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Seine Kontrolle hat versagt: HSG-Dozent als Verwaltungsratspräsident einer betrügerischen Firma verurteilt

Ein Wirtschaftsprofessor, der seit Jahrzehnten an der Universität St.Gallen lehrt, war 2015 an einer kriminellen Fahrdienst-Firma im Kanton Aargau beteiligt. Die HSG hat seine Lehrtätigkeit inzwischen beendet.

Marcel Elsener
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Die Universität St.Gallen im Frühling.

Die Universität St.Gallen im Frühling.

Bild: Christian Beutler / KEYSTONE

Neuerliches Ungemach für die Universität St.Gallen: Ein Controlling-Spezialist mit langjährigen Lehraufträgen an der HSG wurde von einem Aargauer Gericht wegen Misswirtschaft bei einem Luxusfahrdienst verurteilt. Wie der «Tages-Anzeiger» berichtet, hätte der Professor als Verwaltungsratspräsident mit seiner Expertise und seinem guten Ruf dem Start-up Seriosität verleihen sollen. Es ging um eine Art Luxusvariante des Fahrdienstes Uber: Ein Aargauer Unternehmer wollte mit einer weissen Tesla-Flotte von 700 Elektro-Limousinen und 2100 ausgebildeten Chauffeurinnen eine Mobilitätsrevolution anzetteln. Der Name des Start-ups mit lauter Frauen («Pilotinnen») am Steuer lautete Streez.

Firmengründer erhielt Gefängnisstrafe

Die coole Strassenrevolution endete vor Gericht, wie die «Aargauer Zeitung» im Juni 2016 schrieb, als die Staatsanwaltschaft Anklage erhob. Die Firma war pleite gegangen, Investoren, Mitarbeiter und Geschäftspartner fühlten sich «über den Tisch gezogen». Darunter waren angesehene Branchenkenner wie zwei langjährige SBB-Kaderleute und der erfahrene Wirtschaftsprofessor mit Spezialgebiet Controlling und Rechnungswesen, der seit der Firmengründung den Verwaltungsrat präsidierte.

Der Geschäftsführer wurde als Betrüger zu dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Und auch der Verwaltungsratspräsident trug eine erwiesene Mitschuld: Zwar wurde der Controlling-Professor vom Vorwurf des Betrugs entlastet, doch verurteilte ihn das Bezirksgericht Baden im April 2018 wegen Misswirtschaft und Erschleichen einer Falschbeurkundung zu 300 Tagessätzen zu 240 Franken sowie 5000 Franken Busse. Zudem musste er rund 7000 Franken Verfahrenskosten bezahlen und jüngst auch noch mindestens einen Geschädigten zivilrechtlich entschädigen, wie der «Tages-Anzeiger» schreibt. Der Verurteilte und sein Anwalt wollten sich laut dem Zeitungsbericht nicht zum Fall äussern, der für sie als abgeschlossen gilt.

Controlling-Fachmann reagierte viel zu spät

Gemäss der Staatsanwaltschaft hätte der HSG-Dozent «aufgrund einer einfachen Kopfrechnung» erkennen müssen, dass das von ihm präsidierte Start-up von Anfang an hoch verschuldet war. Und spätestens im September 2015, als der CEO die «Halbwahrheiten, Lügen und falschen Versprechungen» gestand, hätte der Controlling-Fachmann einschreiten und die Behörden informieren sollen. In der Urteilsbegründung, die unserer Zeitung vorliegt, ist von haarsträubenden Versäumnissen des Professors die Rede.

Die Professur für Controlling und Rechnungswesen hat der Mann an einer deutschen Universität inne, an der HSG war er über 20 Jahre lang als Lehrbeauftragter für Betriebswirtschaftslehre (BWL) sowie als Dozent am Institut für KMU tätig. Aufgrund der gerichtlich festgestellten Verfehlungen mit Millionenschaden entschied sich die Universität St.Gallen, die Zusammenarbeit zu beenden. Man habe Anfang 2020 mit dem Controlling-Spezialisten «vereinbart, dass er sich kontinuierlich aus allen Lehrverpflichtungen an der HSG zurückzieht». Dass weiterhin Kurse mit seinem Namen ausgeschrieben sind, begründet die HSG-Pressestelle wie folgt: «Im Rahmen der Weiterbildung an der Universität St.Gallen entscheiden Weiterbildungsveranstaltende selbst, wen sie als Dozierende verpflichten möchten.» Dies gelte auch für die Kursteilnehmenden.

Parallelen zum neu aufgekochten Raiffeisen-Fall Rüegg-Stürm

Nun weist der Fall des Dozenten einige Parallelen mit jenem von Johannes Rüegg-Stürm auf, dem HSG-Professor für gute Unternehmensführung, der als Raiffeisen-Verwaltungsratspräsident in der Causa Pierin Vincenz eine klägliche Rolle spielte. So war der St.Galler Controlling-Spezialist jahrelang Dozent an dem weiterhin von Rüegg-Stürm geleiteten Institut für Systemisches Management und Public Governance und verfasste zusammen mit dem Institutsdirektor auch ein Standardwerk zum Controlling für Manager.

Zwar ist Rüegg-Stürm von der Anklage der Zürcher Staatsanwaltschaft gegen den Ex-Chef von Raiffeisen nicht betroffen, doch gehen die Verfehlungen des HSG-Professors an der Bankenspitze offensichtlich über die fehlende Spesenkontrolle hinaus. Zum einen geht es um fragwürdige Abgangsentschädigungen für den früheren CEO, die der damalige Verwaltungsratspräsident laut Recherchen der «Sonntags-Zeitung» partout auszahlen wollte: «Rüegg-Stürm versuchte mit allen Mitteln, Vincenz das Geld trotzdem zukommen zu lassen, selbst unter Inkaufnahme von Tricks.» Zum andern beschreibt die Zeitung unter Berufung auf Untersuchungsberichte einer Anwaltskanzlei, einer Beratungsfirma und der Bankenaufsicht Finma von «sehr problematischen» Handlungen des Professors im Verwaltungsrat. Er habe Protokolle «geschwärzt» oder «geschönt» und damit die gesetzliche Pflicht sowie interne Regeln verletzt. Ausserdem habe er entgegen der Bestimmungen Mails mit Bankinterna über die Universitäts- statt über die Bankenaccounts laufen lassen und den Prüfern die Daten nur zögerlich herausgerückt.

Für die HSG-Leitung und den Universitätsrat sind die erneuten Enthüllungen um den Professor und Institutsdirektor unangenehm. Man sehe aber keinen Anlass, darauf zu reagieren, nachdem er seine Lehrtätigkeit diesen Frühling beendet habe, sagt Bildungschef und Uniratspräsident Stefan Kölliker. «Wir haben einstweilen gut gehandelt.» Man müsse nun den Prozess, in dem der Professor nicht angeklagt ist, und das Urteil abwarten. Zur Beendigung der Lehrtätigkeit des Controlling-Dozenten äussert sich der Bildungschef nicht, dafür sei das Rektorat zuständig.

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