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HOCHPARTERRE: Die Baukultur im Föhntal

Das Rheintal wird meist aus der Autobahnperspektive wahrgenommen – ein Durchgangstal eben. Die jüngste Publikation des Verlags Hochparterre gibt der Architektur des Rheintals nun erstmals ein Gesicht. Fazit: Es gibt auch hier anspruchsvolle Bauten.
René Hornung
Rathaus Altstätten (2015), Allemann Bauer Eigenmann Architekten. (Bilder: Joshua Loher)

Rathaus Altstätten (2015), Allemann Bauer Eigenmann Architekten. (Bilder: Joshua Loher)

René Hornung

ostschweiz@tagblatt.ch

Vierzig Gebäude zwischen Sargans und dem Bodensee wurden von einer eigens zusammengestellten Jury für den Architekturführer «Bauen im Rheintal» ausgewählt. Sie zeigen die ganze Palette der Bauaufgabe: vom Klinikgebäude über Schulen und Turnhallen bis zu Mehr- und Einfamilienhäusern sowie Fabriken, die in den letzten 20 Jahren in der Region entstanden sind. Die Herausgeber – Sarah Peter Vogt und Joshua Loher, von dem auch alle Fotos stammen – stellen zwar einleitend fest, dass das St. Galler Rheintal in der Architekturberichterstattung kaum eine Rolle spiele, dass hier aber Bauten mit hohem Anspruch stehen. Diesen gibt der handliche Band erstmals ein Gesicht und rahmt die Objektbilder und Pläne mit einem Fotoessay.

Der St. Galler Kantonsbaumeister Werner Binotto – selber ein Rheintaler – blendet im Vorwort auf die Siedlungsentwicklung zurück. Erst die Kanalisierung des Rheins und die Trockenlegung der sumpfigen Auenlandschaft machten die Nutzung und Bebauung der Ebene möglich. Querverbindungen zwischen der Vorarlberger und der St. Galler Seite sind deshalb relativ jung. Der Nord-Süd-Handelsverkehr aber hat auf beiden Talseiten eine lange Geschichte. Daraus entstand eine kleinstädtische Kultur. «Die Baukultur des Tales», stellt Binotto fest, «ist von pragmatischer Notwendigkeit geprägt.» Die Bauernhäuser seien einfach «und erreichen selten die hohen künstlerischen Ausstattungen, wie sie aus dem Appenzellerland bekannt sind». In den wenigen städtischen Zentren gebe es zwar prächtige Bauten, «aber sie sind nicht die Regel». Um dies zu erleben, rät er, der alten Landstrasse aus dem 19. Jahrhundert zu folgen, denn noch zeigen sich einzelne Orte dort in ihrer ursprünglichen Form, etwa in ­Balgach oder Rebstein.

Von der Angst und vom Respekt vor Wasser und Feuer geprägt

Die Rheintaler – so zieht Werner Binotto Bilanz – seien jahrhundertelang von der Angst und vom Respekt vor Wasser und Feuer geprägt worden. Sie seien deshalb «vorsichtig und wertbeständig, zuverlässig, vertrauenswürdig und äusserst praktisch veranlagt. Die widerspenstige Natur hat sie gelehrt, einfallsreich zu sein. Die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, und das Beste daraus zu machen. Vielleicht sind die Menschen in diesem Tal deshalb ausgesprochen innovativ.» In seiner Spurensuche geht Herausgeber und Architekt Joshua Loher der Frage nach, ob es überhaupt eine Rheintaler Architektur gibt. An Beispielen zeigt er dann auf, dass es auch in zerstreuten städtebaulichen Situationen gelingt, pragmatisch zu reagieren. «Eine Zurückhaltung zu Gunsten einer übergeordneten Idee ist wohltuend und trotz der Bescheidenheit innovativ – oder sogar gerade deswegen.» Man spüre die Lust, bestehende Pfade zu verlassen, zu experimentieren, Bekanntes gegen den Strich zu bürsten und Neues zu denken – immer mit dem Ziel, unaufgeregte, angemessene Lösungen zu finden. Und so folgert er: «Ja, es gibt eine Rheintaler Architektur. Sie ist aber nicht an der Oberfläche erkennbar. Man muss sich mit ihr auseinandersetzen, sich Zeit nehmen.»

Ein dritter Grundsatztext im Architekturführer stammt von Robert Fabach. Der Architekt und Publizist ist Lehrbeauftragter an der Universität Liechtenstein und befasst sich seit langem mit der Entwicklung in Vorarlberg. Er stellt fest, dass das Rheintal trotz der Entwicklung zum High-Tech-Industriestandort aus St. Galler oder Zürcher Perspektive immer noch als «Hinterland» betrachtet werde. «Mitunter ist es allerdings ein Vorteil, unterschätzt zu werden, eröffnen sich doch dadurch Freiräume für Entwicklungen und Experimente.»

Die Siedlungsentwicklung sei auf der Vorarlberger wie auf der St. Galler Seite des Tals ähnlich. Vor allem im unteren Rheintal wachsen die Orte immer mehr zusammen – es ist eine Bandstadt entstanden. Vorarlberg habe diese Entwicklung etwas besser steuern können. Dort wurde schon vor zehn Jahren mit der «Vision Rheintal» eine breitangelegte Raumentwicklungsstudie durchgeführt. Aus wirtschaftlicher Rücksichtnahme werde diese Vision aber nur langsam umgesetzt.

Nicht am Rand der Schweiz, sondern mitten in Europa

Fabach stellt für die Vorarlberger Seite eine auffallende Homogenität des Landschaftsbildes «und so etwas wie eine zeitgenössische Tradition» fest. Auf der St. Galler Seite ergebe sich wegen anderer politischer Rahmenbedingungen und deutlich tieferer Wohneigentumsquote ein anderes Bild. Das Bekenntnis zur Deutschschweiz führe dazu, dass Bauten eher von Städten und Universitäten geprägt seien. Trotzdem: «Als Experimentier- und Entwicklungsfeld steht das St. Galler Rheintal nicht am Rande der Schweiz, sondern inmitten einer vitalen und europäischen Region.»

Der Architekturführer «Bauen im Rheintal» aus dem Verlag Hochparterre wurde gestern Abend im Architektur­forum Ostschweiz vorgestellt

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