Hochwasser
Die Hochwassergefahr am Bodensee steigt – ab Freitag muss mit Überschwemmungen gerechnet werden

Die Hochwassergefahr am Bodensee steigt, Ende dieser Woche dürfte der Höchststand erreicht werden. Im Gegensatz zu kleineren Flüssen dürfte der Rhein aber in seinem Bett bleiben.

Marcel Elsener und Dinah Hauser
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An manchen Stellen wie hier auf der östlichen Seeuferpromenade in Rorschach schwappt der See bei Wellengang bereits über das Ufer.

An manchen Stellen wie hier auf der östlichen Seeuferpromenade in Rorschach schwappt der See bei Wellengang bereits über das Ufer.

Bild: Ralph Ribi (13. Juli 2021)

Drohen auch am Bodensee Überschwemmungen? Auf die bange Frage in Ostschweizer Uferorten haben die Fachleute derzeit folgende Antwort: Ja, wahrscheinlich wird die Hochwassergrenze am Freitag erreicht, und da und dort ist mit kleineren Überschwemmungen zu rechnen.

Am Dienstagnachmittag stand der Wasserpegel in Romanshorn bei 396,75 Meter über Meer, es fehlten noch zehn Zentimeter bis zur Gefahrenstufe 3 (erheblich). «Der Pegel wird weiter ansteigen, besonders gegen Ende der Woche hin», sagt David Volken, Hochwasserexperte im Bundesamt für Umwelt (Bafu).

«Ziemlich sicher werden wir die Gefahrenstufe für den Bodensee anheben müssen, auf Stufe 3 und eventuell auch Stufe 4.»

In den nächsten Tagen erwartet Volken starke Regenfälle in der Ostschweiz. Die Hochwassergrenze werde demnach «mit hoher Wahrscheinlichkeit» erreicht, «mit Potenzial für Überschwemmungen».

Da und dort schwappt der See über das Ufer

Wenn der Wasserstand 396,9 Meter erreicht, ist die Gefahr erheblich: Ab dann schwappt der Bodensee da und dort über das Ufer beispielsweise vor der Badhütte in Rorschach, wo dies bei hohem Wellengang bereits jetzt der Fall ist. Von den Hochwassern wie 2016 (höchster Pegelstand in Romanshorn 397,35) und 1987 (397,6) und erst recht dem «Jahrhundert-Hochwasser» von 1999, als der See fast die 398er-Grenze erreichte (397,9), sind wir aber noch weit entfernt. «Und die Prognosen deuten auch nicht in diese Richtung», stellt Volken fest.

Auf der Hut sein und Sandsäcke oder anderes Schutzmaterial zumindest parat zu haben, lautet die Empfehlung am Bodensee. Von Alarmstimmung ist bei erfahrenen Seebuben wie Kurt Reich, Leiter Schifffahrt beim Kanton St.Gallen, noch keine Spur. «Bei der Schifffahrt sehen wir aktuell keine Notwendigkeit, Massnahmen zu treffen.» Der Pegel in Rorschach liege stabil bei 396,75 Metern, jener in Konstanz sei am Dienstag sogar um einen Zentimeter gefallen, sagt Reich. «Bis zum Hochwasser von 1999 fehlen noch gute 110 Zentimeter.» Allerdings müsse man bei einem Pegelstand von 397,10 an gewissen Stellen damit rechnen, dass «bei ufernahen Anlagen und Gebäuden überlaufendes Wasser eindringen und Schäden verursachen kann».

Laut dem kantonalen Schifffahrtsleiter im Kornhaus Rorschach musste die Schifffahrt auf dem Obersee letztmals vom 27. Mai bis 30. Juni 1999 wegen Hochwasser eingeschränkt werden. «Da war der Lauf des Alten Rheins von der Mündung bis nach Rheineck für die motorisierte Schifffahrt gesperrt und auf dem offenen See wurde die Uferzone erweitert und die Geschwindigkeit beschränkt.»

Rheinvorländer wieder freigegeben

Der Rhein als wichtigster Zufluss des Bodensees führt zwar reichlich Wasser, aber die Lage ist längst nicht dramatisch. Die zeitweise beidseits gesperrten Rheinvorländer sind seit Samstag morgen wieder freigegeben, laut der internationalen Rheinregulierung (IRR) ist vorläufig noch keine weitere Sperrung geplant.

Aufgrund der intensiven Niederschläge im Bündnerland und der Gefahrenmeldung des Bafu waren die Fuss- und Radwege im Rheinvorland vergangenen Donnerstag und Freitag gesperrt worden. Nach Spitzenabflusswerten von 1300 Kubikmetern pro Sekunde, was einem «kleinen Hochwasser» entspricht, hatte der Rhein am Samstag einen Maximalabfluss von 1075 m3/S und trat somit «knapp nicht ins Vorland», wie es bei der IRR heisst.

Eindrücklich viel Wasser, aber noch unter der Hochwassergrenze: der Rhein am Dienstag bei Diepoldsau.

Eindrücklich viel Wasser, aber noch unter der Hochwassergrenze: der Rhein am Dienstag bei Diepoldsau.

Bild: Ralph Ribi (13. Juli 2021)

Die Prognosen der Niederschlagsmengen im Einzugsgebiet des Rheins seien schwierig und labil, auch für Meteorologen, sagt Daniel Dietsche, Rheinbauleiter Schweiz. Man beobachte die Lage ständig und sei mit dem Prognoseteam des Bafu im Austausch:

«Wir müssen damit rechnen, dass die zweite Welle der Niederschläge ab Mittwoch nochmals erhöhte Wassermengen bringt.»

Wahrscheinlich am Donnerstag werde man einschätzen können, ob das Rheinvorland wieder vorsorglich gesperrt werden muss. Vergangene Woche sei die Lage einzig bei der Rheinbrückenbaustelle in Fussach kritisch gewesen, wo aufgrund einer starken Durchsickerung das Mittelwehr gesichert werden musste. Aber der Rhein sei an keiner Stelle ins Vorland geschwappt.

Die grosse Schneeschmelze ist schon vorbei

Von Mai bis Oktober müsse man am Rhein immer mit Hochwasser rechnen, sagt Rheinbauleiter Dietsche. Doch ein bedrohliches Szenario entwickelt sich nebst starken Niederschlägen meist erst mit einer massiven Schneeschmelze in den Alpen. In diesem Jahr ist der grösste Teil der Schneemengen aber bereits abgeflossen, weiss Dietsche. «Im Einzugsgebiet des Rheins liegt über 1800 Meter nicht mehr viel Schnee. Und die Nullgradgrenze war zuletzt meist über 3000 Meter, also gab es wenig Neuschnee.»

Dietsche geht nicht davon aus, dass der Rhein in den nächsten Tagen bedrohlich hoch kommt. «Aber wie gesagt, eine Prognose ist schwierig.» Je nach Wetterlage könnten allerdings kleinere und mittlere Flüsse die Hochwassergrenze erreichen, darunter etwa die Goldach und der Rheintaler Binnenkanal, die von den Niederschlägen rund um den Hohen Kasten abhängen.

Auch der Rheinbauleiter rechnet damit, dass der Bodensee die Hochwassergrenze erreicht. Und nicht nur Fachleute konsultieren in diesen Tagen vermehrt die internationalen Wasserstandsinformationen auf der Website www.bodensee-hochwasser.info.

Video: TVO