HOMESCHOOLING: Daheim zur Schule

Eltern dürfen ihre Kinder zu Hause unterrichten, anstatt sie in die Volksschule zu schicken. Allerdings nicht überall zu denselben Bedingungen. Und diese werden verschärft: Das als liberal geltende Ausserrhoden wird seine Schulgesetzgebung ändern.

Julia Nehmiz
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Zu Hause statt in der Primarschule werden in der Ostschweiz aktuell rund 45 Kinder unterrichtet. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Zu Hause statt in der Primarschule werden in der Ostschweiz aktuell rund 45 Kinder unterrichtet. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Julia Nehmiz

julia.nehmiz@ostschweiz-am-sonntag.ch

Lisa zum Beispiel. Die 20-jährige Thurgauerin hat als Kind nie eine Schule besucht. Und trotzdem Matura gemacht. Beim Lösen eines Kreuzworträtsels fand sie mit 15, sie müsse mehr für ihre Bildung tun. Also wechselte sie auf eine Privatschule – und fand mühelos Anschluss an die Schulwelt, die ihr bis dahin fremd war.

Erfolgsgeschichten wie diese werden gerne genannt, wenn es ums Thema Homeschooling geht. In der Schweiz werden schätzungsweise 700 bis 1000 Kinder zu Hause unterrichtet, von den Eltern, von privat angeheuerten Lehrpersonen. Doch nicht überall ist das möglich: Wäre Lisa in St. Gallen aufgewachsen, sie hätte wohl eine Volksschule besuchen müssen.

Strenge Richtlinien in St. Gallen

«Eine Bewilligung für privaten Einzelunterricht wurde vom Erziehungsrat letztmals 2005 erteilt», sagt Alexander Kummer. Der Leiter des Amts für Volksschule betont, dass Homeschooling im Kanton im Prinzip bewilligt werden kann, aber fast nie bewilligt wird: «Im Vergleich mit anderen Kantonen sind unsere Vorgaben strenger.» Eine der wesentlichen Vorgaben, die ein Homeschooling in St. Gallen fast verunmöglichen: Die Erziehung des Kindes zur Gemeinschaftsfähigkeit muss sichergestellt sein. «Es reicht nicht, dass das Kind am Nachmittag in einen Verein geht», sagt Kummer. Das sei ein freiwilliger sozialer Kontakt. Im Klassenverband müsse man mit allen Kindern in Kontakt treten. Diese integrative Funktion des Unterrichts in der Klasse könne nicht so einfach ersetzt werden. Einzelunterricht daheim oder nur mit den Geschwistern ist im Kanton St. Gallen somit praktisch nicht möglich. Den Eltern scheint dies bewusst zu sein, in den vergangenen zwei Jahren wurde nur ein Homeschooling-Gesuch gestellt – und abgelehnt.

Vielleicht ziehen potenzielle Homeschooler nach Appenzell Ausserrhoden? Der Kanton gilt als einer der liberalsten, was Privatunterricht angeht. «Ich bin mir nicht so sicher, ob wir das tatsächlich sind», sagt Alexandra Schubert vom Ausserrhoder Amt für Volksschule. «Unsere Zugangskriterien sind vielleicht einfacher zu erfüllen, aber bei der Kontrolle bewerten wir mehr Aspekte als andere Kantone.» Aktuell werden 36 Kinder (in 18 Familien) zu Hause unterrichtet. Diese müssen Tests schreiben und belegen, dass sie über einen altersgemässen Wissensstand verfügen. «Der Übertritt in die Volksschule muss jederzeit gewährleistet sein», sagt Schubert. Die Eltern müssen regelmässig Reflexionsberichte abliefern. Sie müssen anerkannte Lehrmittel verwenden, Buch führen über Stundenplan und Stundentafel. Die Bewilligung für privaten Unterricht wird auf zwei Jahre erteilt, dann wird erneut entschieden. «Es melden sich immer wieder Zuzüger aus anderen Kantonen», sagt Schubert. «Wir zeigen ihnen transparent auf, mit welchen Auflagen Homeschooling verbunden ist.» Oft würden Familien dann doch nicht umziehen. In Ausserrhoden braucht es zwar kein Lehrerdiplom, um seine Kinder daheim zu unterrichten. Doch man muss qualifiziert sein. Für den Englischunterricht muss vielleicht ein Privatlehrer angestellt werden. Doch auch in Ausserrhoden ändert sich das eventuell bald: Die Schulgesetzgebung steht vor einer Totalrevision. Verschiedene Szenarien seien denkbar, sagt Schubert. Möglicherweise brauche es dann auch in Ausserrhoden ein Lehrerdiplom, um Kinder daheim zu unterrichten.

Privatunterricht, um Ferien zu verlängern

Im Thurgau ist dies bereits Standard: Homeschooling ist nur mit Lehrer möglich. Dafür kann man im Thurgau schon für sechs Wochen Privatunterricht beantragen. Aktuell werden acht bis zehn Kinder zu Hause beschult, sagt Beat Brüllmann, Chef des Amts für Volksschule. Bis letztes Jahr konnte man sogar für nur zwei oder drei Wochen Homeschooling beantragen. Doch manche Eltern nutzten dies gern, um die Weihnachtsferien bis zu den Sportferien zu verlängern. Seit die neue Regelung in Kraft ist, kommt das nicht mehr vor.

Hinweis

«Homeschooling – Der andere Weg zur Bildung», Dok-Film, 25.5., 20.05 Uhr, SRF1