HOCHWASSERSCHUTZ: Für naturnahen Alpenrhein

WIDNAU. Umweltverbände aus der Schweiz, Österreich und Liechtenstein überreichen den Regierungen eine Petition für die rasche Umsetzung von Hochwasserschutz und Raumsicherung am Alpenrhein.

Marcel Elsener
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Unterschriften, Steine, Gummistiefel: Umweltengagierte und Regierende gestern bei der Petitionsübergabe im Rheinvorland von Widnau. (Bild: Hanspeter Schiess)

Unterschriften, Steine, Gummistiefel: Umweltengagierte und Regierende gestern bei der Petitionsübergabe im Rheinvorland von Widnau. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Hochwasserschutz Jetzt» nennt sich die Petition mit 2680 Unterschriften, die Umweltverbände aus St. Gallen, Vorarlberg, Liechtenstein und Graubünden am gestrigen Tag des Wassers auf dem Rheinvorland bei Widnau ihren jeweiligen Regierungen überreicht haben.

Dazu gab es für den St. Galler Regierungsrat Willi Haag, den Vorarlberger Landesrat Erich Schwärzler und die Liechtensteiner Regierungsrätin Renate Müssner ein Paar Gummistiefel mit Aufdruck «Lebendiger Alpenrhein», «damit sie

beim nächsten Hochwasser gewappnet sind oder aber durch ein renaturiertes Flussstück waten können», wie es hiess. Ausserdem wartet auf die Umweltminister der Schweiz und Österreichs, Moritz Leuenberger und Nikolaus Berlakovich, zusammen mit der Petition gewichtige Post: ein Stein aus dem Rhein.

Einst ein Ritt nach Wien

Der Kieselbrocken soll die Umweltminister an den mit der Klimaerwärmung nicht mehr gewährleisteten Hochwasserschutz am Alpenrhein erinnern

und zu einer raschen Unterschrift unter den vierten Staatsvertrag zwischen den Ländern bewegen. Die Petition fordert nebst der raschen Anpassung des Vertrags die sofortige raumplanerische Sicherung der notwendigen Flächen für Notentlastungsräume und Flussaufweitungen. Es sei «hoch an der Zeit, wieder einmal nach Wien zu reiten», sagte Rainer Siegele, Bürgermeister der Vorarlberger Gemeinde Mäder, «um einen ökologisch verträglichen Hochwasserschutz am Rhein zu erreichen».

Damit spielte Siegele auf den legendären Bittritt eines seiner Amtsvorgänger an, der 1824 tatsächlich nach Wien geritten war, um beim Kaiser Hilfe für Dämme und Wuhrköpfe zu erwirken.

«Wasser in Rhein getragen»

Auf schweizerischer Seite erinnerte Walter Grob, Präsident der ebenfalls jahrhundertelang von Hochwassern geplagten Gemeinde Au, daran, dass der Rhein «trotz Regulierung nach wie vor ein gefährliches Gewässer» sei.

Der verbesserte Schutz für den Alpenrhein freilich ist schon aufgegleist – zumindest auf dem internationalen Abschnitt zwischen Illmündung und Bodensee, wie der österreichische Rheinbauleiter Martin Weiss erklärte und eine Liste laufender Projekte skizzierte (vgl. Ausgabe vom Freitag). Wie sein Vorarlberger Kollege betonte der St.

Galler Regierungsrat Willi Haag – auch als Mitglied der Internationalen Regierungskommission Alpenrhein (Irka) – das nötige Zusammenspannen aller Kräfte bei diesem «Generationenprojekt». Das 2005 beschlossene umfassende Entwicklungskonzept vor Augen, sehe er «fast keine Probleme bei dieser Petition», sagte Haag; man könne gar von «offene Türen einrennen» und «Wasser in den Rhein tragen» reden.

Raumsicherung geht vor

Die konkrete Differenz zu den Umweltverbänden sehe er einzig beim Zeitplan. Doch wem «es zu langsam geht», müsse bedenken, welch «riesiges, komplexes, zeitaufwendiges Projekt» der zukünftige Alpenhrein sei, so Haag. Beim Linth-Werk, wo es mit vier Kantonen und einem klaren Kostenverteiler um 23 Kilometer (gegenüber 95 am Rhein) gegangen sei, habe man vom Konzept bis zum Bau acht Jahre gebraucht – «das bitte ich in Relation zu setzen», meinte Haag.

Ein fertiges Projekt auszuarbeiten mache bei einem derart gewaltigen Vorhaben keinen Sinn; vielmehr gelte es das Konzept gebietsweise der konkreten Umsetzung anzunähern. Heisst: «Wir müssen zunächst Räume sichern, Wasserabstandslinien bezeichnen, Richtpläne erstellen.»

Knackpunkt Raumplanung

In diesem Punkt aber warten die Auseinandersetzungen, wie Anita Mazzetta vom WWF Graubünden aufzeigte.

Nach den «vielen Papieren» seien die Gemeinden in Sachen Raumplanung gefordert, doch dieser Prozess stocke. Kürzlich hat der WWF bei der Gemeinde Haldenstein eine Ausscheidung für die gewünschte Aufweitung eingereicht – in Konkurrenz zum dortigen Kiesabbau und einer Windanlage. Das Problem laut Mazzetta: «Wenn Gemeinden ihre Ortspläne im Sinne der Alpenrhein-Entwicklung revidieren sollten, fehlt schnell das Verständnis fürs Ganze.»

Ein weiteres Problem sehen die Umweltverbände beim Spardruck und demnach Budgetkürzungen für Ökologie. Auch aus diesem Grund drängen sie laut ihrer Projektbeauftragten Claudia Friedl auf Mitspracherecht. Und auf eine Pilotstrecke zwischen Lustenau und Fussach, um mit einer Aufweitung innerhalb der Dämme die schwer vorhersehbaren Reaktionen des Rheins zu erproben.

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