsident der St.Galler FDP.

Raphael Frei, Präsident der St.Galler FDP.

Benjamin Manser
«Es verbessert die Eigenfinanzierung und trägt wesentlich zur Stärkung und Erweiterung des bestehenden Netzwerks zwischen Universität und Privatwirtschaft bei.»

Die Universität St.Gallen weist einen Selbstfinanzierungsgrad von rund 50 Prozent aus. Das heisst, dass sie ihren Aufwand gut zur Hälfe aus Zuschüssen von Forschungseinrichtungen, Kooperationen mit Privaten, Studiengebühren oder Einnahmen aus der Weiterbildung deckt. Im Vergleich zu anderen Schweizer Universitäten, die allerdings ein breiteres Lehrangebot haben, ist der Anteil der staatlichen Grundfinanzierung bei der HSG tief. Auch bezahlt der Kanton St.Gallen verhältnismässig wenig für seine Uni (siehe Grafiken).

Anteil der öffentlichen Grundfinanzierung der grössten Schweizer Universitäten (2019)

in Prozent. (Beiträge von Bund, Standortkanton und der übrigen Kantone zusammengenommen)
Zürich
Bern
Genf
Lausanne
Basel
Fribourg
St.Gallen
Neuchâtel
020406080.

Beitrag des Stadortkantons am Gesamtaufwand seiner Universität (2019)

in Prozent, geordnet nach Grösse der Universität
Zürich
Bern
Genf
Lausanne
Basel
Fribourg
St.Gallen
Neuchâtel
01020304050.

Die Freiheit von Forschung und Lehre werde durch vertragliche Vereinbarungen sichergestellt, so Frei weiter. Mit einem Ausbau im Finanzbereich stärke die Universität einen ihrer Kernbereiche. «Programme in diesem Bereich geniessen weltweit beste Rankings.»

Patrick Dürr, Präsident der St.Galler CVP.

Patrick Dürr, Präsident der St.Galler CVP.

Bild: Benjamin Manser

Auch Patrick Dürr, Präsident der St.Galler CVP, macht sich keine Sorgen um die akademische Unabhängigkeit der Universität. Wenn diese die Vorgaben des Universitätsgesetzes und die hauseigenen «Grundprinzipien zur Selbstfinanzierung» beachte, sei die Freiheit von Forschung und Lehre nicht gefährdet.

«Die Universität St.Gallen geht seit Jahren strategische Kooperationen mit Unternehmen ein.»

Die Verbindung von Forschung und Praxis sei wichtig. Die HSG müsse ihre Exzellenz wahren und weiterentwickeln. «Nach der Coronapandemie werden gerade Wirtschafts- und Finanzfragen von hoher Bedeutung sein.»