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Homeschooling in der Ostschweiz: Wenn die Mutter in der Stube unterrichtet

Endlich Sommerferien. Auch für Familie Aubert aus Herisau. Aber selbst wenn Schule ist, sind die drei Kinder daheim: Ihre Mutter unterrichtet sie zu Hause. Ein neues Gesetz könnte die Vorgaben dafür verschärfen.
Katharina Brenner
Esther Aubert unterrichtet ihre drei Kinder Leon, Lorin und Lara-Luisa (von links) in der Wohnstube in Herisau. Bild: Ralph Ribi

Esther Aubert unterrichtet ihre drei Kinder Leon, Lorin und Lara-Luisa (von links) in der Wohnstube in Herisau. Bild: Ralph Ribi

Die fünfjährige Lara-Luisa führt in ihrem Kaufladen Apfelsaft, Waschmittel, Gemüse und einen Toaster. Als Verkäuferin dürfe sie sich einen Namen aussuchen, sagt ihre Mutter. Lisa. Schon kommt der erste Kunde. «Grüezi, Frau Lisa», begrüsst der siebenjährige Lorin seine Schwester und reicht ihr ein Buch. Frau Lisa fragt: «Mami, wie viel kostet das?» «60 Rappen.» Lorin gibt der Schwester drei mal zwanzig Rappen. Frage der Mutter: «Wie viel Geld hast du jetzt noch?» Der Bub schaut auf die Spielgeldmünze in seiner Hand: «20 Rappen». Stimmt.

Mathematikunterricht daheim in Herisau. Esther Aubert unterrichtet ihre drei Kinder zu Hause. Während sich die beiden Jüngeren beim Besuch vergangene Woche mit Geld beschäftigen, übt der achtjährige Leon Silbentrennung. «Fern-seh-pro-gramm». Mensch und Umwelt, Deutsch, Lesen, Englisch, Mathe, Musik, Gestalten und Turnen – diese Fächer umfasst der Stundenplan der Auberts. Wie gleichaltrige Schulkinder auch haben sie jetzt Sommerferien.

Lehrerausbildung in Ausserrhoden kein Kriterium

Einmal im Jahr müssen die Kinder standardisierte Leistungstests ablegen. Dies gilt ab der zweiten Klasse. Lorin legt nächstes Schuljahr seinen ersten ab. Leon hat im Frühjahr den für die dritte Klasse bestanden. «Der Übergang von der einen zur anderen Stufe ist bei uns eher fliessend», sagt Esther Aubert. Sie weiss, wovon sie spricht: Die 38-Jährige ist Primarlehrerin.

«Es kam mir paradox vor, meine Kinder von anderen unterrichten zu lassen, während ich fremde Kinder unterrichte.»

Dass sie Lehrerin ist, ist in Appenzell Ausserrhoden keine Voraussetzung für häuslichen Unterricht; eine Ausnahme im Ostschweizer Vergleich. 34 Schülerinnen und Schüler aus 22 Familien werden hier zu Hause unterrichtet. Im Thurgau sind es zehn. In Innerrhoden und St. Gallen: kein einziges Kind. «Der St. Galler Erziehungsrat wertet die soziale Durchmischung und Verständigung aller Bevölkerungsschichten durch den gemeinsamen Schulbesuch als Grundpfeiler unserer Gesellschaft», sagt Alexander Kummer, Leiter des St. Galler Amts für Volksschule. Der Erziehungsrat sei der Meinung, dass für die Entwicklung der Sozial- und Selbstkompetenz eine Auseinandersetzung mit anderen Kindern sehr wichtig sei und eine Isolierung im Rahmen des Homeschoolings nicht im Interesse der Kinder.

Was sagen Esther Aubert und ihr Mann André zu dieser Kritik? Sie betonen die gute Nachbarschaft: Familien mit fünf, vier und drei Kindern. Donnerstags gehen ihre Kinder zum Turnen an die christliche Privatschule Visionja, samstags in die Cevi. Welche Rolle spielte Religion beim Entscheid für häuslichen Unterricht? Manchmal würden sie biblische Geschichten lesen oder christliche Lieder singen, aber die Religion habe nicht den Ausschlag gegeben.

Religion und Reformpädagogik als Gründe

In anderen Fällen tut sie das, weiss Franziska Vogt, Leiterin des Instituts für Lehr-Lernforschung an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen:

«Häuslicher Unterricht wird international gesehen oft von stark christlich oder muslimisch orientierten Gruppen gewählt.»

Ein Grund könne sein, dass Kinder wegen der Kultur oder Religion ihrer Familie in der Schule ausgegrenzt werden und Eltern ihre Kinder deshalb aus der Schule nehmen. In der Schweiz unterrichten Eltern ihre Kinder oft aus reformpädagogischen Gründen daheim.

Vor- oder Nachteile von häuslichem Unterricht könnten mit Forschungsresultaten internationaler Studien nicht untermauert werden, sagt Vogt. Für das Bestehen der Demokratie wäre gemäss der Wissenschafterin aber der Idealfall, dass alle Kinder die Volksschule besuchen und Eltern sicher sein können, dass ihren Bedürfnissen und der sozialen Integration Rechnung getragen wird. In der Schweiz werden schätzungsweise mehr als 1500 Kinder daheim unterrichtet – dadurch wird die Demokratie kaum gefährdet. Doch das Modell ist beliebt: Die Zahl hat sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt.

Verein ist gegen Verschärfung des Schulgesetzes

Der Verein Bildung zu Hause setzt sich für die Interessen der Familien ein: Unterrichtsfreiheit und minimale gesetzliche Auflagen. Seit fast einem Jahr gibt es den Verein in Ausserrhoden mit 19 Mitgliedsfamilien. Die Auberts sind eine davon. Eigentlich sei es ungerecht, dass seine Familie Steuern zahle für Schulen, während seine Frau keinen Lohn erhalte und sie für sämtliche Materialien und Lehrbücher aufkommen müssten, sagt André Aubert.

Die Ausserrhoder Sektion setzt sich dafür ein, dass die Regeln für häuslichen Unterricht im neuen Schulgesetz nicht verschärft werden. Alexandra Schubert, beim Departement Bildung und Kultur zuständig für Alternative Schulung und Privatschulung, sagt zur Totalrevision: Es sei denkbar, dass es Änderungen bezüglich der Voraussetzungen der mit der Lehrfunktion betrauten Erziehungsberechtigten geben könnte oder hinsichtlich des Controllings Anpassungen gemacht werden.

Vergleich mit Buschauffeur ohne Fahrpraxis

Michael Weber, Präsident des Ausserrhoder Lehrerverbands, würde das begrüssen. Bildung sei das höchste Gut in unserer Wissensgesellschaft, die Anforderungen an Lehrer hoch – fachlich, pädagogisch, didaktisch. «Würden Sie in einen Zug oder einen Bus einsteigen, der von jemandem gesteuert wird, dessen Vorkenntnisse darauf beruhen, selber auch schon Zug oder Bus gefahren zu sein, sonst aber keinerlei Ausbildung für seine Aufgabe mitbringt?»

Die Kinder der Familie Aubert wirken im Unterricht motiviert und ruhig. «Manchmal ist die Konzentration ein Problem», sagt die Mutter. Es sei eine Herausforderung, drei Kinder gleichzeitig mit unterschiedlichen Aufgaben zu beschäftigen. Aubert dokumentiert den Unterricht; die Unterlagen reicht sie beim Departement Bildung und Kultur ein. «Bei Bedarf aus Sicht der Aufsichtsbehörde oder auf Wunsch der Erziehungsberechtigten finden Unterrichtsbesuche statt», sagt Alexandra Schubert. Familie Aubert kenne sie relativ gut, sie stehe in regelmässigem Kontakt.

Kinder helfen im Haushalt und Garten mit

Es gibt einen weiteren Grund, warum Esther Aubert ihre Kinder zu Hause unterrichtet: In der Schule fehle das Lebenspraktische. «Waschen und Kochen gehören bei uns dazu.» Regelmässig hilft Leon seinem Vater. Der 50-Jährige ist selbstständig im Bereich Gartenpflege und Gartenbau. Zum Znüni um 10.30 Uhr vergangene Woche kommt er in die Stube:

«Wir haben uns riesig über die ersten Schritte der Kinder gefreut. Jetzt können wir sehen, wie sie schreiben und rechnen lernen.»

Wie lange sie ihre Kinder zu Hause unterrichten, lassen die Eltern offen. Möglich wäre dies während der gesamten obligatorischen Schulzeit. Also auch in der Pubertät, in der viele Jugendliche Grenzen austesten. Wäre es da nicht angenehmer, einen Teil dieser Rebellion in die Schule auszulagern? «Wenn die Beziehung zu den eigenen Kindern heil und nah ist, kann Rebellion besser aufgefangen werden», sagen die Eltern. Esther Aubert fügt hinzu, dass sie das in ihrer Familie selbst erlebt habe.

Während die Eltern reden, faltet Lorin einen Papagei; Leon setzt einen Strich zwischen «Fens» und «ter». Fühlen sich die Buben ausgeschlossen, wenn andere Kinder beim Turnen oder auf dem Spielplatz von Erlebnissen in der Klasse erzählen? «Nein», sagen beide. Würden sie gerne zur Schule gehen? Leon zuckt mit den Schultern. Er überlegt lange und sagt dann: «Nein. Ich weiss ja gar nicht, wie das ist.»

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